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Die Weltraumforscherin

Die Professorin und Astrophysikerin Dr. Kathrin Altwegg (*1951) von der Uni Bern war Leiterin des Teams, welches das Rosina-Massenspektrometer der Kometensonde Rosetta konstruierte.

Frau Dr. Altwegg, Sie haben 20 Jahre lang an der Rosetta-Mission der ESA gearbeitet. Wie kommt man zu so einem Projekt?

Kathrin Altwegg: Durch Zufall. Nach meinem Studium und einem Auslandaufenthalt suchte ich in der Schweiz eine Stelle als Physikerin. Zufällig bin ich so in der Weltraumforschung in Bern gelandet. Mein erstes Projekt war die Giotto-Mission zum Kometen Halley, wo ich vor allem für Software zuständig war. Als dann mein damaliger Chef, Prof. Hans Balsiger das ROSINA-Projekt von ESA zugesprochen erhielt, ernannte er mich zur Projektmanagerin. 2003 wurde er pensioniert und ich übernahm neben der technischen auch die wissenschaftliche Leitung.

Und danach?

Rosetta ist Ende September 2016 auf den Kometen sanft «gecrasht» und ich drei Monate später ebenfalls. Das heisst: Ich wurde pensioniert. Seither habe ich Zeit, mich wissenschaftlich zu betätigen, da die ganze Administration und die Lehre weggefallen sind. Das ROSINA-Experiment hat uns mit einer Fülle von Daten beschenkt, an denen ich mir noch lange die Zähne ausbeissen kann.

Haben Sie schon als Kind davon geträumt, den Weltraum erforschen?

Nein, ich wollte vieles werden als Kind: Tierärztin, Kapitänin, Archäologin …, nicht aber Weltraumforscherin.

Sie waren anno dazumal die einzige Frau an der Uni Basel, die Physik studierte. Wie war das für Sie?

Manchmal etwas einsam. Die «beste Freundin» fehlte. Die Kollegen waren insgesamt durchaus nett, aber die Beziehung ist dann doch eine andere. Es gab noch ein paar ältere Professoren, die etwas Mühe hatten mit Frauen in Physik. Der Ratschlag, man solle doch besser in der EPA Strümpfe verkaufen, haben auch Mathematikerinnen und Chemikerinnen zu hören bekommen. Das war dann komplett anders während der Doktorarbeit, die ich bei einer Frau – Professorin Iris Zschokke-Gränacher – machen konnte. Da spielte das Geschlecht keine Rolle mehr. Diese Frau wurde von ihren männlichen Doktoranden wie auch von mir vollständig respektiert.

Heute  sind Frauen nach wie vor untervertreten in naturwissenschaftlichen Berufen. Was meinen Sie, ist der Grund dafür? Und was könnte dagegen unternommen werden?

Das hat vor allem gesellschaftliche Gründe. Noch immer werden vor allem Physik, Ingenieurwissenschaften und Informatik mit dem Adjektiv «männlich» verknüpft. Es sei nicht weiblich, sich mit Maschinen und Computern zu beschäftigen. Noch immer erhalten Mädchen viel eher Puppen als Lego. Während Mädchen bis zur Pubertät offen gegenüber Naturwissenschaften und Technik sind, ändert sich das später radikal. In der Pubertät wirkt der Gruppendruck: Mädchen, die sich für Physik interessieren, sind in den Augen der Knaben nicht weiblich. Die beste Freundin nimmt als Schwerpunktfach «Philosophie / Pädagogik / Psychologie», etc. Und genau zu dieser Zeit muss man sich für das Schwerpunktfach entscheiden. Auch wenn es theoretisch möglich ist, das Studienfach an der Uni unabhängig vom Schwerpunktfach im Gymnasium zu wählen, sind die Kenntnisse in Mathematik und Physik bei Maturand_innen aus sogenannt «weichen» Fächern im Allgemeinen deutlich schlechter und daher die Erfolgschancen im einem naturwissenschaftlichen oder Ingenieur- Studium kleiner. Zudem fehlen noch häufig Vorbilder. Mädchen eifern ihren Müttern nach und die sind halt nicht Naturwissenschaftlerinnen oder Ingenieurinnen. Dies wird sich sicher langsam ändern, aber eben langsam.

Was sich auch noch zu wenig geändert hat, ist die Zuständigkeit bei der Betreuung der Kinder. Was raten Sie jungen Frauen, die Familie und Beruf unter einen Hut bringen wollen?

Werden Sie ein Organisationstalent! Das ist das A und O für Frauen mit Kindern in der Berufswelt. Binden Sie den Partner in der Betreuung der Jungmannschaft ein, auch Männer können Kinder betreuen. Wir Frauen müssen das aber entsprechend anerkennen. Nehmen Sie Hilfe in Anspruch (Grossmütter, Nachbarn, etc.). Versuchen Sie nicht, perfekt zu sein und lassen Sie den Fünfer auch mal gerade sein. Der Haushalt muss nicht perfekt sein. Ob Sie Familie und Beruf unter einen Hut bringen können, hängt nicht in erster Linie vom Beruf ab, sondern vom Chef oder der Chefin!

> Centre for Space and Habitability (Uni Bern)

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