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Gewalt an Frauen*


Anna-Béatrice Schmaltz (*1992) arbeitet bei der feministischen Friedensorganisation cfd. Sie leitet die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen*».

Frau Schmaltz, in der Schweiz wird kaum über Gewalt an Frauen gesprochen. Gibt es sie gar nicht? Oder wird sie bei uns stillschweigend geduldet?

Anna-Béatrice Schmaltz:Über Gewalt zu sprechen, ist gesellschaftlich tabuisiert. Insbesondere wenn es sich dabei um häusliche Gewalt handelt oder um Gewalt durch Menschen, die das Opfer kennt, bleibt das Geschehen im Dunkeln.
Jede fünfte Frau in der Schweiz erfährt mindestens einmal in ihrem Leben häusliche Gewalt und alle zwei Wochen kostet sie einer Frau das Leben. Im Jahr 2018 wurden laut polizeilicher Kriminalstatistik im Rahmen von häuslicher Gewalt 24 Frauen und Mädchen ermordet.
90 % der Betroffenen von häuslicher Gewalt sind Frauen. Zudem gibt es auch ein grosses Dunkelfeld. Das Problem ist also massiv.

Wie verhält es sich mit der sexualisierten Gewalt?

Auch sexualisierte Gewalt ist tabuisiert und kann Teil von häuslicher Gewalt sein. Im Jahr 2018 wurden laut polizeilicher Kriminalstatistik 536 sexuelle Nötigungen und 604 Vergewaltigungen an Frauen angezeigt. 

Sexuelle Gewalt gegen Männer ist ebenfalls stark tabuisiert. Auch das ist ein Problem, das Geschlechterstereotypen zementiert.

Strukturelle Gewalt

Gewalt an Frauen hat aber noch andere Dimensionen als physische und psychische Gewalt. Auch strukturelle Gewalt ist ein gesellschaftliches Problem, das viel zu wenig bekannt und bewusst ist. Frauen erleben strukturelle Gewalt vielfältig. Beispielsweise durch Lohnungleichheit, fehlende Vereinbarkeit von Familie und Beruf und stereotype Abwertung. Frauen sind in starkem Mass auch von Gewalt im digitalen Raum, im Internet, betroffen, wo sie beschimpft und bedroht werden.

Wie kommt es, dass die Täter fast immer männlich sind?

Gewalt hat oft mit toxischen Männlichkeitsvorstellungen zu tun. Männer müssen Dominanz, Macht und Stärke demonstrieren und stets alles im Griff haben. Dies kann zu Gewalt gegen sich selbst aber auch gegen andere führen. Enge und starre Rollenbilder und Geschlechterstereotypen beeinflussen Gewalt an Frauen. Gewalt hat mit Machtausübung zu tun – aber auch mit Überforderung. Die Gründe für die Ausübung von Gewalt sind vielfältig. 

Was hat Ihrer Meinung nach die #metoo-Bewegung bewirkt?

Die #metoo-Bewegung hat dazu beigetragen, dass öfter über Gewalt gegen Frauen gesprochen wird. Betroffene sind gestärkt und fühlen sich weniger allein. Gesamtgesellschaftlich hat sich ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass Gewalt an Frauen, leider viel zu häufig vorkommt und dass Gewalt vielfältige und subtile Formen kennt. Die Bewegung hat auch gezeigt, dass Gewalt an Frauen kein Phänomen der Einzelfälle ist, sondern ein grosses und verbreitetes soziales Problem.

Weshalb, denken Sie, werden Frauenanliegen immer wieder unter den Teppich gekehrt?

Das hat mit patriarchalen Strukturen zu tun. Der Anspruch auf Gleichstellung beinhaltet, dass Männer gewisse Privilegien aufgeben müssen. Es scheint das Bewusstsein zu fehlen, dass Gleichstellung allen nützt. Weiter wird die fehlende Gleichstellung als naturgegeben legitimiert, was extrem problematisch ist. Frauenanliegen werden zudem unter den Teppich gekehrt, weil die politische und wirtschaftliche Macht mehrheitlich noch immer bei Männern liegt. 

