2019

Diese Themen sind brandaktuell

Min Li Marti, Nationalrätin, Verlegerin und Chefredaktorin der Wochenzeitung P.S.

Frau Marti, der Frauenstreik steht sozusagen vor der Tür. Weshalb sollen Frauen nochmals streiken?

Min Li Marti: Weil es immer noch nötig ist: Frauen verdienen immer noch weniger, einzig aufgrund ihres Geschlechts. Typische Frauenberufe gelten als weniger wert und werden weniger bezahlt. Und Frauen leisten immer noch den Hauptteil der unbezahlten Arbeit: Sie kümmern sich um Kindern, pflegen Angehörige, machen den Haushalt. Dafür erhalten sie am Muttertag ein Frühstück ans Bett, aber die restlichen 364 Tage oft herzlich wenig Dank. Es braucht aber nicht nur Anerkennung, sondern Geld. Denn am Ende bezahlen sie dafür, indem sie eine schlechte Rente haben. 

Alle zwei Wochen stirbt ein Mensch wegen häuslicher Gewalt: 95 Prozent der Opfer sind Frauen. In der Optimusstudie, die 2012 bei 6’700 Neuntklässler_innen durchgeführt wurde, zeigte sich, dass ein Fünftel aller Mädchen sexuelle Übergriffe erlebt hat. Ein Drittel wurde schriftlich oder verbal sexuell belästigt. 

Frauen sind in Machtpositionen immer noch deutlich untervertreten: Im Nationalrat hat es 31.5 Prozent Frauen, im Ständerat 13.3. In Geschäftsleitungen von Schweizer Unternehmen sind 7 Prozent Frauen, wie der Schilling Report feststellt. In den Verwaltungsräten sind es immerhin 19 Prozent. 

Das sind nur einige von vielen Gründen, warum die Frauen am 14. Juni streiken. Sie streiken auch darum, weil die rechtliche und tatsächliche Gleichstellung seit dem letzten Frauenstreik 1991 immer noch nicht erreicht ist. Wir wollen nicht noch einmal 28 Jahre warten!

Gleichstellungspolitisch hinkt die Schweiz deutlich hinter anderen Ländern. Was denken Sie, könnte der Grund dafür sein?

Das kommt immer darauf an, mit wem und in welchen Faktoren man sich vergleicht. In Sachen rechtlicher Gleichstellung ist die Schweiz eigentlich recht fortschrittlich, bei der tatsächlichen Gleichstellung ist es dann wieder eine ganz andere Geschichte. Traditionelle Vorstellungen halten sich sehr hartnäckig. Man sieht dies beispielsweise bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. In der Schweiz gibt es eine hohe Frauenerwerbsquote – aber die meisten arbeiten Teilzeit. Karriere zu machen und Kinder zu haben ist vielerorts noch verpönt. Dazu kommt, dass die Schweiz einen total ungenügenden Mutterschutz hat. Es wird von den Frauen verlangt bis zur Geburt zu arbeiten und nach der Geburt gibt es 14 Wochen Mutterschaftsurlaub, der Vater erhält gerade mal einen Tag Urlaub. Die Lohnschere zwischen Mann und Frau geht ab der Geburt des ersten Kindes rapide auseinander, die Aufstiegschancen sinken gleichzeitig. Das System ist so angelegt, dass die Frauen von Anfang an die Hauptverantwortung für die Kinder übernehmen. Dafür zahlen sie einen hohen Preis, was man besonders auch bei der Rente sieht: Frauen haben 37 Prozent weniger Rente. In der ersten Säule sind die Renten der Frauen zwar praktisch gleich hoch, das ist vor allem das Verdienst der AHV, die auch Erziehungs- und Betreuungsgutschriften kennt. Aber die AHV-Renten sind nicht existenzsichernd und viele Frauen haben keine oder nur eine kleine zweite Säule. Die Rentendifferenz beträgt dort über 60 %! Man darf dabei aber nicht vergessen: Die Frauen haben in der Schweiz ihr Stimmrecht ja erst seit 1971 (in Appenzell Innerrhoden erst seit 1990!) – das sind Veränderungsprozesse, die nicht so schnell gehen. Bis vor Kurzem war beispielsweise die politische Beteiligung von Frauen an Wahlen und Abstimmungen immer unter derjenigen von Männer, das ist eine Art nachholender Entwicklung. 

