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Feministische Theologie

Silvia Strahm ist feministische Theologin und Publizistin

Frau Strahm, was hat der Feminismus in der Kirche bis jetzt erreicht? – Was noch nicht?  

Silvia Strahm: Die Kirche sind Kirchen. Und auch «meine» Kirche, die katholische, ist als weltweit existierende Institution vielfältig und bewegt sich in sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten. Im europäischen Kontext hat der Feminismus ihr ein paar Nadelstiche versetzt. Nicht mehr. Theologisch hat sich durch die feministische Theologie eine neue Sicht zumindest zu Wort gemeldet und ab und zu auch Gehör gefunden – vorwiegend aber bei den Frauen selbst. Feministisch orientierte Frauenkirchen haben sich entwickelt und einige Frauen bei ihren Fragen abgeholt. Aber alles in allem lässt die Bindung an die Kirchen auch bei den Frauen nach. Feministische Theologie kompensiert diesen Verlust nicht, sondern bietet einfach eine mögliche Perspektive für all jene, die das patriarchal orientierte und organisierte Christentum nicht mehr akzeptieren.

Wie wäre Ihr Leben verlaufen, wenn Sie ein Mann wären? Wie wäre Ihr heutiger Alltag?

Die Türen wären weiter offen gewesen – alles andere lässt sich nicht beantworten. Ich wäre dann wohl einfach ein männliches Mängelwesen geworden – hätte es aber wohl nicht unter dem Vorzeichen des Mangels gesehen.

Welche Feministinnen sollten unsere Leserinnen kennen?

Von den «Klassikerinnen»: Simone de Beauvoir, Betty Friedan, dann Silvia Bovenschen, Cheryl Benard/Edith Schlaffer, Germaine Greer, Christina Thürmer-Rohr. Heute interessant sind Laurie Penny und Margarete Stokowski. 

> Webseite von Silvia Strahm

Die Klimaforscherin

Dr. Sonia I. Seneviratne (*1974), ist Professorin am Institut für Atmosphäre und Klima der ETH Zürich. Sie zählt zu den international renommiertesten Klimaforscher_innen.

Frau Seneviratne, das Wetter spielt verrückt. Sind sich Klimaforscher_innen einig, dass die Erderwärmung eine Realität ist? 

Ja, schon seit längerer Zeit. Die Theorie dazu gibt es schon seit mehr als 100 Jahren. Erste Erkenntnisse der fortschreitenden Erwärmung gab es in den 80er Jahren, zum Beispiel mit der Zeugenaussage von Jim Hansen im US-Senat im Jahre 1988 (vor 30 Jahren). Seitdem haben mehrere Berichte vom Weltklimarat – woran Tausende von WissenschaftlerInnen beteiligt waren – diese Sachlage bestätigt und präzisiert. Ich habe zum Beispiel ein Kapitel vom einem in 2012 veröffentlichten Bericht vom Weltklimarat koordiniert, der aufzeigt, dass wir eine globale Zunahme von mehreren Typen von Klimaextremen, vor allem Hitzeextremen und Starkniederschlägen, in den Beobachtungen feststellen können, und dass wir diese Zunahme der globalen Klimaerwärmung und dem globalen Ausstoss von CO2 zuschreiben können.

Was könnte – in einer idealen Welt – getan werden, um das Klima wieder zu beruhigen? Die CO2-Emissionen senken? Bäume pflanzen? 

Der neueste Bericht des Weltklimarats zur globalen Erwärmung von 1.5°C, woran ich als Hauptautorin beteiligt war, zeigt deutlich, was zu machen ist, wenn wir irreversible Schäden vermeiden wollen. Weil CO2 mehr als tausend Jahre in der Luft bleibt, führt jegliche zusätzliche Emission von CO2 dazu bei, dass die globale Erwärmung weiter zunimmt. Deshalb muss der Netto-Ausstoss von CO2 auf null gesetzt werden, wenn wir die globale Temperaturzunahme stabilisieren wollen. Dies bedeutet langfristig der Verzicht auf dem Verbrauch von fossilen Energieträgern, d.h Erdöl, Benzin, Erdgas und Kohle. Um die globale Temperaturerwärmung auf 1.5°C gegenüber der vorindustriellen Zeit zu stabilisieren, müsste eine Netto-Null-CO2-Bilanz in 2050 global erreicht werden. Dazu sollten wir bis 2030 schon mal die CO2 Emissionen gegenüber 2010 etwa halbieren. Dies ist sehr anspruchsvoll und ambitioniert, aber nicht unmöglich. Die bisherige CO2 Emissionen zwingen uns nicht auf eine Welt mit mehr als 1.5°C Klimaerwärmung, wenn wir sofort und drastisch agieren.
Bäume zu pflanzen kann auch helfen, um das CO2 aus der Luft aufzunehmen und temporär zu speichern. Vor allem ist wichtig, zusätzliche Abholzung zu vermeiden, weil Abholzung die CO2-Emissionen erhöhen würde. Zwingend sind aber der langzeitige Verzicht auf fossile Energieträger und die Transition zum Verbrauch von erneuerbaren Energien.

