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Frontalunterricht

Patti Basler Bühnenpoetin, Kabarettistin und Autorin, beschloss vor einigen Jahren, ihren Job als Lehrerin an den Nagel zu hängen, und von ihrer Wortkunst zu leben.

Frau Basler, war Ihr Entschluss, als Künstlerin tätig zu sein, finanziell gesehen, eine gute Entscheidung? Sind Sie inzwischen reich geworden? Oder gibt es bei Ihnen seit Jahren nur noch Porridge zum Frühstück?

Patti Basler: Ich habe natürlich nicht von einem Tag auf den anderen meinen Job gewechselt. Als risikobewusste Schweizerin entschloss ich mich erstmal für ein berufsbegleitendes Zweitstudium in Erziehungswissenschaften, Soziologie und Kriminologie. So war ich denn 22 Semester an der Uni Zürich eingeschrieben. Schon damals moderierte ich gelegentlich Anlässe, schrieb für Blogs und nahm an Slams teil. Allerdings eher als Hobby mit Spesenvergütung. Als ich dann erste Preise bekam und höhere Gagen verlangen konnte, wurde die Bühne auch wirtschaftlich interessant. Nach Abschluss des Zweit-Studiums nahm ich den Fuss von der Engagement-Bremse und hatte im Nu eine gefüllte Agenda. Da blieb gar keine Zeit mehr für einen Brotjob. Natürlich würde ich als Wissenschaftlerin mit einer Festanstellung und akademischen Karriere mehr und stetiger verdienen. Vor allem wäre ich besser abgesichert. Ich bin jedoch überzeugt, dass ich als Bühnenkünstlerin mehr Menschen erreiche als in der Lehrerin- oder Dozentin-Funktion. Und als Lehrerin habe ich weder Applaus noch unmoralische Angebote erhalten. Nur die Hassmails sind sich ähnlich geblieben.

Als Bildungsexpertin und ehemalige Lehrerin kennen Sie alle Abgründe, die aufklaffen können zwischen Schulstuben, Elterngesprächen, Zeugnissen und Lehrplan 21. Wenn Sie an der Schule etwas abschaffen könnten, was wäre das?

Auf jeden Fall die Hausaufgaben! Das ist nur eine stete Konflikt-Quelle für Familien und Schulen. Zudem sind Kinder mit bildungsfernen Eltern und ungünstiger heimischer Infrastruktur total benachteiligt. Viel sinnvoller wären Blockzeiten in der Schule mit betreuten Aufgaben- und Freiarbeits-Stunden. Das braucht aber Schulraum und bezahltes qualifiziertes Personal. Sprich: Es kostet. Bei der vorherrschenden Sparpolitik werden solche Lösungen leider sehr ungern berücksichtigt. Selbst wenn sich hier ausnahmsweise Wissenschaft, Lehrpersonen, Eltern und Schulkinder ziemlich einig sind. Nur die bürgerlichen Bildungs-Tot-Sparer sprechen lieber über einen Cervelat-Notstand an den Schulen. So kann man wunderbar Stellvertreter-Diskussionen führen, die nichts bringen, aber auch nichts kosten. Aber was Hänschen nicht lernt, kann man wohl auch einem Polit-Hanswurst nicht mehr beibringen.

Welche Frauen sollten unsere Leser_innen unbedingt kennen?

Wenn wir schon beim Thema Schule sind: Dagmar Rösler, die oberste Lehrerin der Schweiz. Sie hat die schwere Aufgabe, Lehrpersonen und ihre Anliegen in der Schweiz zu vertreten. Das braucht Intelligenz, Kraft und Verhandlungsgeschick. Geduld bringt Rösler.

Foto: www.visualmoment.ch | Tibor Nad

> www.pattibasler.ch
> Frontalunterricht, abendfüllendes Programm mit Patti Basler & Philippe Kuhn

Schauspielerin

Anna Tenta (*1977) aufgewachsen in Frankreich und der Schweiz, steht seit ihrer Jugend auf der Bühne und vor der Kamera. Zuerst als Tänzerin und anschliessend als Schauspielerin. Heute lebt sie mit ihrem Sohn Johnny in Brüssel.