Überall wo konservative religiöse Fanatiker (egal welcher Religion) das Ruder übernehmen, wird als erstes der weibliche Körper und die weibliche Sexualität ins Visier genommen. Damit sollen die Frauen kontrolliert und erniedrigt werden.

Unter dem Motto «Mein Körper gehört mir» forderten frühere Feministinnen das Recht, über den eigenen Körper bestimmen zu dürfen. Themen waren, unter anderem, Zugang zu Empfängnisverhütung, Abtreibung, Vergewaltigung in der Ehe. Sind diese Themen Schnee von gestern oder immer noch aktuell? 

Diese Themen sind brandaktuell, wenn man sich ansieht, was anderswo geschieht: In den USA werden gerade äusserst restriktive Abtreibungsgesetz erlassen, die Abtreibung auch bei Vergewaltigung und Inzest nicht mehr zulassen würden oder die Frauen, die eine Fehlgeburt erlitten haben unter Mordverdacht stellen. Überall wo konservative religiöse Fanatiker (egal welcher Religion) das Ruder übernehmen, wird als erstes der weibliche Körper und die weibliche Sexualität ins Visier genommen. Damit sollen die Frauen kontrolliert und erniedrigt werden. Dass dies kein Zufall ist, das zeigt auch der Film Female Pleasure von Barbara Miller auf eindrückliche Art. In der Schweiz hat sich diese Frage seit der Einführung der Fristenlösung beruhigt, der Kampf für sexuelle Selbstbestimmung der Frau ist aber immer noch höchst aktuell, gerade wenn man sieht, wie hoch die Anzahl von Übergriffen – auch auf junge Mädchen – nach wie vor ist. Gleichzeitig werden künftig auch andere Fragen auf uns zukommen, die wir feministisch diskutieren müssen: Wer hat Zugang zu Fortpflanzungsmedizin, wie ist diese ausgestaltet? Auch hier geht es zentral um den Körper der Frau. Allerdings muss man auch anmerken: Das ist ein kontroverses Thema und man muss sich auch als Feministin nicht in allen Fragen immer einig sein. 

Was hat der Feminismus in der Schweiz bisher erreicht, was noch nicht?

Grundsätzlich hat der Feminismus einiges erreicht: Das Gleichstellungsgesetz, den Gleichstellungsartikel in der Verfassung. Jetzt sollen immerhin bei grösseren Unternehmen Lohngleichheitsanalysen durchgeführt werden. Ich kann mich aber noch erinnern – das hatte vielleicht aber auch mit meinem Alter zu tun – dass ich in den 1990er Jahren und 2000er Jahren noch lange geglaubt hatte, die Gleichstellung setze sich – wenn auch langsam – automatisch durch. Diese Hoffnung habe ich verloren. Es wurde nie ein Fortschritt ohne Kampf erzielt: Weder in der Vergangenheit noch heute. Und das wird es auch in Zukunft nicht geben. Ich erlebe es aber positiv, dass viele junge Frauen wieder feministisch aktiv sind. In diesem Frauenstreik sind sehr viele, sehr unterschiedliche Frauen engagiert. Ich bin überzeugt: Das wird eine grossartige Sache. 

Wen sollten unsere Leserinnen und Leser kennen?

Ich empfehle mal grundsätzlich den feministischen Kanon zu lesen. Aus aktuellem Anlass, weil ich mich gerade mit den neuen Abtreibungsgesetzen in Alabama und Georgia befasst habe, den literarischen Klassiker «The Handmaid’s Tale» von Margaret Atwood. 

Und dann empfehle ich, bei den Wahlen 2019 mehr Frauen ins Parlament zu wählen: Überparteilich organisiert dies Helvetia ruft! (www.helvetia-ruft.ch), wo ich eine der Projektträgerinnen bin. Die SP Frauen zeigen ihre Kandidatinnen auf: www.frauenwahl19.ch

Foto: Barbara Sigg

www.minli-marti.ch