Was können wir alle tun gegen Gewalt an Frauen?

Es braucht ein grösseres Bewusstsein für fehlende Gleichstellung und dafür, dass Gewalt uns alle betreffen kann. Weiter braucht es genügend finanzielle Ressourcen für Beratung, Prävention und Schutz. Es ist wichtig, dass Betroffene ernstgenommen werden und professionelle Unterstützung erhalten. Die konkrete und umfassende Umsetzung der Istanbul-Konvention (Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt) ist elementar. Zudem braucht es einen gesellschaftlichen Wandel weg von starren Rollenbildern. 
Wichtig ist auch, dass bereits Kinder lernen die Grenzen des Gegenübers zu respektieren. 

Die feministische Bewegung setzt sich seit langem gegen Gewalt ein. Persönlich kann sich jede und jeder gegen Gewalt einsetzen, in dem sie oder er Zivilcourage zeigt, am 14. Juni 2019 am Frauenstreik teilnimmt oder auch Kampagnen wie die «16 Tage gegen Gewalt an Frauen*» unterstützt.

Abschliessend ist zu sagen: Gleichstellung ist die beste Prävention gegen Gewalt an Frauen.

> cfd Christlicher Friedensdienst

> 16 Tage gegen Gewalt an Frauen*

Rechtliche und gelebte Gleichstellung

Anja Derungs, Mediatorin, leitet die Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich. Sie ist Präsidentin der Schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten (SKG).

Frau Derungs, was genau tut eine Fachstelle für Gleichstellung?

Anja Derungs: Wir setzen uns täglich ein für die rechtliche und gelebte Gleichstellung von Frauen und Männern, von Lesben, Schwulen und Bisexuellen und von intergeschlechtlichen und trans Menschen. Wir informieren, beraten, vermitteln in Konflikten, bieten Weiterbildungen an, machen Projekte und führen eine Bibliothek zu Gleichstellungsthemen.

Aktuelle Plakataktion

Was hat der Feminismus in der Schweiz bis jetzt erreicht? Was noch nicht?

Anja Derungs: Feministinnen und Feministen – aber auch Menschen, die sich nicht als solche bezeichnen – haben viel erreicht. Gerade in Bezug auf die rechtliche Gleichstellung. Doch bei der tatsächlichen Gleichstellung gibt es noch viel zu tun. Zentrale Missstände bestehen noch immer: fehlende Lohngleichheit, Alltagssexismus, Gewalt an Frauen*, nicht anerkannte unbezahlte Arbeit, mehrheitlich von Frauen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Zudem sind Frauen oft von mehrfacher Diskriminierung betroffen, weil sie zusätzlich marginalisierten Gruppen angehören, zum Beispiel am Existenzminimum leben, lesbisch sind, eine körperliche Beeinträchtigung oder eine andere Hautfarbe als weiss haben. 

Auch bezüglich Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung gibt es noch viel zu tun. Die Ehe steht heute immer noch nicht allen Menschen gleichermassen offen. Lesbische Frauen haben im Gegensatz zu heterosexuellen verheirateten Frauen keinen Zugang zur Fortpflanzungsmedizin. Und die Arbeitslosenquote beträgt bei trans Menschen ca. 20 %. Sie liegt damit fast fünfmal höher als bei der Schweizer Gesamtbevölkerung.

Sogenannte Frauenberufe werden schlechter entlöhnt als «Männerberufe». Wie könnte das geändert werden?


Es muss ein Umdenken stattfinden. Die Vorstellungen, Männer seien die Familienernährer und Frauen die Hüterinnen des heimischen Herdes ist über Jahrhunderte gewachsen. Diese Vorstellung prägt auch unsere Sicht auf sogenannte Frauenberufe und Männerberufe. Diese Rollenteilung hat zwar nur in einer kleinen gesellschaftlichen Schicht – dem Bürgertum – jemals der Realität entsprochen, wurde aber als Idealzustand propagiert. Wir müssen aufhören, dies als Naturzustand anzusehen – es ist keiner. 