Anna Tenta, was waren die Highlights Ihrer bisherigen Laufbahn?

Anna Tenta: Das grösste Highlight ist vielleicht die Tatsache, dass ich das, was ich mir in den Kopf setze, auch wirklich realisieren und ausleben darf. Erst die Tanzerei, dann der Wechsel zum Schauspiel. Ich weiss das ist nicht selbstverständlich. Ich habe grosses Glück.

Als Tanzschaffende ist mir die Zeit in Zürich in besonders schöner und vogelfreier Erinnerung. – Zum Beispiel konnte ich in am Tanzhaus Zürich eigene Projekte realisieren. Im Ausland habe ich unter anderem als Gast bei der Forsythe Company getanzt. Sehr gerne erinnere ich mich auch an die Zusammenarbeit mit Violetta Spataro und Salome Schneebeli.

Nun leben Sie in Brüssel?

Ja, der Wechsel zur Schauspielerei hat mich dann vor etwas über vier Jahren nach Belgien gebracht, wo mir damals eine durchgehende Serienrolle auf Flämisch angeboten wurde, sowie eine schöne Rolle im Kinofilm »Le tout nouveau Testament«, – mit dem wir in Cannes waren und eine Golden-Globe-Nominierung erhielten.
Ich lebe nun immer noch in Brüssel und arbeite in mehreren Sprachen.
Definitiv ein Highlight war die Rolle in der BBC-Serie »Our Girl«. Auch der Film, den ich aktuell gerade hier in Italien drehe (»Freaks Out«, Regie: Gabriele Mainetti) gehört dazu. Nächstens komme ich wieder in die Schweiz für einen Filmdreh mit Regisseurin Sabine Boss. Sie ist eine tolle Frau!

Sie drehen nun vor allem Filme?

In den letzten Jahren schon. Ich bin so gut wie gar nicht mehr auf der Bühne. Das lässt sich leichter vereinbaren mit dem Mama-Sein und es entspricht eher meinem doch etwas introvertiertem Naturell. Wenn es sich zeitlich einrichten lässt, unterrichte ich auch am SEAD in Salzburg »Acting« for Dancers. Es ist ein sehr schönes Gefühl, etwas an die jüngere Generation weitergeben zu können.

Und die Schweiz? 

Manchmal hab ich schon ziemlich Heimweh nach der Schweiz, nach langjährigen Freundschaften und der Familie … Wer weiss, vielleicht ziehen wir eines Tages um und haben wieder Zürich als Basis.

Tänzerin, Schauspielerin: Haben Sie noch weitere (verborgene) Talente?

Oh, ich mache viele Dinge sehr gerne, das meiste davon hat mit Kunst zu tun: Ich zeichne, stümpere musikalisch vor mich hin, und schreibe. Aber alles einfach für mich, ohne Anspruch auf Vollkommenheit.
Beim Schauspielern habe ich manchmal Gelegenheit, Dinge, die ansonsten im Verborgenen schlummern an die Oberfläche zu lassen. Gerade anfangs Jahr habe ich in Amsterdam gedreht und meine Rolle musste auf einer E-Gitarre Lacrimosa von Mozart spielen. Uff, da war ich sehr froh, dass ich nicht zum ersten Mal eine Gitarre in der Hand hatte!

Yoga hilft mir, mich zu zentrieren und gehört auch zu meinem Alltag. Ich mag Pferde und überhaupt alle Tiere – mit Ausnahme der lästigen Mücken!

Gibt es Frauen, die unsere Leser_innen unbedingt kennen sollten?

