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Lohn und soziale Absicherung für Bäuerinnen

Lotti Baumann ist Bäuerin und Kantonalpräsidentin der Aargauer Landfrauen.

Frau Baumann, am 14. Juni werden Sie beim Frauenstreik mit dabei sein. Was hat Sie persönlich dazu bewogen mitzumachen?

Lotti Baumann:  Die althergebrachte Rollenteilung zwischen Männer und Frauen fand ich schon als kleines Mädchen unfair. Zum Beispiel wenn sich nach schweren Arbeiten, wie Heu pressen, Strohballen einbringen, Kartoffelernte, was auch immer, die Männer an den Tisch setzten und die Frauen das Essen auftischen und abräumen mussten. Dazwischen mussten sie bedienen … dabei waren alle gleich müde. Das war früher. Doch heute ist das mancherorts immer noch so. 

Mein ganz persönlicher Grund, um am 14. Juni zu streiken ist die Gewalt und diverse Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen, wie Lohnungleichheit oder Diskriminierung.
Ich habe übrigens erst in den letzten Jahren den Mut gefunden, gegen traditionell festgelegte Rollen anzugehen und mich für die Rechte und Anliegen der Frauen zu engagieren. Filme wie «Die göttliche Ordnung» oder «Köpek» machen mich tief betroffen.

Bekommen Sie Lämpen mit Ihrem Mann, wenn Sie am 14. Juni streiken?

Nein, er unterstützt mich. Die Zeit der Lämpen hatten wir aber, als ich vor einigen Jahren mein Selbstbewusstsein entdeckte und plötzlich mich, und nicht mehr meinen Mann und die Kinder, in den Vordergrund stellte. Glücklicherweise hat sich mein Mann dieser Herausforderung gestellt. Inzwischen hat er auch begonnen, Dinge anders zu sehen und heute haben wir einen guten Weg gefunden, der für uns beide und auch die Kinder stimmt.

Was muss sich für die Bäuerinnen/Landfrauen ändern?

An erster Stelle steht die Forderung nach Lohn und sozialer Absicherung für Bäuerinnen. Ich wünsche mir aber, dass alle Landfrauen Eigenverantwortung übernehmen und sich dafür einsetzen, dass sie Lohn bekommen für ihre Arbeit und dass sie gut versichert sind. Das Problem ist, dass wir uns dem Betrieb zuliebe viel zu oft anpassen und hintenanstehen.

Haben Sie Gegenwind zu spüren bekommen?

Eigentlich nicht mal sooo viel. Auf jeden Fall nicht direkt, eher im Hintergrund. Das bekomme ich schon mit. Traurigerweise habe ich seitens der Landfrauen nur wenig Rückmeldung erhalten. Weder negative noch positive – und ich habe keine Ahnung, wie viele Frauen am 14. Juni wirklich in Aarau aufkreuzen.

Natürlich gab es vereinzelt Kritik. Streik ist tabu und löst im ersten Moment Ablehnung aus. Mir wurde vorgeworfen, wir würden mit unseren Forderungen einen Geschlechterkampf auslösen, wir seien mit unserer Rolle als Frauen unglücklich. Doch es verhält sich genau umgekehrt: Ich bin stolz, Frau und Mutter zu sein. Ich bin auch sehr gerne Bäuerin und liebe die Zusammenarbeit mit meinem Mann. Dass meine Arbeit geschätzt wird und ich meinen eigenen Lohn verdienen kann, tut mir gut. Auch bei uns gibt es noch Potenzial, aber ich finde, wir sind auf einem guten Weg. 

Und genau weil ich mit meiner Situation glücklich bin, habe ich die Energie, mich für diejenigen Frauen einzusetzen, bei denen es nicht so gut läuft. Es soll allen Frauen gut gehen, denn: Frauenrechte sind Menschenrechte. – Nicht mehr und nicht weniger.

Wie wird die Streikaktion der Landfrauen aussehen?

Wir werden von 15.30 bis 16.45 Uhr in Stühlen auf dem Schlossplatz in Aarau sitzen und nichts tun. Das ist etwas, das wir ja ansonsten nie tun! Schon gar nicht in der Erntezeit. Wir werden Essen und Getränke dabeihaben (und untereinander tauschen und probieren). Wer danach noch mag, nimmt am Umzug und an den Kundgebungen teil, die das Frauenstreikkomitee Aargau organisiert.
Die Frauen des Katholischen Frauenbunds werden am 14. Juni ebenfalls mit dabei sein, was uns sehr freut.

Foto: J.P. Ritler

www.landfrauen-ag.ch

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