> Prof. Dr. Dr. Sonia I. Seneviratne, ETH Zürich

Film ETH Zürich



Feministin werden

Anne-Sophie Keller ist Journalistin. Sie hat ein Buch über Iris von Roten geschrieben (Xanthippe-Verlag) und engagiert sich seit Jahren für die Gleichstellung von Frau und Mann.

Frau Keller, was hat der Feminismus in der Schweiz bis jetzt erreicht?

Anne-Sophie Keller: So vieles! Zum Beispiel das neue Eherecht, die Fristenregelung, der Mutterschaftsurlaub, das Frauenstimmrecht. Also allesamt wichtige Rahmenbedingungen für eine gleichberechtigte Gesellschaft. Doch es gibt noch viel zu tun. Zum Beispiel braucht es eine Frauenquote, da wahre Chancengleichheit ohne sie nicht möglich ist. Dafür funktionieren die Männernetzwerke noch zu gut. Und es braucht einen Vaterschaftsurlaub. Zudem finde ich nicht, dass die sexuelle Revolution für die Frauen schon stattgefunden hat. Weibliche Sexualität wird noch immer verurteilt, wenn sie selbstbestimmt ist. 

Können Männer etwas zum Feminismus beitragen?

Sie können, müssen und sollten. Die feministische Bewegung ist eine Verantwortung, die wir gesamtgesellschaftlich wahrnehmen müssen. Männliche Alliierte sind unglaublich wichtig, da sie oft noch entscheidende Machtpositionen innehalten. Und auch Männer profitieren von einer gleichberechtigten Gesellschaft. 

Nach wie vor arbeiten viele Frauen ehrenamtlich und stehen nach einer Scheidung oder im Alter mittellos da. Wie könnte das geändert werden?

Indem sie sich von der Vorstellung lösen, sich immer um alles und jeden kümmern zu müssen – und sich stattdessen mal um sich selbst kümmern. Zudem braucht es Rahmenbedingungen, die erfüllt werden müssen: Lohngleichheit, eine Sexismus-freie Arbeitswelt, den Vaterschaftsurlaub, etc. 

Welche Feminismus-hemmende Faktoren gibt es?

Es gibt noch immer die Haltung, dass Frauen weniger wert sind. Das hat mir der Abwertung weiblicher Arbeit zu tun und auch mit dem Bild, das Medien und die Werbebranche von Frauen präsentieren. Und natürlich spielt auch die Religion eine Rolle: Die meisten Religionen basieren unter anderem auf einer systematischen Unterdrückung der Frau – ich empfehle dazu den Schweizer Dokumentarfilm Female Pleasure

Wie wäre Ihr Leben verlaufen, wenn Sie ein Mann wären? Wie wäre Ihr heutiger Alltag?

Beruflich wäre ich wohl auch Journalist geworden. Ich hätte andere und womöglich weniger Unsicherheiten. Ich wäre noch nie auf Diät gewesen und als Schlampe bezeichnet worden. Ich wäre weniger müde, weil ich nicht immer mehr hätte leisten müssen, um gleich Ernst genommen zu werden wie meine Kollegen. Ich hätte wohl mehr Mühe damit, mit meiner emotionalen Art umzugehen. Und ich hätte einen wirklich hässlichen Namen: Wäre ich ein Junge geworden, hätten mich meine Eltern in einem Anflug geistiger Umnachtung Harald genannt.  

Welche Feminist_innen sollten unsere Leser_innen kennen?

Keine. Ausser sie brauchen Inspiration. Sie sollen selbst Feminist_innen werden.

> Webseite von Anne-Sophie Keller
> Xanthippe-Verlag: Biografie von Iris von Roten

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Gute Migration

Als Jehan Mukawel (26) mit ihrer Familie aus Kurdistan floh, war sie keine 6 Jahre alt. Die Digitalisierungsexpertin und Nationalratskandidatin (2019) arbeitet im Bereich Entwicklungs- und Migrationspolitik. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin für diverse politische Organisationen und setzt sich für Kinder mit seltenen Krankheiten ein.