Da kommt mir spontan gleich eine ganze Heerschar an tollen Frauen in den Sinn! Wie wäre es denn mit Catja Loepfe? Die nun das Tanzhaus Zürich leitet und »Zürich tanzt« aufgebaut hat? Auch Salome Schneebeli, Eugenie Rebetez, Meret Schlegel, Sabine Boss und die Casterin Ruth Hirschfeld wären doch allesamt sehr spannende Frauenzimmer für ein Interview!

Fotos:
Titelbild: Laurent Ziegler
Foto s/w: ​Wolfganz Zac

www.annatenta.com

Für Sturmfamilien

Brigitte Trümpy-Birkeland ist Präsidentin des Vereines Sternentaler, Sternenkind-Grossmutter und Autorin des Buches «Sternenkind – Wie Till seinen Himmel fand» .

Frau Trümpy, Sie unterstützen Sturmfamilien, das sind Familien mit einem schwer kranken Kind oder einem Sternenkind. In welcher Form bieten Sie Unterstützung an?

Brigitte Trümpy-Birkeland: Sternentaler ist ein gemeinnütziger Verein und ein Projekt/Boot der Hilfe zur Selbsthilfe. Wir begleiten Familien mit einem schwer kranken/behinderten oder verstorbenen Kind durch ihren Lebenssturm, indem wir sie in geschlossene Facebook-Gruppen aufnehmen, wo sie sich gegenseitig kennenlernen und austauschen können. Dazu bieten wir ihnen Kontakte zu Menschen, die bereit sind, eine Familie wie diese zu begleiten und ermöglichen ihnen Anschaffungen, die ihr schweres und schwieriges Sturmleben erleichtern. Wir bieten ihnen, die so fest ans Haus gebunden sind, auch online Beratung für verschiedene Themen an und organisieren ihnen Treffen, damit sie sich auch im richtigen Leben begegnen können. Gemeinsam mit ihnen und ganz vielen andern Menschen, die uns in irgendeiner Form unterstützen, weben wir an einem goldenen Netz, das sie trägt und hält, ihnen hilft zu überleben.
Ihre berührende Dankbarkeit ist der Ansporn für unsere ehrenamtliche Arbeit. Und wenn sie uns schreiben: «Danke, dass Ihr uns aus unserer Isolation geholt habt», oder: «Danke, dass wir mit euch segeln dürfen», wissen wir, dass es richtig ist, zu tun, was wir tun.

> Sternentaler
> Buch «Sternenkind – Wie Till seinen Himmel fand», Wörterseh Verlag

Radio- und Fernsehprofi

Seit mehr als zwanzig Jahren ist Mona Vetsch im Radio zu hören und in TV-Sendungen zu sehen. Die Moderatorin mit dem schönen Dialekt wurde für diverse Arbeiten mit Medienpreisen ausgezeichnet.

Frau Vetsch, in Ihren Sendungen wirken Sie professionell, aufgeschlossen, empathisch und … ausgesprochen glücklich. Gibt es für diese Zufriedenheit so etwas wie ein Geheimrezept wie zum Beispiel tägliches Lachyoga oder hat ihre Ausstrahlung damit zu tun, dass Sie das, was Sie tun, so richtig gerne tun?

Mona Vetsch: Ich liebe leidenschaftlich, was ich tue, ganz simpel. Jede neue Begegnung ist ein Abenteuer. Und jeder Livemoment ein prickelndes Risiko. Mein Beruf ist für mich nicht selbstverständlich, ich sehe ihn als Privileg und Geschenk. Schön zu hören, dass ich »äs bitzli« von diesen guten Vibes weitergeben kann.
Es wäre falsch zu meinen, dass ich per se ein »sonniges Gemüt« bin. Zweifel, Hadern, Angst gehören immer dazu. Aber wenn man sie überwindet, dann ist der Lohn dafür ein doppelt gutes Gefühl. Ich bin nicht so der ausgeglichene Typ. Ich muss an die Grenzen gehen, um mich richtig lebendig zu fühlen. Keine Eigenschaft, die zum Ausruhen einlädt. Glücklich bin ich oft, aber zufrieden bin ich nie.