Wenn Lohnungleichheit einerseits sanktioniert wird und ihr andererseits in Erziehung und Wertvorstellungen die Legitimation entzogen wird – weil vermeintlich «weibliche» Arbeit gleich viel Wert ist wie «männliche» – sind wir auf dem guten Weg. Die Wertigkeit von Berufen ist kein individuelles Problem der Frauen im Sinne, dass die ganz einfach die falschen Berufe wählen, die schlecht bezahlt sind. Es ist umgekehrt: Berufe, die traditionellerweise als Frauenarbeit angesehen werden, werden weniger wertgeschätzt und weniger honoriert.

Noch immer sind Machtpositionen in Wirtschaft und Politik vorwiegend männlich besetzt. Was denken Sie, weshalb halten sich althergebrachte Strukturen so hartnäckig?

Weil die Strukturen so entstanden und gewachsen sind. Der moderne Arbeitsmarkt, die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern und die Rollenbilder und -erwartungen sind zeitgleich entstanden. Diese Strukturen zu verändern bedeutet also auch, unser Denken zu verändern. Es geht nicht bloss um das Verhalten individueller Frauen, im Sinne von: Frauen müssen sich mehr zutrauen und mehr fordern. Es geht auch darum, Privilegien und strukturelle Machtverhältnisse überhaupt erst sichtbar zu machen. Am Ende kommt mehr Freiheit für alle heraus.

Wie gehen Sie mit Kritik und Angriffen auf Ihre Person und die Gleichstellungsarbeit im Allgemeinen um?

Persönliche Angriffe kommen eher selten vor. Dass Gleichstellungsarbeit kritisiert wird, ist Alltag. Veränderungen lösen Widerstand aus. Und: Es gab immer Menschen – Frauen und Männer – die mit dem heutigen gesellschaftlichen Zustand zufrieden waren. Sie fühlen sich als Frau nicht diskriminiert oder als Mann nicht privilegiert. Das kann im Einzelfall ja auch stimmen – aber strukturell, also im Grossen und Ganzen, stimmt es ganz einfach nicht.

> Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich

> EQUALITY.CH – Schweizerische Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten (SKG)

In Balance

Barbara Diethelm (1962), Künstlerin und Geschäftsleiterin des Familienunternehmens Lascaux

Frau Diethelm, Sie sind Künstlerin und bewegen sich durch Ihre Arbeit im Familienunternehmen in Künstlerkreisen. Ist Gleichstellung im Bereich Kunst überhaupt ein Thema?

Gleichstellung ist für mich nicht nur eine Genderfrage, sondern vor allem eine Balance der weiblichen und männlichen Prinzipien, die in erster Linie nichts mit Mann oder Frau zu tun haben, sondern mit zwei gleichwertigen Grundprinzipien, die wesentlich sind für unser Leben und Fortbestehen.

Unsere Gesellschaft ist männlich dominiert: Dies zeigt sich im ausbeuterischen und respektlosen Umgang mit der Natur und uns selbst – anstelle eines harmonischen und nachhaltigen Umgangs. Man denke hier auch an den geringen Stellenwert von Kreativität und Intuition in der schulischen Erziehung zugunsten von Rationalität und Entwicklung technischer Intelligenz. Wobei wir sicher sein können, dass technischer Fortschritt allein das Überleben der Menschheit nicht sichern wird.

Den Bereich der Kunst würde ich wie folgt betrachten: Beim kreativ- schöpferischen Aspekt des Gestaltens oder des Kunstschaffenswie es heute auch genannt wird, treten mehrheitlich Frauen in Erscheinung. Sprechen wir hingegen vom Kunstmarkt, ist dieser von Männern und männlichen Werten beherrscht: Profit, Gewinn und Prestige sind die vorherrschenden Motive, das Kunstwerk als solches ist dabei zweitrangig. Und die Frauen, die sich im globalen Kunstmarktbewegen, passen sich diesen Mechanismen an. 
Dafür sind in den offiziellen Kunstinstitutionen in den letzten Jahren viele Frauen in Leitungsfunktionen berufen worden – eine erfreuliche Entwicklung. 

