2019

Frauen in der Steinzeit

Dr. Brigitte Röder ist Professorin für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie an der Universität Basel und Mitherausgeberin des Buches «Lebensweisen in der Steinzeit». Sie hat die archäologische Sonderausstellung «Ich Mann, Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?» mitkuratiert, die ab dem 21. September 2019 im Neuen Museum Biel (NMB) zu sehen sein wird.

Frau Röder, wer hat in der Steinzeit gejagt? Die Frauen oder die Männer?

Einem Speer sieht man nicht an, wer ihn geworfen hat. Und auf den wenigen Jagdszenen, die es aus dem steinzeitlichen Europa gibt, ist das Geschlecht der Jagenden nicht eindeutig zu erkennen. Offenbar war es für die Menschen damals nicht wichtig, das Geschlecht zu markieren. Bisher ist jedenfalls weder die Darstellungen einer Frau noch die eines Mannes auf Mammut- oder Rentierjagd bekannt. Ohnehin müsste man sich da weniger eine heroische Einzeltat als Teamwork vorstellen.

Weshalb werden dann in Büchern und Filmen ausschliesslich Männer als Jäger dargestellt, währendem die Frau in diesen Darstellungen Beeren sammelt und den Höhlenboden wischt?

In dieser stereotypen Rollenzuteilung spiegeln sich heutige Geschlechterklischees wider, die auf Vorstellungen des 18. und 19. Jahrhunderts zurückgehen. Damals wurden in der sich formierenden bürgerlichen Gesellschaft die Geschlechterrollen neu besetzt: Männer wurden auf die Rolle des Familienoberhaupts und des Ernährers, Frauen auf die Rolle der Gattin, Hausfrau und Mutter festgeschrieben. Damit verbunden war auch die Vorstellung von einer «gefährlichen Aussenwelt», in der der Mann einer Erwerbsarbeit nachgeht, und von einer «geschützten Innenwelt der Familie“, in der sich die Frau um Kinder und Haushalt kümmert. Dieses spezifische Geschlechtermodell, das im Bürgertum entwickelt wurde, wurde als angeblich «natürlich», «ursprünglich» und «allgemein menschlich» legitimiert. Deshalb wurde es mit der Zeit nicht nur für alle sozialen Schichten zum Leitbild, sondern wird noch bis heute unbesehen auf die Urgeschichte projiziert.

Vor diesem Hintergrund entstehen diese Bilder von jagenden Männern und Frauen mit Kindern an der Feuerstelle, die auf den ersten Blick so ungemein plausibel wirken. Doch das tun sie nur, weil sie vertraute Vorstellungen in Szene setzen. Ein Blick in historische und aussereuropäische Gesellschaften zeigt jedoch, dass das Geschlechtermodell der bürgerlichen Gesellschaft einer Vielzahl von anderen, zum Teil auch sehr flexiblen Rollenteilungen und Konzepten von «Weiblichkeit» und «Männlichkeit» gegenübersteht. Es ist also bei Weitem nicht «allgemein menschlich», sondern sehr spezifisch.

Gab es damals so etwas wie Kleinfamilien mit klaren Rollenteilungen?

Das kann man nicht wissen. Die Überreste eines Zeltlagers oder eines Hauses geben keinen Aufschluss darüber, ob die ehemaligen Bewohner*innen sich als das fühlten, was wir heute als «Familie» bezeichnen. Auch die Grösse der Behausungen ist kein Indiz, denn eine «Familie» kann in mehreren kleinen Häusern gewohnt haben, während mehrere «Familien» sich ein grosses Haus geteilt haben können. Angesichts der enormen Vielfalt von Beziehungs-, Familien- und Haushaltsformen, die aus jüngeren Zeiten bekannt sind, ist es am plausibelsten, auch für die Urgeschichte von einer Vielfalt auszugehen. Hinzu kommt, dass wir bei der Urgeschichte über 2,5 Millionen Jahre sprechen: Auch dieser enorme Zeitraum macht es extrem unwahrscheinlich, dass es ein einziges «Standardmodell» gab.

Wer war für die Höhlenmalerei zuständig?