Welche Frauen sollten unsere Leser_innen unbedingt kennen?

Bea Knecht, Gründerin von Zattoo. Eine digitale Macherin. Ich schätze sie als analytische und inspirierende Denkerin mit einem weiten Horizont. Frau sein ist für sie keine Selbstverständlichkeit. Und das wichtigste: sie hat Humor, und der rettet einem in kritischen Momenten den A**** 😉

Foto: @SRF (auf Aussenrepo für SRF 3 – mit Alpaka)

> SRF, Schweizer Radio und Fernsehen
> Bea Knecht, Zattoo

Malen ist für mich alles

Pat Noser (*1960), Malerin. Die Realität ist der Ausgangspunkt ihrer Malerei. Was verändert sich? Was wird vernichtet? Was zerfällt in sich? Hauptsujets sind Menschen, ihre Werke und die Natur.

Frau Noser, ist malen für Sie ein meditativer Akt, etwas, dass Sie durch und durch entspannt? Oder ist es ein Kraftakt? So etwas wie eine sportliche Leistung, die Sie erschöpft zurücklässt?

Pat Noser: Malen ist für mich alles. Und immer wieder etwas anderes. Mal ist es Aufregung, Anregung für neue Werke, mal ist es Entspannung und Erholung. Aber zwischendurch ist es auch einfach ein Chrampf. Und manchmal, vielleicht am Schönsten, ist es, wenn ich kaum merke, was ich tue und später staune, was da passiert ist.

Was ist die Grundlage der Kunst?

Für mich unbedingt die Realität. Ich glaube, dass das Leben viel mehr Schönheit, Abgründe und Facetten hat als die Fantasie.

Gibt es Frauen, die unsere Leser_innen unbedingt kennen sollten?

Es fällt mir sehr schwer, einzelne Namen zu nennen. Seit einigen Jahren male ich Portraits, die ich Ikonen nenne. Es sind Bilder von Frauen und Männern, die mir wichtig sind aus Politik, Kultur, Wissenschaft und so weiter. Bilder von bekannten Menschen. Aber immer mehr überzeugen mich auch weniger bekannte Menschen wie meine Schwägerin oder meine Cousine, die in ihrem Job und ihrer Familie Grosses leisten und ohne die unsere Gesellschaft nicht existieren könnte.

Foto: Selbstporträt der Künstlerin. Das Portrait sei superaktuell. Am letzten Samstag ist Pat Noser von einem zweimonatigen China-Aufenthalt zurückgekehrt, wo das Bild entstanden ist.

> www.patnoser.com

Der Kunst gewidmet

Mit ihrem Lehrlingslohn von monatlich 50 Franken (es war ein »Freundschaftspreis«) erstand die 16-jährige Angela Rosengart (*1932) die Paul Klee-Zeichnung »X-chen«.
Sie hatte sich in dieses Werk verliebt, aber bald folgten noch weitere. Auch von Pablo Picasso, der sie im Lauf der Jahre fünfmal porträtierte. Ein halbes Jahrhundert später hat die Kunsthändlerin und Sammlerin, die ihr Leben der Kunst gewidmet hat, ihre Privatsammlung der von ihr 1992 gegründeten Stiftung Rosengart überlassen. Seit 2002 ist diese, viele bedeutende Werke der Klassischen Moderne und des Impressionismus umfassende Sammlung, im ehemaligen Sitz der Schweizerischen Nationalbank in Luzern, einem stattlichen Gebäude aus dem Jahr 1924, das sie für ihre Stiftung erwerben konnte, der Öffentlichkeit zugänglich.

Frau Rosengart, wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten: Gibt es ein Bild, das Sie jetzt kaufen würden oder eines, das Sie nicht verkaufen würden?