Und in Ihrer Firma?

Als ich meine Firma vor 25 Jahren vom Vater übernahm, war ich als Frau in der Minderheit und die einzige in einer Führungsposition. Das habe ich zügig verändert und die Mitarbeiterinnen-Zahl stieg kontinuierlich, vor allem auch in den Führungspositionen. Im Schnitt der letzten zehn Jahre haben wir einen Anteil von 50 %. Dass Frauen lohn- und konditionsmässig gleich gestellt sind wie ihre männlichen Kollegen, ist für mich selbstverständlich, wie auch das Bereitstellen von Teilzeitpensen – auch in Führungspositionen. Mein Ziel ist nicht nur die proportionale Balance zwischen Frauen und Männer, sondern vor allem zwischen männlichen und weiblichen Prinzipien. So sehe ich das Unternehmen als einen lebendigen Organismus, der durch seine Mitglieder getragen und entwickelt wird. Dabei ist es mir ein Anliegen, die Mitarbeitenden in ihren individuellen Potenzialen und ihren Eigeninitiativen wertzuschätzen und zu fördern.

Was denken Sie, hat der Feminismus in der Schweiz bis jetzt erreicht? – Was noch nicht?

Was Gleichstellung anbelangt, hat sich in der Schweiz in den letzten Jahren viel getan. Und das, obwohl sich diese Zahl – in den letzten zwei Jahren waren die Hälfte der Studierenden an Schweizer Universitäten Frauen – nicht im Berufsleben widerspiegelt. Dies liegt meiner Meinung nach daran, dass viele Frauen nicht (mehr) bereit sind, den Karriere-, Leistungs- und Wettbewerbsmarathon vieler Institutionen und Firmen mitzumachen, die nebst einer 60- bis 80-Stunden-Woche keinen Raum für persönliche Entwicklung übrig lassen. Dadurch signalisieren diese Frauen auch, dass sie die weiblichen Werte nicht weiter zurückstellen wollen. Der Grossteil der Wirtschaft läuft weiterhin nach männlichem Prinzip: Wachstumsideologie, Wettbewerb, Leistung um jeden Preis. Gerade die Jüngeren machen da zum Glück oft nicht mehr mit.

Welche Feminismus-hemmende Faktoren gibt es? 

So sind es denn auch die alten Wertvorstellungen und Glaubenssätze, wie äussere Werte versus innere Werte, die einen Grossteil der hemmenden Faktoren darstellen. Dies äussert sich in den Normen der äusseren Erscheinung und Schönheitsidealen, denen viele Frauen unterliegen und dabei ihre eigenen Werte, ihre wahre Schönheit nach hinten stellen. Denn es sind auch hier die dominierenden männlichen Werte, die den Motor der Konsumgesellschaft und das Diktat der Modebranche antreiben. 

Wie wäre Ihr Leben verlaufen, wenn Sie ein Mann wären? Wie wäre Ihr heutiger Alltag?

Wäre ich ein Mann, hätte ich mich nicht in dieser Weise für die Gleichstellung, und der Balance von weiblichen und männlichen Werten einsetzen können. Und ich hätte wohl keine ganzheitlichen Farbsysteme entwickeln können. Wie zum Beispiel das von mir 1995 entwickelte Sirius® Farbsystem, welches 2001 ein europäisches Patent erhielt. Als 2003 in der Neuauflage des Buches «Idee Farbe – Farbsysteme in Kunst und Wissenschaft von Forsius bis Sirius» das Sirius® Farbsystem als jüngstes Farbsystem aufgenommen wurde, freute mich dies ausserordentlich, da dieses Farbsystem das einzige der 47 aufgeführten Systemen der letzten 400 Jahre war, welches von einer Frau geschaffen wurde.

Welche Frauen sollten unsere Leserinnen und Leser unbedingt kennen?