Frau Mukawel, in der Presse wird Migration oft als problematisch dargestellt. Vor allem, wenn es um Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten geht. Wie ist das für Sie?

Jehan Mukawel: Vielen Leuten kommen bei diesem Thema Hunderte von negativen Schlagzeilen und Pressemitteilungen in den Sinn. Den meisten ist leider nicht bewusst, dass Menschen, die aus ihrem Land fliehen, die Flucht als allerletzte Option wählen mussten. Es ist ein schmerzvoller Schritt, Familie, Freundeskreis, Umgebung, alles, was man kennt, auf einmal verlassen zu müssen. Auch für mich und meine Familie war das so. Wie viele andere mussten wir vor rund 20 Jahren aus politischen Gründen aus unserem Land fliehen.
Trotzdem stellt sich die Frage, wie weit Assimilation gehen soll. Für mich ist es klar, dass Flüchtlinge die Grundregeln ihres neuen Aufenthaltsortes beachten müssen. Auch, dass sie die Sprache des betreffenden Landes lernen sollten. Doch es braucht keine totale Assimilation. Es ist durchaus möglich, sich in eine Gesellschaft zu integrieren, ohne die eigene Identität aufzugeben.
Die Schweiz ist mein Zuhause. Ich bin hier aufgewachsen und spreche, wie alle anderen auch, perfekt Schweizerdeutsch. Doch wegen meines Aussehens oder meines Namens werde ich oft automatisch auf Hochdeutsch angesprochen. Das lässt mich spüren, dass es für andere nicht so klar ist, wie für mich, dass ich nun Schweizerin bin mit kurdischen Wurzeln.
Ich durfte als Kind alles tun, was Kinder aus Schweizer Familien tun. Das hat mein Leben erleichtert. Gute Integration fängt bei den Eltern an. Wenn Sie das Kind begleiten, ist das einfacher, als wenn ein Kind zwischen «zwei Welten» leben muss.
Unabhängig meines Werdeganges bin ich der Ansicht, dass es auch «gute Migration» gibt, die der Schweiz gut tut.

Erlebbare Geschichte

Die Historikerin Angela Dettling ist Geschäftsleitungs-Mitglied des Museums Aargau. Ihr Ziel ist, allen Menschen die Geschichte lebendig und erlebbar näher zu bringen.

Foto: Vor der Landvogtei auf Schloss Lenzburg, im Rosengarten von Lady Mildred Jessup Bowes Lyon. Kostüm von ca. 1860.

Frau Dettling, was gehört zu Ihren Aufgaben als Geschäftsleitungsmitglied eines Museums?

Angela Dettling: Da unser Museum ein kantonales Museum ist, muss ich zusammen mit meinen Kolleg_innen in der Geschäftsleitung die Ziele im AFP erfüllen. Das sind Besucherzahlen, Vermittlungsangebote, Publikationen und Ausstellungen. Diese Zahlen werden vom Grossrat kontrolliert.

Wir erarbeiten und überarbeiten auch immer wieder unsere Museumsstrategie sowie das Leitbild und unsere Vision. Gemeinsam setzen wir die Saisonthemen für das Museum und organisieren bereichsübergreifend Veranstaltungen und Projekte.

Mein Bereich ist die Geschichtsvermittlung. Hier arbeiten sechs fest angestellte Vermittler_innen, ungefähr 30 Besucherdienstmitarbeitende und 45 Museumsführer_innen als Freelancer.

Da das Museum Aargau an sieben von seinen neun Standorten im Aargau personelle Vermittlung macht, bin ich viel am Herumreisen, um die einzelnen Teams zu besuchen.
Wir, das heisst die sechs Vermittler_innen und ich, organisieren jährliche interne wie auch extern eingekaufte Weiterbildungen für alle. Wir erarbeiten Inhalte für neue Workshops und Führungen zum jeweiligen Saisonthema. Das kann sein: Gartengeschichte, Frauenbiografien, Heilkunde, Strafrecht durch die Zeit, Essgeschichten, etc., etc.
Wir leiten auch verschiedene kleinere Projekte wie das Archivprojekt mit Erschliessung von Quellen, Partizipationsprojekte, wo Kinder Ausstellungen wie das PLIRRK! auf Schloss Lenzburg erarbeiten, die App zur IndustriekulTOUR Aabach und das Kochbuch zusammen mit dem Freiwilligenmanagement.