Ich bedaure zutiefst, dass wir einen bezaubernden Picasso von 1906, der Picassos damaligen Gefährtin Fernande darstellt, nicht behalten haben. Ich habe diesem Bild ein Kapitel in dem Büchlein »Am Anfang war das X-chen« gewidmet.

> Stiftung Rosengart (Museum | Sammlung)

La Vigneronne

Valentina Andrei, Önologin aus Saillon/VS, wusste schon mit 12 Jahren, dass sie Winzerin werden wollte. 2015 gründete sie ihren eigenen Keller, wo sie vorzügliche Gamay Vieilles Vignes, Chasselas und Walliser Spezialitäten vinifiziert. Dieses Jahr wurde sie von Gault Millau als «Rookie» des Jahres prämiert.

«Mes vignes, je les écoute, je leur parle, je les accompagne au mieux.»

Frau Andrei, wie entdeckten Sie Ihre Liebe zu den Reben?

Valentina Andrei: Enfant, j’ai participé très jeune aux vendanges dans mon pays natal, la Roumanie. Le patient travail de la vigne me plaît immédiatement. Sublimer le don de la terre à travers le raisin deviendra même une évidence.

Was macht einen guten Wein aus?

Comment faire un bon vin? Je paraphraserai volontiers une citation du célèbre vigneron Henri Jayer que je partage pleinement : un grand vin est conçu dans le vignoble, pas dans la cave.
D’un point de vue gustatif, j’apprécie tout particulièrement les vins au bénéfice d’une belle fraîcheur en bouche, favorisant sa buvabilité.

> Webseite von Valentina Andrei

Die Fussballerin | U21

Leandra-Sherylin Flury (19) spielt seit dem Kindergarten Fussball. Mit elf Jahren wurde sie von den FCZ-Frauen angefragt und inzwischen spielt sie in der U21 der FCZ-Frauen. Flury hofft auf den Sprung in die NLA und darauf, einmal im Dress der Schweizer-Nationalmannschaft spielen zu können.

Frau Flury, wo steht der Frauenfussball in der Schweiz?

Leandra-Sherylin Flury: Es hat sich in den letzten Jahren einiges getan und das Interesse am Frauenfussball hat sicher zugenommen. Das hängt wohl mit den Erfolgen der Schweizer Frauen-Nationalteams zusammen, ist aber auch einigen Schweizerinnen, die europäisch erfolgreich sind und zum Teil Champions-League spielen zu verdanken. Vermehrt wird seither in den Medien darüber berichtet. Es ist aber noch viel Luft nach oben, zum Beispiel in der Förderung des Schweizer Frauenfussballs und in der medialen Berichterstattung.

Sie haben soeben Ihre Berufslehre als Fachfrau Betreuung in einer Kita absolviert und starten demnächst mit der Berufsmatura. Daneben trainieren Sie vier Mal pro Woche Fussball und dazu kommen noch die Spiele an den Wochenenden. Was ist Ihr Antrieb diesen Aufwand zu betreiben und worin liegt die Faszination für Fussball?

Leandra-Sherylin Flury: Ich will mich in den Trainings immer weiter verbessern – an meine Grenzen und auch darüber hinaus gehen, sodass auch in den Spielen eine Leistungssteigerung erkennbar ist. Nur so komme ich meinen Zielen näher.
Besonders nach der Arbeit und der Schule ist das Training für mich ein wichtiger Ausgleich zum Alltag. Mir gefällt am Fussball besonders, dass man als Team erfolgreich sein kann.
Es ist mir aber auch sehr wichtig, dass ich eine gute Ausbildung habe. Beruflich möchte ich hinter dem stehen können, was ich den ganzen Tag tue und natürlich möchte ich auch Freude daran haben. Der Frauenfussball in der Schweiz ist noch nicht so weit, dass ich nur darauf setzen und davon leben könnte.

Wie schätzen Sie Ihre persönlichen und fussballerischen Stärken ein?

