2019
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Feministischer Streik in Basel

Franziska Stier (*1984), ist Mitinitiantin des «Feministischen Streiks Basel».

Frau Stier, am 14. Juni 2019 werden Frauen* in der Schweiz streiken. Erstmals seit 1991.Was soll mit dem Frauen*streiktag erreicht werden?

Franziska Stier:Je intensiver wir diskutieren, desto mehr spüren wir, dass es um tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung geht. Lohngleichheit ist nur der Anfang. Wir wollen diese Welt in ein sicheres Zuhause für alle umbauen. Unsere Forderungen richten sich damit nicht nur an Politik und Wirtschaft, sondern an die gesamte Gesellschaft. Mir persönlich ist die Neuverteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit besonders wichtig. Dazu gehört eine deutliche Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit, damit Frauen* nicht in der Teilzeitfalle hängen bleiben und Männer die Möglichkeit haben, Sorgearbeit zu übernehmen. Aber es geht eben auch darum, Zeit für politische Einmischung und Selbstentwicklung zu haben – ohne schlechtes Gewissen, weil Wäscheberge unerledigt bleiben. Aktuell sorgt die Teilung der Arbeiten für eine Sorgekrise. Notwendige Arbeit wird schlecht oder unbezahlt erledigt – wir Frauen* verlieren deshalb jährlich rund 108 Milliarden Franken. Dieses Geld fehlt nicht nur in unseren Geldbeuteln, sondern auch in unseren Sozialversicherungen. Altersarmut ist damit für viele von uns vorprogrammiert.

Es geht mir also vor allem darum,die Sorge um das Leben und damit auch das Leben der Frauen* ins Zentrum der Gesellschaft zu rücken. Und genau das tun wir bereits, indem wir uns organisieren. Besonders deutlich wurde das am Wochenende des 8. März: Tausende gingen in Genf, Basel und Zürich auf die Strasse, 500 Frauen* versammelten sich einen ganzen Tag in Biel zur Streikkonferenz. Bereits jetzt bleiben Tausende Küchen ungeputzt, weil Frauen und queere Menschen ihre Zeit ins gemeinsame Organisieren investieren, basteln, diskutieren und voneinander lernen. Das zu erleben, stärkt jede Einzelne*.

Wer soll streiken?

Aus meiner Sicht sollten am 14. Juni alle streiken, die sich als Frauen* oder nonbinäre Menschen verstehen. In erster Linie stellt der Streik den Umgang mit unserer Arbeit und unseren Körpern ins Zentrum. Wenn wir unsere Leben aber anders gestalten wollen, dann hat das auch Folgen auf die Leben der Männer. Sie sind also auch gefordert. Ich wäre froh, wenn beispielsweise Krankenpfleger anbieten, ihre Schichten zu tauschen oder Männer Urlaub nehmen, um Kinder und pflegebedürftige Eltern zu betreuen, damit die Arbeitskollegin oder die Partnerin streiken kann. Die meisten Streiks leben davon, dass Arbeit unerledigt bleibt, aber gerade die Bereiche der Sorge um Menschen müssen erledigt werden. Wenn nicht von uns, dann von anderen.
Solidarische Männer können also einen wichtigen Beitrag zum Frauen*streik leisten, wenn sie bei ihren Schwestern*, Müttern*, Freund*innen, Töchtern*, Enkelinnen und Ehefrauen* nachfragen, was sie brauchen, um am Streik teil zu nehmen.

Viele Männer wünschten sich ebenfalls mehr Gleichstellung, wären gerne Hausmänner, doch die heutigen Gesellschaftsstrukturen lassen das nicht zu. Wie lassen sich solche Strukturen verändern?

Wenn wir diese Welt umbauen, dann ändert das auch die Leben der Männer. Gerade die Forderung nach Reduktion der Erwerbsarbeitszeit kommt allen entgegen, denn sie schafft Raum für eine Neuverteilung von Sorgearbeit. Dazu braucht es aber auch den gemeinsamen Willen. Niemand will Kinder, alte oder kranke Menschen jemandem anvertrauen, der keine Lust oder keine Zeit hat, sich um sie zu kümmern. Dabei ist gerade der Zeitmangel eine Realität der Pflegeangestellten. Wir brauchen also eine Gesellschaft, in der Sorge um andere weder zum Burn-out noch zu Armut führt. Arbeitszeitverkürzung, mehr Personal in Sorgeberufen und gute Löhne wären hier ein Anfang. Aber es braucht auch für alle die Möglichkeit, bezahlte Sorgezeiten zu beziehen, die nicht nur die eigenen Kinder, sondern auch die Alten mitdenkt.Alle Schritte in diese Richtung erscheinen mir als guter Weg.

Wen sollten unsere Leser*innen unbedingt kennen?

Alle sollten unbedingt ihre lokalen Streikkollektive kennenlernen. Ihr werdet so inspiriert sein. Es geht aber auch darum,sich selbst und sein eigenes Leben zu kennen. Redet mit Freund*innen, Schwestern, Müttern*, Grossmüttern*, Töchtern, Tanten… über ihre Leben und ihre Wünsche an diese Gesellschaft. In diesen Worten werden wir 1001 Gründe finden, um zu streiken.

Foto: Nils Fisch

www.frauenstreik2019.ch

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