Wichtig ist auch, die neuesten Impulse zur Vermittlung mitzubekommen. Meist ist da England in seiner Museumslandschaft Pulsgeber für Europa. Auch in der Zusammenarbeit mit den Fachhochschulen liegt eine Chance, die Entwicklungen in den Schulen nicht aus den Augen zu verlieren. Der Lehrplan 21 ist für uns als ausserschulischer Lernort von grösster Wichtigkeit und wird die nächsten Jahre unsere Inhalte und unsere Geschichtsvermittlung beeinflussen.

Ihr neuestes Projekt ist eine App zur Industriekultur am Aabach. Was kann man sich genau darunter vorstellen?

Der Aabach fliesst vom Hallwilersee bei Seengen bis nach Wildegg, wo er in die Aare mündet. In den letzten 200 Jahren siedelten sich viele Industrien am Bach an, zapften via Kanäle die Wasserkraft an und produzierten zum Beispiel Mehl, Karton, Zigarren, Seidenstoffe, Pistolen, Elektrizität, Teigwaren, bedruckte Kattunrollen (Baumwolle), Nägel, Gips, Kupferdraht und vieles mehr! Heute sind die meisten dieser Fabriken stillgelegt, umgenutzt oder gar dem Erdboden gleichgemacht. Zusammen mit dem Verein Industriekultur am Aabach haben wir eine App erarbeitet, welche den bestehenden Industriepfad mit augmented Reality überlagert und die alten Hallen wieder auferstehen lässt. Wir haben Interviews geführt mit ehemaligen Fabrikarbeiter_innen, haben Bild- und Schriftquellen studiert und alles zu verschiedenen thematischen Rundgängen zusammengeführt.

Die HünerwADELtour erzählt die Geschichte einer Industriellenfamilie, in der Brunnertour begegnen wir Kinder und jungen Frauen, die in den Fabriken Schwerstarbeit leisten, etc. Dank der tollen App von Locly aus Wales ist es gar möglich, dass man virtuell durch Türen in andere Zeiten tritt, sich im alten Schulzimmer aus dem 19. Jahrhundert die Wandtafelzeichungen anschauen oder durch Wände in die ansonsten unzugänglichen Turbinenhalle blicken kann.
Industriegeschichte wird leider noch immer vernachlässigt, sowohl denkmalpflegerisch, schulisch wie auch in der Vermittlung. Dies wollen wir ändern, in dem wir jeweils am Schauplatz spannende Geschichten mit wirklich coolen Gadgets erzählen!

Geplant ist auch ein Kochbuch zur mittelalterlichen Küche. Wie entstand dieses Projekt? Und was wurde damals gekocht?

Auf Schloss Lenzburg wird schon über 20 Jahre mittelalterlich gekocht. Neben Schulklassen kamen auch immer Gruppen, Vereine und Arbeitsteams, um gemeinsam Mittag-, oder Abendessen zu kochen. Heute nennt man das Teambildung! So hat sich über die Jahre ein praktisches Wissen und viel Erfahrung angesammelt. Vor 10 Jahren konnten wir das Angebot noch ausweiten: Das heute gut etablierte Freiwilligenprogramm schuf ein Kochgrüppli, welches an Sonntagen jeweils für die BesucherInnen im Schlosshof mittelalterliche Häppli zum Probieren kocht und bäckt.
Am grossen Mittelaltermarkt haben wir eine Schauküche, wo wir drei Tage hintereinander einfache bis komplizierte Rezepte nachkochen – seit diesem Jahr haben wir auch einen rekonstruierten Backofen für Pasteten und Kuchen.
An solchen Events wurden wir immer wieder nach den Rezepten gefragt, die wir dann auf losen Blättern abgegeben haben. Die Idee, daraus ein Buch zu machen, wurde irgendwann konkretisiert und diesen März ist es so weit, «von birn und mandelkern» wird im hier&jetzt Verlag, Baden, herauskommen! Im Ganzen haben wohl fast 15 Personen mitgearbeitet beim rezeptenachkochen, fotografieren, recherchieren, schreiben und bei der Redaktion aller Texte.
Unsere Rezepte sind aus unterschiedlichen Sammlungen aus Frankreich, Italien, Deutschland, England und der Schweiz aus dem 14. und vor allem 15. Jahrhundert. Die Kochbücher stammen aus höfischem Umfeld oder aus reichen städtischen Haushalten. Es finden sich daher exotische und teure Gewürze und Zutaten darin wie Safran und Muskatnuss oder Zitronen und Zucker.
Meine Lieblingsrezepte habe ich diesen Silvester in ein Menu verpackt: frittierter Spinat und Kaiserkrapfen zum Apero, Zanzarellisuppe als Vorspeise, Heidnischer Kuochen mit Kohleintopf zum Hauptgang und die Sahnetorte mit Safran als Dessert!