Kommunikation liegt mir, sei dies auf dem Platz oder bei der Arbeit. Auch mein Ehrgeiz kommt mir in beiden Bereichen zugute. Ich fordere viel von mir und gebe mich nicht mit wenig zufrieden.

Fussballerisch hat sich bisher mein Offensivdrang als Verteidigerin bewährt. In der vergangenen Saison habe ich einige Tore durch direkte Freistösse und Penaltys erzielt und ich bin kopfballstark. Ich habe eine relativ gute Spielübersicht und ein Auge für meine Mitspielerinnen. Offensiv und defensiv bin ich zweikampfstark und riskiere auch oft mal was.
Ich bin offen, habe Durchhaltevermögen und auch die nötige Frustrationstoleranz. Auch meine Vernunft und Disziplin haben mich bis anhin weitergebracht.

Fotos: FCZ

> FCZ Frauen

Für randständige Menschen

Hélène Vuille (*1953) setzt sich seit Jahren dafür ein, dass Lebensmittel nicht weggeworfen, sondern an bedürftige Menschen verteilt werden. Sie schaut hin, wo viele andere wegschauen. Vuille hat zwei Bücher zum Thema geschrieben. Ihr drittes Buch, das sie soeben fertiggestellt hat, beschreibt die unglaubliche Geschichte eines Flüchtlings – auch eine wahre und schreckliche Geschichte eines »randständigen« Menschen.
Neben den biografischen Büchern schreibt die Autorin auch Märchen.

Frau Vuille, wie kam es zu Ihrem Engagement gegen Foodwaste?

Hélène Vuille: Es war dieser eine Abend im Jahr 1998, als ich nach meiner Arbeit kurz vor Ladenschluss noch ein Brot kaufen wollte und mitansehen musste, wie die Verkäuferin an einer Gourmessabar sämtliche Tagesfrischprodukte – Lebensmittel wie Brote, Wähen, Sandwiches, Feingebäcke, Snacks, Canapés, Salatportionen, Fruchtportionen, Birchermüesli, Torten und Patisserie in einer grünen Tonne entsorgte.
Es war dieser bestimmte eine Moment, der nach dem darauf folgenden 90 minütigen Gespräch mit dem verantwortlichen Filialleiter meinem Leben und meiner beruflichen Tätigkeit eine andere Richtung geben sollte. Nach initial hartnäckiger Verweigerung und unnachgiebigen Argumenten des Filialleiters auf meinen Vorschlag, diese Lebensmittel an obdachlose Menschen zu verteilen, war er schliesslich einverstanden. Wohl auch, weil sein Feierabend längst begonnen hatte und er nicht glaubte, dass ich tatsächlich wiederkommen würde, um diese Tagesfrischprodukte abzuholen. Per Handschlag besiegelten wir unseren Vertrag. Bereits am nächsten Abend holte ich die erste Ladung ab, um sie in ein Obdachlosenheim in Zürich zu bringen. Ein Heim, welches für 33 Männer die Endstation einer Reise durch zahlreiche Institutionen, psychiatrische Kliniken, dem Gefängnis oder der Strasse darstellt – ein Heim für Menschen die man nicht sieht, weil man sie nicht sehen will. Oft sind es Menschen, mit denen niemand mehr etwas zu tun haben möchte.
Bald schon waren 3 Abende pro Woche fest in mein Leben integriert, an denen ich Tagesfrischprodukte brachte. Und nach wenigen Monaten fasste ich den Entschluss, mein Projekt weiter auszubauen.
Es war der Anfang eines schwierigen Kampfes gegen die Verschwendung von Lebensmitteln – gegen den „Orangen Riesen“ auch, bei dem ich mich oftmals wie David gegen Goliath fühlte. „Nur dank der Kompetenzüberschreitung des damaligen Filialleiters wäre es so weit gekommen“, wurde ich von Instanz zu Instanz abgefertigt. Fehlende Logistik – Produktehaftung – Geld – Zeitaufwand, waren die Gegenargumente. Gar Verpackungsmaterial wie Kartonschachteln und Tragtaschen waren Thema einer Sitzung. Damit es daran nicht scheitern sollte, bezahlte ich sie von dem Tag an selbst. Mein Antrag, die Kosten des Verpackungsmaterials zu übernehmen, wurde vom Migros Kulturprozent dreimal abgelehnt.
Endlich, nach drei Jahren und einem prall gefüllten Bundesordner wurde ich von der Geschäftsleitung der Migros Genossenschaft Zürich zum Weihnachtsessen der Genossenschaftsratssitzung eingeladen, um mein Projekt vorzustellen. Darauf erlaubte man mir, mein Projekt auf fünf Migros Filialen auszuweiten. Die Caritas war Vertragspartnerin. Ich kündigte meine Arbeitsstelle, um mich mehr dem Projekt widmen zu können. Irgendwann war das Verpackungsmaterial kein Thema mehr. Seit ein paar Jahren werden die Lebensmittel in Kunststoffgebinden, welche die Migros zur Verfügung stellt, verteilt.

