2019
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Frauen* im Literaturbetrieb

Das Autorinnen-Kollektiv RAUF besteht aus Anaïs Meier, Gianna Molinari, Katja Brunner, Michelle Steinbeck, Sarah Elena Müller, Tabea Steiner, Julia Weber.

Julia Weber (*1983) studierte «Literarisches Schreiben» am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Ihr erster Roman «Immer ist alles schön» erschien im Jahr 2017. 

Frau Weber, Sie sind Teil des Autorinnen-Kollektivs «Rauf». Was ist das Ziel dieser Autorinnen-Gruppe?

Julia Weber:Entstanden ist das Kollektiv durch eine Rundmail der Autorin Anaïs Meier, die uns angeschrieben hat. Es ging im ersten Treffen darum, sich über Erfahrungen auszutauschen, die man als junge Autorin in diesem Betrieb macht. Sei es, dass ein älterer Autor auf der Bühne einen nicht zu Wort kommen lässt oder auf der Bühne extra für einem eine Lehrveranstaltung veranstaltet, obschon man eigentlich eingeladen wurde über das zu reden, was man tut und auch kann. Es ging um persönliche Erfahrungen. Es ging darum wie wir auf solche Situationen reagieren können.
Von da aus kamen wir dann schnell zu der strukturellen Benachteiligung der Autorinnen im Betrieb. Zum Kanon, in dem Schriftstellerinnen nicht ausreichend vertreten sind. 
Nun treffen wir uns einmal im Monat und bereden die Situation, planen Anlässe und Projekte, die diesen Kanon revisionieren sollen.
Alle drei Monate gibt es einen Stammtisch, an den jegliche Frauen* des Literaturbetriebs eingeladen sind, zu bereden, Vorträge anzuhören, um zu diskutieren und auch die Faust auf den Tisch zu hauen.

Beispiele von Projekten:

– Die Fabrikzeitung, bei der Michelle Steinbeck Redaktorin ist, hat eine Ausgabe den alten Meisterinnen gewidmet. Die Autorinnen von Rauf verfassten darin Texte über und zu verstorbenen Schriftstellerinnen. Entstanden ist die Idee aus der Diskussion über die Jubiläums-Festlichkeiten für Keller und Co. und aus dem Fehlen solcher Festlichkeiten für Schriftstellerinnen.

Ausserdem wollten wir für einmal explizit Autorinnen als Vorbilder auf den Sockel stellen – weil wir gemerkt haben, dass wir vornehmlich mit männlichen Autoren literarisch sozialisiert wurden. Das hat unser Bewusstsein als Schreibende geprägt, und wir möchten gerne, dass künftige Lesende da eine vielfältigere Auswahl haben. 

– Es gab einen Anlass mit whowriteshistory im Buchladen Material:
Mit Lesungen und dem Wikipedia-Workshop.

– Am Tag des Frauenstreiks werden wir einen Kanon singen.

Wir wollen eine Bewegung anstossen, ein Netzwerk schaffen, das auf keinen Fall ausschliessend sein soll, sondern das in der Zukunft Diversität fördern will und vergessene Autorinnen aus der historischen Versenkung herausholen will. 

«Rauf ist, dass wir der Vereinzelung durch Kulturkonkurrenz, Geniekult und dem Narrativ der einsamen Wolfsschriftstellerin etwas entgegensetzen, unsere vereinten Hirne und Texte, Kräfte und Wünsche. Den Platz ausdehnen, teilen und freiräumen von den unhinterfragten Selbstverständlichkeiten der Platzhirsche und die eigene Selbstverständlichkeit leben.»

Sarah Elena Müller


Welche frühere Autorinnen haben mehr Sichtbarkeit verdient? Und weshalb?

Alle die haben die Sichtbarkeit verdient, die aus dem männlichen Kanon rausgefallen sind, weil sie Frauen waren und sind. Alle die haben Sichtbarkeit verdient, die nicht gesehen wurden, weil sie Frauen sind.

Frauen haben schon immer geschrieben und dadurch, dass sie nicht kanonisiert wurden, sind wichtige literarische Zeitzeugnisse verloren gegangen. Die müssen sichtbar gemacht werden. 

*

Titelbild:
Von links nach rechts: Mariann Bühler (Moderation an den Solothurner Literaturtagen, Lesung und Gespräch zu Ausgabe der alten Meisterinnen, Fabrikzeitung) Michelle Steinbeck, Tabea Steiner, Gianna Molinari, Sarah Elena Müller, Anaïs Meier

Webseite von Julia Weber: www.literaturdienst.ch

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