Auch diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. Sicher ist jedenfalls, dass Höhlen keine Orte waren, an denen sich ausschliesslich Männer aufgehalten haben. Das zeigen beispielsweise Fussabdrücke von Kindern, die mehrfach belegt sind. Ausserdem kann man mit forensischen Methoden nachweisen, dass ein Teil der farbigen Handnegative, die sich in etlichen Höhlen finden, von Männern, Frauen und Kindern stammen. Belegt ist ebenfalls, dass Linienmuster, die aus einigen Höhlen bekannt sind, sowohl von Erwachsenen als auch von Kindern in die damals noch weichen Lehmwände eingestrichen wurden. Wenn am Anbringen von Handabdrücken und Linienmustern auch Frauen und Kinder beteiligt waren, sehe ich keinen Grund, die Malereien und andere künstlerische Äusserungen wie Gravuren, Tier- und Menschenfigürchen ausschliesslich Männern zuzuschreiben. Wie sollte man das auch wissenschaftlich beweisen können?

Die Frauen wurden grundlos aus den Geschichtsbüchern getilgt. Ist das nicht enorm unwissenschaftlich?

Ja, das ist es. Interessant ist ausserdem, dass in der Forschung, aber auch in der Gesellschaft insgesamt, bislang noch häufig mit zweierlei Mass gemessen wird: Das «Weglassen» von Frauen – und im Übrigen auch von Kindern – kann in der Regel problemlos ohne Begründung erfolgen, wohingegen ihre Integration in historische Szenarien stets speziell begründet und legitimiert werden muss. Umgekehrt scheint keine wissenschaftliche Begründung notwendig zu sein, wenn in den Geschichtsbüchern Männer als die alleinigen historischen Akteure und «Zivilisationsbringer» präsentiert werden.

Da macht es mir Hoffnung, dass ich vor einiger Zeit von einer Berliner Schulklasse einen Brief bekam, die es völlig irritierend fand, dass in den Archäologie-Büchern ihrer Schulbibliothek ausschliesslich die Männer die Höhlen ausmalen und die Frauen ihnen immer nur die Fackel halten. Das leuchtete ihnen überhaupt nicht ein und so wollten sie von einer Archäologin wissen, ob das tatsächlich so gewesen sei und wie man das denn überhaupt wissen könne. Diese Kinder sind kritischer als viele Erwachsene.

Vielleicht hat ihre Irritation damit zu tun, dass Kinder heute in einer sozialen Umgebung aufwachsen, in der nicht mehr die traditionellen Leitbilder der bürgerlichen Gesellschaft bestimmend sind, sondern in der sie eine zunehmende Vielfalt an Rollenteilungen, Beziehungs- und Familienformen und jüngst sogar von Geschlechtern beobachten können. Durch die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungsprozesse rund um «Geschlecht» und «Familie» erleben wir gerade hautnah, dass es sich dabei nicht um zeitlose und unveränderliche «biologische Tatsachen» handelt, sondern dass sie stets in einen spezifischen historischen Kontext eingebettet und folglich höchst wandelbar sind. Was sich in den letzten 50 Jahren verändert hat, ist trotz aller Persistenzen geradezu atemberaubend.

Als Archäologin hoffe ich sehr, dass diese aktuellen Erfahrungen dazu führen, dass es irritierend und völlig befremdlich wird, das bürgerliche Geschlechter- und Familienmodell als angeblich «natürlich», «ursprünglich» und «allgemein menschlich» für 2,5 Millionen Jahre Urgeschichte einfach pauschal vorauszusetzen. Denn es ist wesentlich plausibler, statt von einem Einheitsmodell von einer Vielfalt und Wandelbarkeit der sozialen Verhältnisse als Prämisse auszugehen und ergebnisoffen zu forschen.

Darauf hoffe ich auch als Zeitgenossin: Wenn bewusst wird, dass Vielfalt und Wandelbarkeit «normal» sind, kann man in den aktuellen gesellschaftlichen Pluralisierungs- und Wandelprozessen vielleicht weniger eine Bedrohung, sondern mehr die Eröffnung neuer Chancen und Gestaltungsspielräume sehen.

Prof. Dr. Brigitte Röder, Universität Basel