Das gäbe eine lange Liste, denn es gibt so viele wunderbare Frauen, die sich für eine Gleichstellung und Stärkung der weiblichen Werte einsetzen. Meine jüngste Begegnung ist die mit der wegweisenden Naturschützerin und Südafrikanerin Linda Tucker. Sie setzt sich unermüdlich für die Erhaltung und Achtung der Kreatur, in Gestalt der weissen Löwen, und der Regeneration des Ökosystems ein. 

Denn so wie der Löwe für die Aufrechterhaltung der Lebenskontinuität in seinem Ökosystem zuständig ist, so ist es unsere Verantwortung, die Kontinuität unseres lebendigen Erbes zu bewahren und zu den ursprünglichen Naturgesetzen und Harmonien zurückzukehren.

Ich habe Linda Tucker, im Rahmen unserer Stiftung, der Fondation Lascaux, in die Schweiz eingeladen. Sie wird am 27. Juni 2019 in Zürich, in der Aula Rämibühl, einen öffentlichen Vortrag halten.

> Lascaux
> Fondation Lascaux

Beruf und Familie

Valérie Borioli Sandoz ist Leiterin Gleichstellungspolitik bei TravailSuisse.

Frau Borioli Sandoz, trotz Gleichstellungsgesetz erhalten Frauen in der Schweiz weniger Lohn als Männer für die gleiche Arbeit. Lässt sich das noch ändern bevor wir alle alt und grau sind?

Valérie Borioli Sandoz: Um das Gleichstellungsgesetz tatsächlich wirksam zu machen, wird möglicherweise eine zweite Überarbeitung notwendig sein. Langsamkeit prägt die parlamentarischen Prozesse in unserem Land, daher besteht durchaus die Gefahr, dass wir «alt und grau» sind, bevor jegliche Lohndiskriminierung aufgrund des Geschlechts überwunden ist. Leider sieht das Gleichstellungsgesetz weder Lohnkontrollen in den Unternehmen noch Sanktionen bei mangelnder Lohngleichheit vor, wie das zum Beispiel beim Arbeitsgesetz der Fall ist. Die letzte Revision des Gleichstellungsgesetzes führte die Verpflichtung der Unternehmen ein, Löhne unter geschlechtsspezifischen Gesichtspunkten zu analysieren. Das Problem ist, dass diese Verpflichtung von der Mehrheit des Parlaments auf Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten beschränkt wurde. Deshalb sind 99,1 % der Unternehmen von der Verpflichtung, ihre Selbstanalyse durchzuführen, ausgenommen und somit werden 52 % aller in der Schweiz arbeitenden Menschen von dieser Gesetzesänderung ausgeschlossen sein. 
Es ist höchste Zeit, dass die Zivilgesellschaft, insbesondere die Gewerkschaften, Druck ausüben. Bei der Aushandlung von Tarifverträgen oder Gesamtarbeitsverträgen leisten sie bereits wichtige Arbeit für die Gleichstellung von Mann und Frau. In Zukunft müssen weitere Instrumente entwickelt werden, um Unternehmen, die das Problem einfach ignorieren, in die Pflicht zu nehmen.

Gibt es weitere Bereiche im Berufsleben, in denen die Gleichstellung noch nicht realisiert ist?

Leider ja. In der intensiven Lebensphase einer Familiengründung finden Frauen und Männer unterschiedliche Rahmenbedingungen vor. Frauen, die ein Kind zur Welt bringen, haben Anspruch auf eine durch die Einkommensausfallversicherung bezahlte Abwesenheit, was normal ist, doch der Vater hat zurzeit kein Recht auf einen Vaterschaftsurlaub. Von den Unternehmen wird eine Schwangerschaft aufgrund der zukünftigen Abwesenheit der Mutter oft als Problem wahrgenommen. Nur die Frauen erleiden negative Folgen nach der Geburt eines Kindes: Viel zu oft werden sie entlassen, und das in einer besonders intensiven Phase ihres Lebens. Wenn die Stimmberechtigten zur Initiative von Travail.Suisse, ProFamilia Suisse, alliance F und männer.ch zum 20-tägigen Vaterschaftsurlaub Stellung beziehen können, könnten sich die Dinge ändern. Zum Zeitpunkt der Geburt muss ein gewisses Gleichgewicht zwischen Vater und Mutter hergestellt werden, nur schon, weil ein Kind in den ersten Tagen beide Elternteile braucht. Es ist auch notwendig, Paaren eine bessere Aufteilung der Arbeitsbelastung zu ermöglichen. Dies, indem mehr Teilzeitstellen oder Jobsharing sowohl für Männer als auch für Frauen angeboten werden.

