2019, Heute
Schreibe einen Kommentar

Frauenliebe und Feminismus

Corinne Rufli, Historikerin und Journalistin, erforscht die Geschichte lesbischer Frauen in der Schweiz. Sie ist Autorin des Buches «Seit dieser Nacht war ich wie verzaubert. Frauenliebende Frauen über siebzig erzählen». Mit ihrer erfolgreichen Publikation reist sie durch ganz Europa, organisiert Lesungen und hält Vorträge. Dazu leitet sie das AAKU – Aargauer Kulturmagazin.

«Ich möchte diese schönen und traurigen, unangepassten und unbekannten Geschichten älterer lesbischer Frauen sichtbar machen.»

Frau Rufli, die Geschichten in Ihrem Buch sind Geschichten der Emanzipation. Wie lebten lesbische Frauen in der Nachkriegszeit der Schweiz? 

Corinne Rufli: Die Frauen, die ich in meinem Buch porträtiere, sind lange vor der Frauenbewegung der 1970er-Jahre aufgewachsen. Sie mussten ihren Weg in einer Zeit suchen, in der das bürgerliche Familienideal vorherrschte, und es kaum Platz für alternative Lebenswege gab. Eine Zeit, in der Frauenliebe nicht denkbar war. Die Geschichten zeigen, wie unterschiedlich jede Frau ihre Liebe zu Frauen lebte oder leben konnte. Während einige Frauen schon in jungen Jahren wussten, dass sie Frauen liebten und nie einen Mann heiraten wollten, realisierten andere erst in einer Ehe oder gar nach der Pensionierung, was diese Gefühle, die sie ein Leben lang begleitet hatten, eigentlich bedeuteten. Unter dem Deckmantel des Patriarchats war zwar einiges möglich, dennoch dürfen die Folgen von lebenslanger Unterdrückung und Diskriminierung nicht unterschätzt werden. Diese ältere Generation von lesbischen Frauen wurde von der Gesellschaft unsichtbar gemacht – bis heute. 

Welche Auswirkungen hat diese Unsichtbarmachung? 

Sehr unterschiedliche: Viele Frauen konnten sich ihre Liebe zu Frauen ein Leben lang nicht eingestehen oder hatten grosse Angst, dass sie bekannt wird. Viele mussten ihre Beziehungen oder Gefühle geheim halten, einige heirateten gegen ihren Wunsch, andere zogen sich zurück und lebten sehr isoliert. Dass das krank machen kann, muss wohl nicht gesagt werden. Darum ist es für viele Frauen eine Erlösung, über das eigene Leben sprechen zu können, ohne den «lesbischen» Teil ausklammern zu müssen, oder sogar Bewunderung und Respekt zu bekommen für den gegangenen Lebensweg.
Es ist wichtig, dass man sich irgendwie in der Welt repräsentiert fühlt, dass man sich identifizieren kann mit jemandem. Das merke ich in meinen Gesprächen mit älteren, frauenliebenden Frauen immer wieder oder höre ich bei den vielen öffentlichen Auftritten mit meinem Buch. Ich möchte diese schönen und traurigen, unangepassten und unbekannten Geschichten sichtbar machen, ich kämpfe dafür, dass all diese Geschichten zusammen als Teil der Geschichte der Schweiz anerkannt werden. 

Über die Geschichte lesbischer Frauen in der Schweiz ist sehr wenig bekannt. Können Sie ein paar Meilensteine nennen?

1931 gründeten vier Frauen in Zürich den Damenclub Amicitia. Das war der Anfang der ersten bekannten Organisierung von lesbischen Frauen in der Schweiz. Zerstört wurden diese Emanzipierungsschritte durch die Bedrohung von Nazi-Deutschland und dessen Auswirkungen innerhalb der Schweiz. Wie sich lesbische Frauen während oder nach dem Krieg wieder vernetzten ist bislang nicht bekannt.

1974 wurde die Homosexuelle Frauengruppe (HFG) Zürich gegründet. Diese Frauen wollten ihren eigenen Platz innerhalb der Frauenbewegung und stellten so ihre spezifischen Forderungen. Das gilt als Beginn der feministischen Lesbenbewegung der Schweiz.

2007 trat das Partnerschaftsgesetz in Kraft. Der langjährige Kampf dafür war geprägt von einer erhöhten Sichtbarkeit und Selbstverständlichkeit von lesbischen Frauen in den Medien und Gesellschaft. Das erleichterte vielen Frauen ein Coming Out, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, wie oft (auch ganz junge) Frauen heute noch stigmatisiert werden, wenn sie sich outen. Es gibt noch viel zu tun. 

Welche Bücher oder Filme zum Thema empfehlen Sie?

Beiträge zur Lesbengeschichte der Schweiz sind leider selten und werden ohne Finanzierung und mit viel Eigeninitiative oft aus der Community heraus erarbeitet. Ich engagiere mich für die Plattform l-world.ch, sie funktioniert wie Wikipedia, wo wir das Wissen zur Lesbengeschichte der Schweiz sammeln. Alle dürfen und sollen mitschreiben. Zusätzlich bin ich Mitorganisatorin der Lesbenspaziergänge in Zürich, um die Geschichte lesbischer Frauen gemeinsam bei einem Spaziergang zu erfahren, und sich miteinander über die je eigene Geschichte auszutauschen.

  • Ein wichtiger Beitrag zur frühen Organisierung lesbischer Frauen ist von Ilse Kokula und Ulrike Böhmer: «Die Welt gehört uns doch! Zusammenschluss lesbischer Frauen in der Schweiz der 30er Jahre», Zürich 1991.
  • «Häutungen» (1975) von Verena Stefan. Ein feministisches und lesbisches Coming Out, das bis heute sehr berührt.
  • «Katzenball» (2005), Dokumentarfilm von Veronika Minder mit lesbischen Frauen aller Generationen. Ein wunderbares Zeitdokument.

Wen sollten unsere Leser_innen kennen?

  • Caroline Farner (1842 – 1913) erste Allgemeinärztin in Zürich, die mit ihrer Lebenspartnerin Anna Pfrunder um 1900 einem regelrechten «Hexenprozess» ausgesetzt war.
  • Annemarie Schwarzenbach (1908-1942), Historikerin, Schriftstellerin, Fotografin, Reisejournalistin und Morphinistin.
  • Meine Müttergeneration, sprich all die Vorkämpferinnen aus der Lesbenbewegung der 70er/80er-Jahre, die oft bis heute aktiv sind.
  • Meine Grossmüttergeneration: All die sichtbaren und unsichtbaren lesbischen Seniorinnen, die begonnen hatten, Wege für meine Generation zu bereiten.

Foto: Sandra Ardizzone

www.lesbengeschichte.ch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.