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Sennin / Biobäuerin

Anne Krüger (*1975), Agraringenieurin und Biobäuerin, lebt mit ihrem Mann und den zwei gemeinsamen Kindern abwechslungsweise auf der Muttner Alp oberhalb Thusis und in Chile Chico (Patagonien, Südamerika).

Frau Krüger, im Sommer leben Sie auf der Muttner Alp, was genau tun Sie in dieser Zeit?

Anne Krüger: Die Muttner Alp ist eine Kuhalp mit Milchverarbeitung. Gemeinsam mit meinem Mann melke ich also die 48 Kühe, die hier gesömmert werden. Deren Milch verarbeite ich zu Käse und das «übrige» Milchfett zu Butter.
Arbeit auf der Alp bedeutet aber ein noch viel umfassenderes Verantwortungsfeld, zumindest wenn man eine solche Arbeitsstelle seit rund 20 Jahren innehat, so wie das bei uns der Fall ist. Da weitet sich der Arbeitsbereich aus auf Weidemanagement, Brunstkontrolle, Klauenpflege und andere Eingriffe aus der simpleren Tiermedizin. Auch Qualitätskontrolle in Bezug auf das Lebensmittelgesetz gehört dazu, sowie Mitdenken bei Subventionsanträgen und baulichen Umgestaltungen der Alp, Repräsentation des Alpidylls für Touristen und soziale Mediation im Geflecht des bäuerlichen Bergdorfes … Man sieht: Je weiter unten auf meiner Liste, desto abstrakter die Aufgabe.

Und in Patagonien? Wie sieht dort Ihr Arbeitsalltag aus?

Dort  führen mein Mann und ich einen gemischten Pflanzenbaubetrieb mit Gemüse, Getreide, Obst und Heugewinnung. Ich fühle mich dabei in erster Linie für die Pflegearbeiten im Gemüse, die Ernte und die Vermarktung zuständig. – Und natürlich bin ich Hausfrau und Mutter, beides gerne. Egal wo auf der Welt, sind solche Exemplare ständig am Räumen, Waschen, Backen, Kochen, Vorlesen, Elternabende überleben und verlorene Gegenstände suchen.

Wie kann man sich Ihren Hof in Chile Chico vorstellen? Leben Sie in einem Haus?

Ein Haus, ja. Wir könnten es so definieren, dass es drinnen in jedem Fall weniger windet und weniger regnet als draussen. Es bietet einen friedlichen Platz am Herd, um mit Nachbarn, Freunden und Zufallsbekanntschaften stundenlang Mate zu trinken, und es hat einen Tisch, an dem jeder einen Teller aufgedeckt bekommt. Dabei wird dann über Pferde, Heupreise oder Dinosaurier geredet, je nachdem wer spricht.

Wer hütet Haus, Garten und Haustiere während Sie hier in der Schweiz sind?

Seit einigen Jahren leben während unserer Abwesenheit Leute bei uns auf dem Hof. Bisher waren das immer Menschen, die wir vorgängig nicht kannten (Kunsthandwerker, Reisende). Und bisher kamen sie immer so kurz auf knapp vor unserer Abreise überhaupt bei uns an, dass wir uns lediglich auf das gute Bauchgefühl gestützt haben, dass diese Typen schon passen werden.

Und?

Wenn wir dann nach dem Alpsommer zurück nach Hause kommen, bestätigte sich bis anhin glücklicherweise immer die Intuition: Das Haus war gepflegt, die Haustiere versorgt und die Nachbarn des Lobes voll über die Hippies, die den Winter bei uns verbracht haben. Alles in allem ist das eine Übung des bedingungslosen Vertrauens, die ich wärmstens empfehlen kann.

Wie ist es, so «ab der Welt» zu leben? Wie ist zum Beispiel die ärztliche Versorgung?

Ich würde mir wünschen, noch viel weiter «ab der Welt» zu leben. Leider findet der Stress der westlichen Welt mit Whatsapp und Terminkalendern den höchsten Schweizer Gipfel und die weiteste patagonische Pampa. Ich merke, dass es meine Lebensaufgabe ist, das Wurmloch zu finden, das einen Ausweg bietet. In Bezug auf den Segen der Zivilisation haben die Menschen übrigens häufig falsche Vorstellungen von Lebensorten wie einer Alp oder Patagonien. Die ärztliche Versorgung zum Beispiel ist in unserem patagonischen Dorf mit 4000 Einwohnern den Umständen entsprechend hervorragend, denn Chile ist ein Sozialstaat, und wenn auch niemand die riesigen Distanzen kleinhexen kann, so wird doch auch dort alles getan, damit ein Kind mit gebrochenem Arm schnellstmöglich operiert wird. Und wenn ich auf Medikamente oder Physiotherapie angewiesen bin, dann bekomme ich die auch in unserem Dorf. In meinen Augen in ausreichender Qualität und mit einem warmen menschlichen Lächeln.

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Ein Porträt von Anne Krüger ist in Daniela Schweglers Bestseller Traum Alp: Älplerinnen im Porträt (2013) zu finden.

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