Nach der Familienphase finden viele Frauen keinen passenden Job mehr. Was denken Sie, müsste sich diesbezüglich ändern?

Der erste Rat an Frauen ist, dass sie ihre Erwerbstätigkeit nicht unterbrechen. Mit der Unterstützung ihres Partners sollten Frauen in der Lage sein, ihre berufliche Tätigkeit auch mit Kindern fortzusetzen. Das Aussteigen aus dem Arbeitsprozess führt zu einer unvollständigen beruflichen Biografie, die den Arbeitgebern nicht gefällt, trotz der vielen in dieser «Familienphase» erworbenen Fähigkeiten. Damit beiden Partner, auch mit Kindern, weiterhin möglich ist berufstätig zu sein, ist es unverzichtbar, mehr Kinderbetreuungsplätze bereitzustellen. Wie später auch in der Schule sollte jedes Kind mindestens zwei Tage pro Woche Anspruch auf einen Krippenplatz haben. Das wäre eine echte Dienstleistung des öffentlichen Dienstes. Wie in anderen Ländern bereits vorhanden, muss sich der Staat auch verpflichten, Kinderkrippenplätze zu finanzieren, um die Kosten der Eltern zu senken. Die Schulzeiten müssen angepasst werden, um sicherzustellen, dass die Kinder vor und nach der Schule betreut werden, einschliesslich mittags, damit die Betreuungszeiten mit der beruflichen Tätigkeit der Eltern vereinbar sind. Abschliessend rate ich allen, sich mit Unterstützung seines Arbeitgebers/seiner Arbeitgeberin ein ganzes Leben lang weiterzubilden. Unsere Welt verändert sich so schnell, dass es wichtig ist, «beschäftigungsfähig» zu bleiben.

Welche Massnahmen braucht es von den Arbeitgebenden, damit sich auch Väter vermehrt in der Familie einbringen können?

Zunächst können Unternehmen den 20-tägigen Vaterschaftsurlaub im Rahmen der Volksinitiative unterstützen. Das ist für sie nur von Vorteil, denn der Vaterschaftsurlaub wird durch die Lohnausfallversicherung finanziert, die bereits von Arbeitgebern und Arbeitnehmern bezahlt wird. Dank der Volksinitiative wird jedes KMU ihren Mitarbeitern den gleichen Vaterschaftsurlaub bieten können wie das die grossen Unternehmen bereits tun. KMU können schon heute ihre Unterstützung auf der von männer.ch publizierten Webseite www.100-pro.ch öffentlich ankündigen.
Darüber hinaus sollten Führungskräfte in Unternehmen die familiäre und persönliche Situation jedes einzelnen Mitarbeiters kennen. Sie müssen verstehen, dass Väter ebenso wie Mütter das Recht haben, bei Erkrankungen ihrer Kinder jeweils bis zu drei Tage abwesend zu sein. Das ist ein Elternrecht. Die Art der Arbeitsorganisation, insbesondere die Sitzungen am Ende des Tages, sollte sich an das Familienleben anpassen. Die Unternehmenskultur muss sich weiterentwickeln, um den Bestrebungen der jüngeren Generationen nach einer besseren Aufgabenteilung innerhalb der Familie und einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben gerecht zu werden. Präsentismus sollte nicht mehr belohnt werden und es darf nicht erwarten erwartet werden, dass ein Mitarbeiter eine Aufgabe am Abend oder am Wochenende erledigt. Schon jetzt können Massnahmen ergriffen werden, wie zum Beispiel die Anerkennung eines Rechtes auf Unerreichbarkeit.