Wo finden Sie die schönen Kostüme, die Sie jeweils zu den Events tragen?

Die mittelalterlichen Kleider sind alle selbst genäht, entweder von der Trägerin selbst oder in Auftrag gegeben. Da ist auch immer wichtig zu entscheiden, welche Zeit vermittelt werden will: Ende 14. Jahrhundert trug man andere Schnitte als 50 Jahre später! Dazu gehören auch die richtige Haube und passende Accessoires. Wobei ich immer wieder betonen muss, dass wir in der Geschichtsvermittlung im Museum Aargau kein Reenactment machen, also nicht 100 % Authentizität und komplette Handarbeit garantieren können und wollen. Dazu fehlt uns die Zeit – und auch das Geld. Ausserdem erzählen wir in den Schlössern jeweils 1000 Jahre Geschichte, da braucht es einen Pragmatismus: Unsere «Mägde» im Mittelalterkleid zum Beispiel können durch die Zeit reisen und auch im Wohnmuseumsraum des 20. Jahrhunderts Geschichte erzählen. Die Kostüme aus der Barockzeit, Belle Epoque oder dem Empire haben wir bei sehr guten Kostümschneiderinnen gekauft.
Wir haben also einen grossen Fundus an vielen Kostümen aus verschiedenen Zeiten für die Vermittlung!

> Museum Aargau 

Die Bergführerin

Ariane Stäubli ist eine der wenigen Bergführerinnen in der Schweiz. Ausserdem schloss sie als erste Frau die Gebirgsspezialisten-Rekrutenschule (RS) in Andermatt ab. Wenn Ariane Stäubli nicht in den Bergen unterwegs ist, arbeitet sie als Umweltingenieurin mit den Schwerpunkten Verfahrenstechnik, Recycling und Modellierung von Rohstoffkreisläufen.

Frau Stäubli, woher kommt Ihre Liebe zu den Bergen?

Ariane Stäubli: Schon als kleines Mädchen kletterte ich bei Föhnsturm am liebsten in die Wipfel der höchsten Bäume. Später war ich in jeder freien Minute mit meinen Freunden, meiner Schwester oder der Jugendgruppe des Schweizer Alpenclubs SAC in den Bergen unterwegs. Als kleiner Mensch in der grossartigen Wildnis unserer Bergwelt unterwegs zu sein, relativiert vieles und stimmt demütig. In den Bergen habe ich das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und das richtige zu tun. Ich fühle mich frei.

Was sind die Aufgaben einer Bergführerin?

Als Bergführerin begleite ich Menschen auf verschiedenen Routen und Wegen durch die Berge. Sei es über einen luftigen Felsgrat, weite Gletscher oder auf einer pulvrigen Tiefschnee-Skiabfahrt. Dabei ist mir wichtig, den Gästen meine Begeisterung für die Berge und die Natur mitzugeben und sie auch durch anspruchsvolles Gelände möglichst sicher zu führen. Bergsteigen ist verdichtetes Leben, auf einen schattigen, anstrengenden Aufstieg folgt meist ein sonniges Gipfelerlebnis. Es macht mich glücklich, Menschen bei persönlichen Grenzerfahrungen zu begleiten.

In der Schweiz gibt es rund 36 Bergführerinnen und rund 1’500 Bergführer. Wie ist es als Frau in der Bergführerszene? Muss man da ein besonders dickes Fell haben?

Während der Bergführerausbildung habe ich fehlende körperliche Kraft durch einen unbändigen Willen kompensiert. Nun fühle ich mich als Frau sehr gut aufgehoben in der Familie der Bergführer. Kameradschaftlichkeit ist mir unglaublich wichtig, ich gehe gerne auf Menschen zu und es freut mich immer sehr, in den Berghütten oder auf meinen Touren bekannte Gesichter zu treffen. Einzig gewisse Gäste sind bei der ersten Begegnung manchmal erstaunt, wenn vor ihnen nicht ein stämmiger, männlicher Bergführer steht. Mit Fachkompetenz und Charme lässt sich aber meist schnell eine gute Atmosphäre schaffen.

Erlebten Sie in den Bergen auch schon schwierige Momente?

