Gesellschaft

Stadtgeiss-Hirtin

Julia Hofstetter (*1971 ) ist unter anderem als Hirtin von sieben Stadtziegen in Zürich Nord tätig.

Frau Hofstetter, Sie haben den Verein Stadtgeiss gegründet. Wie kam es dazu und was genau tut der Verein?

Julia Hofstetter: Es fing damit an, dass ich in Zürich Nord eine Hektare Land pachtete. – Ich war übrigens verblüfft, dass es überhaupt möglich ist, mitten in Zürich eine Wiese zu pachten. Zu jenem Zeitpunkt wurde ich von einer Sinnkrise durchgeschüttelt. Ich war sehr müde, hatte zuvor in einer Klimaschutzorganisation die Abteilung Umweltbildung aufgebaut und war voller Zweifel, wusste nicht, ob Klimaschutz in dieser Form Sinn macht und, ob die Projekte, die ich erfunden hatte, etwas taugten. Nach vielen Jahren Engagement kam plötzlich alles ins Wanken. Ich schmiss diesen Job hin und wusste nicht weiter.

Deshalb war die Wiese für mich ein Geschenk. Ein Ort, wo ich mich in die Arbeit stürzen und mir meine Verzweiflung aus dem Leib hämmern konnte. Ich habe viel gehämmert. Und gesägt. Und gemalt. Brennnesseln und Disteln ausgerissen. Und dann habe ich Stiefelgeissen gekauft. Ganz ohne Plan. Erst als der Stall fertig und die Ziegen da waren wuchs die Idee vom Verein Stadtgeiss. Die Idee, dass ich die Wiese aufmachen und die Quartierbevölkerung einladen könnte, den Ort mitzugestalten.

Was der Verein tut?

Ich habe zum Beispiel mit den Ziegen Schulklassen auf dem Pausenplatz abgeholt. Dann sind wir zusammen durch die Stadt gezogen. Kinder brauchen Mut, Kraft und Zuversicht, wenn sie die starken Ziegen führen. Stiefelgeissen sind grosse Tiere. Mir ist es wichtig, dass Kinder in unserem sehr geregelten Alltag auch diese Momente leben können, in denen es etwas gefährlich wird. Momente, in denen sie sich selber spüren – und auch die Ziegen. Da können sie über sich hinauswachsen.
Heute, fünf Jahre später ist der Verein Stadtgeiss im Quartier angekommen. Von der grossen Eiche hängt eine Schaukel. Im Zirkuswagen spielen wir Puppentheater. Es ist ein schöner Ort geworden. Wir haben gemeinsam einen Park gestaltet und uns so ein Stück Stadt angeeignet. Hier gehört die Natur zur Stadt. Menschen begegnen sich, Tiere springen herum und alle dürfen stürmisch, frech und fröhlich sein.
Manchmal inszenieren wir einen wilden Alpaufzug in ein anderes Stadtquartier. Jetzt gerade weiden die sieben Stiefelgeissen in Zürich Affoltern, wo sie einen steilen Hang von Brombeeren befreien.

Zeichnung und Fotos: Julia Hofstetter

www.stadtgeiss.ch

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