Auch heute noch bringe ich zweimal pro Woche Lebensmittel ins Obdachlosenheim. Durch diese Tagesfrischprodukte durfte ich viele obdachlose Menschen kennenlernen, sei es auf einer Bank, auf der Strasse, oder in einem Heim. Viele haben mir ihre Geschichte erzählt – ihre Geschichte bis zu dem Punkt in ihrem Leben, wo sie mit dem „normalen“ Alltag gebrochen haben. Sie haben mir erzählt, was es bedeutet, nicht beachtet oder mit Verachtung bestraft zu werden, dass sie nicht zurückkehren können oder wollen in ein Leben mit aufgezwungenen gesellschaftlichen Normen, erstarrten Strukturen und scheinheiliger Moral.

Was haben Sie mit Ihrem Engagement bewirken können?

Hélène Vuille: Im Jahr 2012 habe ich mein Buch „im Himmel gestrandet“ veröffentlicht. Mein Ziel war es, den bedürftigen Menschen, die ich kennenlernen durfte, eine Stimme zu geben. Gleichzeitig habe ich über meine Erfahrungen mit der Migros geschrieben. Bereits zehn Tage nach Veröffentlichung hatte mein Projekt bei der Migros einen ganz anderen Stellenwert eingenommen. Wohl durch den Druck der Medien wurde in einem Vertrag zwischen der Migros, der Caritas und mir besiegelt, dass in jeder Migrosfiliale der Migrosgenossenschaft Zürich nichtverkaufte Tagesfrischprodukt bei Ladenschluss abgegeben werden dürfen, um diese an Bedürftige zu verteilen.
Elf Heime in Zürich gehören inzwischen zu meinem Projekt. Zusätzlich verteilen wir unterstützt von vielen Bäckereien und Hofläden, sowie freiwilligen Helferinnen und Helfern die Tagesfrischprodukte in verschiedenen Gemeinden. Abgegeben werden die Lebensmittel in einem Kirchgemeindehaus oder in einem Raum den die Stadt oder die Gemeinde zur Verfügung stellt. Mit einer Berechtigungskarte, einer sogenannten „Kulturlegi“, welche minderbemittelte Menschen vom Sozialamt oder von der Kirche erhalten, können die Tagesfrischprodukte an einem oder zwei Abenden pro Woche abgeholt werden.

Die Abgabe von Tagesfrischprodukten läuft komplementär zu bestehenden Organisationen wie „die Tafeln“ oder „Tischlein deck dich“, zwei grossartige Organisationen, die viele andere Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Salate, Teigwaren, Büchsen, Reis etc. abholen und verteilen – Lebensmittel jedoch, die lediglich einer optischen Kontrolle unterstellt sind.
Tagesfrischprodukte sind frisch zubereitete 12-, 14- oder 16-Stundenprodukte, welche am folgenden Tag nicht mehr verkauft werden dürfen, obwohl sie klar noch halt- und essbar sind. Bis wann Tagesfrischprodukte konsumiert werden können, liegt im Ermessen des Kunden.