Vor ein paar Jahren hatte ich einen schweren Skitourenunfall, bei dem ich 500 Höhenmeter abgestürzt bin. Während des Falls sah ich ein gleissendes, weisses Licht und war mir sicher, dass ich nun gestorben bin. Erstaunlicherweise war dies kein unangenehmes Gefühl, eher eine neutrale Feststellung. Wie durch ein Wunder habe ich überlebt, allerdings mit einer sehr schweren Knieverletzung. Ob ich jemals wieder gehen kann, war lange ungewiss. Mental war sie Situation sehr schwierig, ich fragte mich, ob ich nach den Sternen greifen darf und mir weiterhin die Bergführerausbildung als Ziel setzten soll, oder ob ich die Ansprüche an meinen Körper drastisch reduzieren muss. Glücklicherweise haben mich meine Familie und meine Freunde beim Rehabilitations-Prozess enorm unterstützt und mein Traum, Bergführerin zu werden, wurde nach einem langen Leidensweg doch noch wahr. Schlussendlich hat mir der Unfall die Angst vor dem Tod genommen und lässt mich mein Leben doppelt geniessen.

Sie haben an einem Filmprojekt über Bergführerinnen von Caroline Fink mitgemacht, das von SRF co-produziert wird. Wann feiert der Film Premiere?

Im Frühling 2019.

Webseite von Ariane Stäubli: www.bergfuehrerei.ch

Frauen für Wikipedia

Patrizia Laeri (*1977) ist Wirtschaftsjournalistin und Moderatorin beim Schweizer Fernsehen und widmet sich in ihrer #aufbruch-Kolumne für Ringier der digitalen Aufklärung und ökonomischen Analyse von Gender-Themen. Sie ist Beirätin des Institute for Digital Business der HWZ und wurde soeben als LinkedIn TopVoice Deutschland, Österreich und Schweiz ausgezeichnet. Gemeinsam mit SRF, Ringier und Wikimedia initiierte sie den Edit-a-thon «Frauen für Wikipedia». Dieser wird nun regelmässig durchgeführt.

Frau Laeri, weshalb sind Wikipedia-Einträge wichtig für Frauen?

Patrizia Laeri: Es ist generell wichtig, dass Frauen auch digital sichtbarer werden. Dafür kämpfe ich. 85 Prozent der Biografien auf der wichtigsten Informationsseite unserer Zeit, auf Wikipedia, sind männlich. 90 Prozent der Editoren sind Männer. Die Einträge über Frauen sind zudem oft kürzer und fokussieren mehr auf die Rolle als Mutter und Ehefrau. Es kann nicht sein, dass wir alte Vorurteile 1:1 in die neue Welt tragen. Ähnlich einem Hack-a-thon haben wir einen Edit-a-thon lanciert, Medienfrauen und -männer treffen sich gemeinsam zu einem Event und fluten Wikipedia mit Frauen-Biografien. Die Cracks von Wikimedia sind vor Ort und helfen, wenn Fragen auftauchen. Es entspricht vielen Frauen mehr, sich gemeinsam zu treffen, statt im stillen Kämmerchen zu arbeiten. Auch die Kultur der elitären Hacker auf Wikimedia kann abschreckend sein. Nehmen Sie das Beispiel von Physik Nobelpreisträgerin Donna Strickland. Ein männlicher Editor hat ihr den Eintrag auf der Plattform verwehrt. Das ist ein globales Problem: Jeder Wikipedia-Artikel muss mit Artikeln in Medien belegt werden. Aber Frauen sind in Medien eben oft nicht da. Und wer nicht in den Medien ist, der kommt nicht auf Wikipedia. Und wer es nicht auf Wikipedia schafft, hat weniger Bedeutung und ist nicht Geschichte. Ein Teufelskreis.

Inwiefern sind Schweizer Medien Teil des Problems?

Medien haben grosse Macht. Und grosse Verantwortung. Wir Journalistinnen haben die eine grosse Verantwortung, weibliche Role Models, Vorbilder auszugraben, ihnen eine Stimme und Plattform zu geben und so in den Köpfen etwas zu verändern. Gerade Fernsehen oder bildstarke Magazine haben die Macht neue Bilder und Vorbilder zu generieren. Den männlichen Journalisten kann man das nicht überlassen. Die tun das nämlich nicht. Sie interessieren sich nun mal mehr für Ihresgleichen und männliche Rollenbilder. Das nennt man homosoziale Kooptation und ist hinreichend erforscht. Das Problem ist, dass Wirtschaftsjournalistinnen immer noch sehr rar sind in der Schweiz.

Doch wir könnten Wandel bringen. Wir müssen Wirtschaftsfrauen reden lassen. Nur mal nochmals zur Rekapitulation. Wieviele der grössten 20 Konzerne in der Schweiz haben eine weibliche Chefin? Null. Null Prozent. Wieviele der 100 Schweizer Unternehmen haben eine weibliche Chefin? Drei. Drei Prozent. Wieviele der 253 Banken in der Schweiz haben eine Chefin? Vier. Das sind also 1.6 Prozent in der mächtigen Finanzbranche. 1.6 Prozent. Das ist vernichtend einflusslos. Deswegen ist es umso wichtiger, in den Medien und Sendungen auch Frauen zu haben, die noch nicht in der Geschäftsleitung oder CEO’s sind, aber auf dem Weg dahin.

