2019
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Rechtliche und gelebte Gleichstellung

Anja Derungs, Mediatorin, leitet die Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich. Sie ist Präsidentin der Schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten (SKG).

Frau Derungs, was genau tut eine Fachstelle für Gleichstellung?

Anja Derungs: Wir setzen uns täglich ein für die rechtliche und gelebte Gleichstellung von Frauen und Männern, von Lesben, Schwulen und Bisexuellen und von intergeschlechtlichen und trans Menschen. Wir informieren, beraten, vermitteln in Konflikten, bieten Weiterbildungen an, machen Projekte und führen eine Bibliothek zu Gleichstellungsthemen.

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Was hat der Feminismus in der Schweiz bis jetzt erreicht? Was noch nicht?

Anja Derungs: Feministinnen und Feministen – aber auch Menschen, die sich nicht als solche bezeichnen – haben viel erreicht. Gerade in Bezug auf die rechtliche Gleichstellung. Doch bei der tatsächlichen Gleichstellung gibt es noch viel zu tun. Zentrale Missstände bestehen noch immer: fehlende Lohngleichheit, Alltagssexismus, Gewalt an Frauen*, nicht anerkannte unbezahlte Arbeit, mehrheitlich von Frauen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Zudem sind Frauen oft von mehrfacher Diskriminierung betroffen, weil sie zusätzlich marginalisierten Gruppen angehören, zum Beispiel am Existenzminimum leben, lesbisch sind, eine körperliche Beeinträchtigung oder eine andere Hautfarbe als weiss haben. 

Auch bezüglich Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung gibt es noch viel zu tun. Die Ehe steht heute immer noch nicht allen Menschen gleichermassen offen. Lesbische Frauen haben im Gegensatz zu heterosexuellen verheirateten Frauen keinen Zugang zur Fortpflanzungsmedizin. Und die Arbeitslosenquote beträgt bei trans Menschen ca. 20 %. Sie liegt damit fast fünfmal höher als bei der Schweizer Gesamtbevölkerung.

Sogenannte Frauenberufe werden schlechter entlöhnt als «Männerberufe». Wie könnte das geändert werden?


Es muss ein Umdenken stattfinden. Die Vorstellungen, Männer seien die Familienernährer und Frauen die Hüterinnen des heimischen Herdes ist über Jahrhunderte gewachsen. Diese Vorstellung prägt auch unsere Sicht auf sogenannte Frauenberufe und Männerberufe. Diese Rollenteilung hat zwar nur in einer kleinen gesellschaftlichen Schicht – dem Bürgertum – jemals der Realität entsprochen, wurde aber als Idealzustand propagiert. Wir müssen aufhören, dies als Naturzustand anzusehen – es ist keiner. 

Wenn Lohnungleichheit einerseits sanktioniert wird und ihr andererseits in Erziehung und Wertvorstellungen die Legitimation entzogen wird – weil vermeintlich «weibliche» Arbeit gleich viel Wert ist wie «männliche» – sind wir auf dem guten Weg. Die Wertigkeit von Berufen ist kein individuelles Problem der Frauen im Sinne, dass die ganz einfach die falschen Berufe wählen, die schlecht bezahlt sind. Es ist umgekehrt: Berufe, die traditionellerweise als Frauenarbeit angesehen werden, werden weniger wertgeschätzt und weniger honoriert.

Noch immer sind Machtpositionen in Wirtschaft und Politik vorwiegend männlich besetzt. Was denken Sie, weshalb halten sich althergebrachte Strukturen so hartnäckig?

Weil die Strukturen so entstanden und gewachsen sind. Der moderne Arbeitsmarkt, die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern und die Rollenbilder und -erwartungen sind zeitgleich entstanden. Diese Strukturen zu verändern bedeutet also auch, unser Denken zu verändern. Es geht nicht bloss um das Verhalten individueller Frauen, im Sinne von: Frauen müssen sich mehr zutrauen und mehr fordern. Es geht auch darum, Privilegien und strukturelle Machtverhältnisse überhaupt erst sichtbar zu machen. Am Ende kommt mehr Freiheit für alle heraus.

Wie gehen Sie mit Kritik und Angriffen auf Ihre Person und die Gleichstellungsarbeit im Allgemeinen um?

Persönliche Angriffe kommen eher selten vor. Dass Gleichstellungsarbeit kritisiert wird, ist Alltag. Veränderungen lösen Widerstand aus. Und: Es gab immer Menschen – Frauen und Männer – die mit dem heutigen gesellschaftlichen Zustand zufrieden waren. Sie fühlen sich als Frau nicht diskriminiert oder als Mann nicht privilegiert. Das kann im Einzelfall ja auch stimmen – aber strukturell, also im Grossen und Ganzen, stimmt es ganz einfach nicht.

> Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich

> EQUALITY.CH – Schweizerische Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten (SKG)

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