Gleichzeitig kämpfe ich seit 20 Jahren auf politischer Ebene. Eine marginale Gesetzesänderung der Handels- und Gewerbefreiheit könnte bewirken, dass Verkaufsorganisationen von Tagesfrischprodukten verpflichtet würden, diese nach Ladenschluss an zertifizierte Heime oder direkt an Bedürftige abzugeben. Immer wieder und insbesondere nachdem mein zweites Buch „die Brückenbauerin“ im Jahr 2016 erschienen ist, wurde mir von verschiedenen Politikerinnen und Politikern versichert, sie würden sich für eine solche Gesetzesanpassung einsetzen, mit der Bitte jedoch, mich zu gedulden. Ich gedulde mich bis heute. Paralell dazu kämpfe ich weiter.

> Webseite von Helene Vuille

Hilfsprojekt für Frauen

Iris Schmidlin (*1965), Naturheilpraktikerin mit eidgenössischem Diplom in TCM, initiierte im Jahr 2009 das Hilfsprojekt »Chinesische Medizin und Gesundheitsschulung für benachteiligte Frauen« im Palästinensischen Flüchtlingslager Baga’a Jordanien.

Frau Schmidlin, Sie haben vor einigen Jahren ein Hilfsprojekt für Frauen in Jordanien aufgebaut. Wie kam es dazu?

Iris Schmidlin: Der Wunsch mich für benachteiligte Menschen zu engagieren, begleitete mich schon als junge Frau. Die Chinesische Medizin erschien mir, für mein Vorhaben sehr geeignet, da sie mit wenig Grundwissen erfolgreich angewendet werden kann. Ich war überzeugt, dass sie auch armen und benachteiligten Frauen von grossem Nutzen sein kann und ihre Lebensqualität verbessert.

Nach mehreren Reisen in den Nahen Osten und vielen ergreifenden Begegnungen und Gesprächen mit den Frauen in Syrien und Jordanien, entschloss ich mich für ein eigenes Hilfsprojekt „Präventivmedizinische Grundversorgung und Gesundheitsförderung von Frauen“ auf der Basis der Chinesischen Medizin und Ernährungslehre aufzubauen.

Bis ich meine Arbeit im palästinensischen Flüchtlingslager Baqa’a jedoch beginnen konnte, musste ich vor Ort in Jordanien viele Hürden überwinden. Eine russische Aerztin, die in Baqa’a eine gynäkologische Praxis führt, unterstützte mein Vorhaben. Anfänglich konnte ich in ihrer Praxis Frauen und Mädchen mit Akupunktur und Chinesischen Kräutern behandeln. Schnell wurde meine Arbeit im Flüchtlingslager bekannt und ich kam mit der Direktorin des islamischen Frauenzentrums in Kontakt und sie war sehr interessiert und begeistert, dass ich Frauen in chinesischer Medizin, Akupressur und Ernährungslehre unterrichten wollte. Dies war der Anfang einer intensiven Zusammenarbeit.

Und wie ist es weitergegangen nach Ihrer Rückkehr in die Schweiz?

Ich reise noch immer regelmässig nach Jordanien. Anfänglich waren es 3 Mal 3 Wochen im Jahr, um sie möglichst intensiv betreuen und unterrichten zu können. Heute gehe noch 1-2 Mal pro Jahr die Frauen besuchen und mache mit ihnen Weiterbildungen. Während meiner Abwesenheit lernten und übten sie miteinander. Mittlerweile sind die von mir angelernten Frauen selbstständig und geben das gelernte Wissen an andere Frauen weiter oder machen Behandlungen mit Akupressur.

Dank der finanziellen Unterstützung von Freunden und Bekannten meines Vereins Imra’a wurde das kleine Hilfsprojekt ein Erfolg.

> Webseite von Iris Schmidlin