2019

Frauen in der Techbranche


Valérie Vuillerat setzt sich seit vielen Jahren für Diversität in der Technologiebranche ein. 

Frau Vuillerat, was hat Sie in Ihrer Jugend für einen IT-Beruf motiviert?

Ich bin quasi mit dem Computer aufgewachsen. Mein Vater war Informatiker und ich habe früh herausgefunden, dass der Computer mein Leben vereinfacht. So zum Beispiel beim Schreiben von Aufsätzen und beim Erstellen von Präsentationen. Obwohl ich mich ganz und gar nicht zu den Gamerinnen zähle, liebte ich es damals Tetris zu spielen. Als das Internet aufkam, war ich fasziniert davon, wie einfach zugänglich Wissen wurde, auch ohne den Gang zur Bibliothek.

In der Schweiz liegt der Frauenanteil in IT-Berufen bei rund 15 Prozent. Woran könnte das liegen?

Studien zeigen, dass fast 40 Prozent der Personen, die eine MINT-Ausbildung abschliessen (MINT = Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik), weiblich sind. Die Frage ist, wo diese Frauen nach ihrer Ausbildung hingehen. Denn in der klassischen Tech-Branche findet man sie nicht in vergleichbarem Ausmass. 

Der Grund für die Neuorientierung dieser Frauen liegt am Berufsbild und an der Unternehmenskultur in IT-Abteilungen, die sehr männlich geprägt sind. Diversität zu rekrutieren ist nicht schwer. Schwieriger ist es, die Frauen im Beruf zu halten. Da liegt viel Potenzial brach.

Wie könnte das geändert werden?

Um Frauen wirklich zu halten, muss am Mindset, an der Unternehmenskultur gearbeitet werden. Diese wird meistens durch die Unternehmensführung geprägt. Deshalb ist es essenziell, zuerst dort anzusetzen. Solange diejenige die Entscheidungen treffen, die für althergebrachte Strukturen sind, wird sich nichts ändern. Veränderung wird dann möglich, wenn wir mehr Frauen in Führungspositionen bringen und eine Kultur der Inklusion schaffen. Dann wird das Rekrutieren, das Halten und das Fördern von Frauen in der IT einfacher sein als jetzt. Ich habe diese Erfahrung als Chefin der Digitalagentur Ginetta selbst gemacht. Wir hatten schlicht nie Probleme, talentierte Frauen zu finden.

Wären Quoten eine Möglichkeit?

Ich würde das sehr begrüssen. Nicht, weil ich Quoten per se cool finde, sondern weil damit in anderen Ländern die Gleichstellung erfolgreich durchgesetzt wurde. In den nordischen Ländern gibt es zum Beispiel kein Gender-Problem mehr in Führungspositionen. Dort sind die Rahmenbedingungen so gut, dass jede Frau arbeiten kann. Temporäre Quoten können uns also helfen, das System schneller zu verändern.

Weshalb sollten Unternehmen weibliche IT-Fachleute einstellen?

Die Belegschaft in der technologischen Entwicklung sollte ähnlich divers sein, wie die Zielgruppe, für welche die Unternehmen ihre Leistungen erbringen. Frauen haben eine andere Sicht auf die Welt als Männer. Deshalb ist es wichtig, gemeinsam Entscheidungen zu treffen und mehr Vielfalt in die Unternehmenswelt zu bringen. Nur so können wir Lösungen entwickeln, die für die ganze Gesellschaft nachhaltig funktionieren. Die IT-Branche ist eine zukunftsweisende Branche. Dort entstehen neue Technologien wie Künstliche Intelligenz oder Blockchain. Gerade im Machine Learning ist es essenziell, dass Systeme nicht nur von Männern lernen. Es kann für uns Frauen sogar sehr gefährlich werden, wenn Künstliche Intelligenz ausschliesslich von Männern gemacht wird. Auch deshalb brauchen wir Diversität.

Aus welchen Gründen entscheiden sich Frauen für eine IT-Stelle? Ist das Klima für Frauen in einem Grossunternehmen oder in kleinen Betrieben angenehmer?

Frauen wollen heute etwas bewirken. Und sie wollen sich weiterentwickeln. Dafür braucht es partizipative Führungskräfte. Chefs die Verantwortung weitergeben, Mitarbeitende unterstützen und fördern. Solche, die auch Fehler zulassen, damit man davon lernen und Erfahrung sammeln kann. Ich denke, es spielt keine Rolle, ob Grossunternehmen oder kleinerer Betrieb. Die Firmenkultur ist entscheidend. Es braucht eine Kultur der Inklusion, sprich Vielfalt soll willkommen sein. Authentizität und Transparenz sind entscheidend.

Wen aus der Techbranche sollten unsere Leser_innen kennen?

  • Xiaoqun Clever, Chief Technology & Data Officer and Group Executive Board Member @Ringier
  • Lea von Bidder, CEO von AVA Women
  • Sandra Tobler, CEO Futurae Technologies AG
  • Ilona Baier, CEO Ginetta AG
  • Cornelia Diethelm, CEO Shifting Society
  • Linda de Winter, Member of Executive Board & Head of Development @Die Post
  • Melanie Kovac, Founder of Master21.academy
  • Marianne Janik, CEO Microsoft Schweiz
  • Anna Jobin, Forscherin an der ETH Zürich
  • Adrienne Fichter, Technologiejournalistin Republik

Valérie Vuillerat und Ihre Geschäftspartnerinnen unterstützen mit Witty Works Techfirmen in der Rekrutierung, dem Halten und Fördern von Techfrauen. witty.works

2 Kommentare

  1. Min Li sagt

    Die 40% beziehen sich auf den gesamten MINT-Bereich und nicht nur auf die IT. Siehe z.B. zweiter Link, im Bereich Chemie und Life Science (was ebenfalls zu MINT gehört) ist der Frauenanteil bei 44%)

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