2019

Religion und Politik

Esther Gisler Fischer ist Pfarrerin in Zürich-Seebach. Sie beschäftigt sich mit kontextuellen Theologien aus Frauensicht und der Rolle von Frauen in religiösen und kulturellen Traditionen.

Frau Gisler Fischer, früher spielte der Zusammenhang von Politik und Religion eine wichtige Rolle. Ist das immer noch so?

Esther Gisler Fischer:  Religion wird gerne in die Privatsphäre verwiesen, doch ist sie im öffentlichen Raum sehr wohl virulent. Auch wenn sich viele Menschen heutzutage als säkular verstehen, ist Religion unterschwellig vielfach ein Thema. Irgendwie hat auch ein Shift vom Religiösen ins Weltliche stattgefunden. Eindrücklich hat mir dies der Film #Female Pleasure der Schweizer Regisseurin Barbara Miller gezeigt: Frauen*verachtung und Abwertung der weiblichen Sexualität mag zwar seinen Ursprung in religiösen Ordnungen und Weltanschauungen haben, doch gibt es sie auch unter sogenannt aufgeklärten Menschen. Weshalb sonst grassiert weltweit Gewalt an Frauen* und werden Frauen* nach wie vor aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert?

Fundamentalismen

Fundamentalismen sind sowohl in Religion und Politik im Vormarsch. Die Vertreter_innen solcher Backlash-Tendenzen befeuern sich gegenseitig. So durch alles, was sich mit Gender beschäftigt: Rechtsnationale Kreise fürchten um den Verlust des überbrachten Rollensettings und Kirchen um die Zerstörung der «göttlichen Ordnung» zwischen den Geschlechtern; – unheilige Allianzen in der Tat!

«Wenn Gott ein Mann ist, ist das Männliche göttlich.»

Es ist schon über 45 Jahre (!) her, seit Mary Daly in ihrem Buch Jenseits von Gottvater, Sohn & Co ihre viel zitierte Kritik an einseitig männlichen und herrschaftsorientierten Gottesvorstellungen publizierte. Und vor Jahrzehnten bereits trat die Feministische Theologie an, die Verflechtungen von Gesellschaftsformen, Gottesvorstellungen und Geschlechterrollen zu analysieren und kritisch zu hinterfragen. Bis heute arbeiten ihre Vertreterinnen intensiv weiter an einer angemessenen und befreienden Rede von Gott, mit der sie sich wirksam in die öffentliche Debatte einmischen. «Wie im Himmel, so auf Erden» eben.

Besteht dieser Zusammenhang von Politik und Religion auch in der Schweiz?

Ja klar. Die Diskussionen um sogenannt christliche Werte, welche gerne gegen den Islam und Muslim_innen ins Feld geführt werden, sind dafür ein Beispiel. Auch das Minarettverbot und die Initative für ein Kopftuchverbot gehören in diese Kategorie. Meist bleiben bei diesen Diskussionen und gesetzlichen Festschreibungen die Integrität der Betroffenen auf der Strecke und nicht selten gerade die Rechte der Frauen* auf Selbstbestimmung und Teilhabe.

Gibt es auch religiöse und kulturelle Traditionen, in denen Frauen eine wichtige Rolle spielen?

Frauen spielen überall da eine wichtige Rolle, wo Mann sie eine spielen lässt. 
Festzustellen ist, dass in den monotheistischen Religionen Frauen es besonders schwer hatten und haben, einen gleichgestellten Platz im Kult, aber auch in den Entscheidungsebenen einzunehmen. Leider wird bis jetzt auch bei uns die Religionsfreiheit höher gewichtet als das Diskriminierungsverbot. Das ist wahrscheinlich der patriarchalen DNA auch vom Staat anerkannter Religionsgemeinschaften geschuldet, wie etwa der römisch-katholischen.

Weltweit gesehen gibt es durchaus Kulturen, wo Frauen von je her eine bessere soziale Stellung hatten und haben. Zu nennen sind da die matrilinear organisierten Völker der Khasi in Nordindien, die Minangkabau in Sumatra und die Mozuo in Südchina. Dort gehören Land und Haus den Frauen und die Männer sind den Frauen und deren Kindern zugeordnet. Festgestellt wurde da sehr geringes Vorkommen von häuslicher Gewalt und Verarmung durch Vertrinken des familiären Verdienstes. Aus der Missionsgeschichte ist bekannt, dass bei den Dayak in Borneo durch die weissen Missionare die Macht der Haus- und Sippenvorsteherinnen geschwächt wurde; dies auch im kultischen Bereich, wo sie ihre Definitionsmacht an die christlichen Prediger abgeben mussten.

Noch eine letzte Frage: Welche Frauen sollten unsere Leserinnen und Leser kennen?

– Mary Daily, Pionierin der Feministischen Theologie und Autorin des Buches Jenseits von Gottvater Sohn & Co – Aufbruch zu einer Philosophie der Frauenbefreiung (1980)
– Gertrud Heinzelmann, Autorin der Streitschrift Die geheiligte Diskriminierung – Beiträge zum kirchlichen Feminismus (1986)
– Denise Buser, Staatsrechtlerin und Autorin des Buches Die unheilige Diskriminierung – eine juristische Auslegeordnung für die Interessenabwägung zwischen Geschlechtergleichstellung und Religionsfreiheit beim Zugang zu religiösen Leitungsämtern (2014)
– Franziska Schutzbach, Autorin der Analyse Die Rhetorik der Rechten – Rechtspopulistische Diskursstrategien im Überblick (2018)

Filmtipps: 
God Exists, Her Name is Petrunya von Teona Strugar Mitevska, Mazedonien, 2019
#FemalePleasure – Fünf Frauen, Fünf Kulturen, Eine Geschichte
von Barbara Miller, Schweiz, 2018

Lesetipp: 
Das aktuelle Heft der Zeitschrift Neue Wege – Religion. Sozialismus. Kritik. zur «göttlichen Ordnung»

1 Kommentare

  1. Wer, wie ich, der Kirche den Rücken gekehrt hat, ist trotzdem froh, dass es Theologinnen gibt, die den patriarchalen Zusammenhängen in Kirche und Staat auf die Spur gehen. Sie helfen meiner Ansicht nach, die Symbolischen Hintergründe der Macht Strukturen aufzuzeigen und den Weg in eine gerechtere und damit auch mitmenschlichere Gesellschaft zu weisen.

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