Foto: Adrian Bretscher

> Patrizia Laeri auf Wikipedia

Schwarze Frauen in Biel

Myriam Diarra, Fachfrau-Betreuung, Bewegungs-Pädagogin und Bewegungs-Therapeutin, ist eine der ersten in Biel geborenen Schwarzen Schweizerinnen. Gemeinsam mit zwei weiteren Frauen, Fork Burke und Franziska Schutzbach, möchte sie ein Buch über die Geschichte Schwarzer Frauen in Biel herausgeben.

Frau Diarra, Sie haben soeben das Crowdfunding für ein Buch über die Geschichte Schwarzer Frauen in Biel erfolgreich beendet. Was möchten Sie damit bewirken?

Myriam Diarra: Das Ziel ist, eine sichtbare Spur in der Geschichte zu hinterlassen, eine Spur, die beweist, dass es auch eine Geschichte schwarzer Frauen in Biel gibt. Bis jetzt, wurden keine Bücher zum Thema veröffentlicht.
Für das Buch werden wir Geschichten von schwarzen Frauen sammeln, die ihr Alltagsleben in Biel dokumentieren, ihr Schaffen, Wirken und Denken. Es geht in den Geschichten nicht darum, schwarze Frauen als Opfer darzustellen, sondern als Bieler Bürgerinnen.
Einige dieser Frauen sind in Biel geboren, andere haben womöglich viel durchgemacht, bevor sie hier ankamen. Ist es für eine Frau schwieriger als für Männer, sich in der Welt durchzusetzen, so ist dieses Unterfangen für eine Frau, die zur afrikanischen Diaspora gehört, einer schwarzer Frau, noch unvergleichlich anspruchsvoller.
Das Buch soll voller Liebe sein und wir freuen uns, wenn es als Lernmittel gebraucht wird und wenn es Mut macht.

Die Hundeflüsterin

Als 5-Jährige absolvierte Sabrina Luginbühl den ersten Agility-Parcours mit dem Hund ihrer Mutter. Heute, fast 27 Jahre später, lehrt sie Erwachsenen den richtigen Umgang mit ihren Hunden, führt in Kindergärten und Schulen «Prevent-a-Bite»-Kurse durch und instruiert im Zürcher Oberland Agility-Begeisterte.

Frau Luginbühl, Sie führen im Zürcher Oberland Agility-Kurse durch. Welche Hunde sind dafür geeignet?

Sabrina Luginbühl: Alle, sofern sie gesund und sportlich unterwegs sind. Ausnahme: Die Tiere sollten nicht zu gross oder zu schwerfällig sein. Agility mit Bernhardiner oder Deutschen Doggen wäre unsinnig, nur schon aus gesundheitlichen Gründen.

Und ganz kleine Hunde? Zum Beispiel Chihuahuas?

Die Frage ist, welche Ambitionen man hat. Wenn ein kleiner Hund aktiv und fit ist, hat er bestimmt Freude an Agility zum «Plausch». Die Teilnahme an Wettkämpfen mit einem Chihuahua macht jedoch wenig Sinn.

Wenn ich einen Welpen kaufe und er sich nicht wie gewünscht verhält, was wäre ein Erste-Hilfe-Tipp?

Suche dir eine gute Hundeschule! Wer sich einen Welpen kauft, sollte mit ihm in die Welpenspielgruppe. Das ist etwas vom Wichtigsten, das man tun kann.

Sie geben Kurse und Beraten Hundebesitzer_innen. Kann ich Sie auch für ein paar Stunden engagieren, wenn sich mein erwachsener Hund daneben benimmt?

Komm darauf an, worum es geht. Hat jemand einen verhaltensauffälligen Hund, dann muss sich die Verhaltenspsychologin darum kümmern. Ist der Hund nicht richtig erzogen, dann bin ich die richtige Person.

Man sieht oft Hunde, die ununterbrochen an der Leine ziehen. Wie könnte das behoben werden?

Dem Hund dieses Verhalten abzugewöhnen ist reine Fleissarbeit. Manchen Hundebesitzer_innen ist das wichtig und anderen nicht.

Kann ich Ihren Rat auch telefonisch oder via Video-Telefonie einholen?

Mit konkreten Beispielen geht das. Ansonsten muss man die Live-Situation sehen. Das heisst, die Kundin kommt mit ihrem Hund zu mir nach Uster oder ich reise zur Kundin.

Sie führen in Kindergärten und Schulen «Prevent-a-Bite»-Kurse durch. Was lernen da die Kinder?

Es geht um die Grundregeln im Umgang mit Hunden: Wie sollen sie sich verhalten, wenn freilaufende Hunde zugerannt kommen, wenn sie ihnen etwas wegnehmen wollen (zum Beispiel das Znünibrot), oder wenn sie sich bedroht fühlen.
Fremde Hunde dürfen erst berührt werden, wenn der Hundehalter sein Okay gegeben hat. Eigene Hunde dürfen beim Fressen nicht gestört werden. Und es gehört sich von selbst, dass Tiere niemals geplagt werden.

Mögen Sie lieber grössere oder kleinere Hunde?

Ich habe alle gleich gerne. Jeder Hund ist eine neue Herausforderung. Egal, ob er ganz klein oder ganz gross ist.

Haben Sie noch andere Tiere?

Ja, mein altes Pferd Forest, das ich nun vor allem pflege. Es darf seinen Lebensabend in Ruhe geniessen, so lange wie es eben möglich ist.

Sie haben einen einjährigen Sohn. Was denken Sie, muss man sehr kleinen Kindern im Umgang mit Haustieren beibringen?

Einjährige sind zu klein, um sich an Regeln zu halten. Es ist meine Aufgabe, das Haustier vor dem Kind zu schützen. Damit nichts passiert. Denn Tiere sind Tiere und sie bleiben, trotz bester Erziehung, unberechenbar.

www.agility-zo.ch

Von der Job-Hopperin zur Multi-Jobberin

Michaela Stalder (1966) ist Multi-Jobberin. Sie hat mehrere Teilzeitjobs.

Frau Stalder, Sie bezeichnen sich selber als «Multi-Jobberin». Wie kam es dazu?

Michaela Stalder: Ich war schon immer ein rastloser Geist. Zu Vieles hat mich stets interessiert, weshalb eine geradlinige Karriere für mich gar nie in Frage gekommen wäre. Meist blieb ich nicht lange an einer Stelle, weil mir vielerorts die Flexibilität fehlte, um alle meine Interessen unter einen Hut bringen zu können – zum Beispiel auch längere Reisen. So wurde ich zur Job-Hopperin und arbeitete jeweils temporär in verschiedenen Bereichen.

Ich war unter anderem Schriftsetzerin, Redaktorin, Aushilfe, Reiseleiterin, Sekretärin, Texterin, Layouterin, Flight Attendant, Koordinatorin, Betreuerin, Korrektorin, Projektleiterin, Content Managerin, Personalberaterin und Präsidentin einer Wohngenossenschaft. Mir gefiel, dass ich mich bei allen Jobs stets in neue Disziplinen eindenken musste, die alle anders funktionierten und mich forderten. Zudem bot sich mir durch die Arbeit die einmalige Gelegenheit, in diversen Bereichen hinter die Kulissen schauen zu können und Neues zu lernen.

Als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern musste ich schliesslich den Lebensunterhalt für meine kleine Familie bestreiten. Trotzdem wollte ich so viel wie möglich für meine Kinder da sein. So hat es sich ergeben, dass ich von der Job-Hopperin zur Multi-Jobberin wurde. Ich hatte mehrere Teilzeit- und Minijobs und hielt uns so finanziell über Wasser. Einige Arbeiten konnte ich abends von zu Hause aus erledigen. So war ich flexibel genug, um daneben Zeit mit meinen Kindern zu verbringen, und zwar dann, wenn diese mich brauchten.

Anfangs war es nicht leicht, von einem Job in den anderen zu hüpfen. Vor Arbeitsantritt musste ich jeweils in mich gehen und mir in Erinnerung rufen, was mich die nächsten paar Stunden denn eigentlich beschäftigen würde. Dann kamen wieder die Kinder – dann ein anderer Job – dann wieder die Kinder – und am Ende noch etwas Haushalt …

Heute habe ich mich daran gewöhnt – und zwar so sehr, dass ich mir keinen anderen Alltag mehr vorstellen kann. Dies, obwohl die Kinder mich längst nicht mehr im selben Umfang brauchen. Die frei gewordene Zeit nutze ich für meine Hobbies. Ich habe angefangen Motorrad zu fahren und Japanisch zu lernen, lese all die Bücher, die ich schon lange lesen wollte und widme mich sinnstiftenden Projekten.