Gibt es Frauen, die Sie im Verlauf Ihres Lebens inspiriert haben oder immer noch inspirieren?

Ja, es gibt viele und oft anonym, wie Firmenchefinnen oder Bäuerinnen aus meiner Umgebung, die trotz ihrer schweren und vielfältigen Aufgaben Lächeln und ihre kommunikative Energie bewahren. Im politischen Leben bewundere ich die ehemalige CVP-Nationalrätin und Nationalratspräsidentin Chiara Simoneschi-Cortesi. Politik zu betreiben führt oft zu vielen Opfern, vor allem wenn man eine Frau ist, weil die politische Welt von männlichen Regeln bestimmt wird. Ich bin zutiefst traurig über den jüngsten Beschluss von Ständerätin Géraldine Savary, sich aus dem politischen Leben zurückzuziehen. Die Kämpfe, die diese waadtländische Sozialdemokratin geführt hat, haben von ihrem Engagement und ihren aussergewöhnlichen Fähigkeiten profitiert. Um ihre Rechtschaffenheit und Ethik, könnten sie viele männliche Politiker beneiden. In einem anderen Bereich bewundere ich die indische Aktivistin Vandana Shiva, die für die Zukunft der indischen Bauern, die Ernährungssouveränität und den Schutz der biologischen Vielfalt in all ihren Formen kämpft. Schliesslich inspiriert mich das Denken der englischen Ökonomin Kate Raworth («Die Donut-Ökonomie»). Es ist das eines neuen ökonomischen Paradigmas, das wir brauchen, für eine integrierte, vernetzte, dynamische, saubere und umverteilende Wirtschaft.

Aus dem Französischen übersetzt von Fatima Vidal

Valérie Borioli Sandoz, TravailSuisse

Eine unglaubliche Breite

Prof. Viola Heinzelmann-Schwarz (*1969) ist seit 2013 die erste Frau, die in der Schweiz eine universitäre Frauenklinik leitet, und sie ist die erste Professorin (Ordinaria) mit Lehrstuhl für Gynäkologie.

Frau Heinzelmann, was war Ihre Motivation, Ärztin zu werden?

Ich bin die erste Medizinerin in einer Kaufmannsfamilie, familiär bedingt ist diese Motivation also nicht. Der Wunsch, Ärztin zu werden war bei mir schon immer vorhanden, doch es ist sehr schwierig zu sagen, woher dieser stammt. In gewisser Weise war ich stets vom menschlichen Körper fasziniert, ich wollte anderen Menschen helfen können und als junger Teenager verschlang ich Biografien, meist von Wissenschaftlerinnen oder Pazifistinnen, zum Beispiel von Bertha von Suttner, Marie Curie, Käte Frankenthal, Albert Schweitzer, Albert Einstein, Schwester Teresa oder Mahatma Gandhi. Das alles mag wohl dazu beigetragen haben. 

Würden Sie Ihren Werdegang als einfach bezeichnen? Oder eher als Marathon? 

Nein, ich würde meine Laufbahn nicht als einfach bezeichnen, Marathon passt da eher. Eine wissenschaftliche Karriere kann man nicht einfach «machen wollen», zumindest hätte ich das immer als vermessen empfunden. Viel mehr hängt sie mit glücklichen Geschicken zusammen:  Man ist einfach zur rechten Zeit am rechten Ort und man hat die Mentalität eines Stehaufmännchens. Dann braucht es auch ein gutes Umfeld, supportive Freunde und einen Partner, der den Weg mitträgt. Schlussendlich helfen wirkliche Mentorinnen und Mentoren, die einen fördern möchten und dies nicht als Gefahr für die eigene Karriere sehen.

Was denken Sie, weshalb gerade die Frauenheilkunde so lange in Männerhand war?

Mein Fachgebiet umfasst eine unglaubliche Breite: Jugendliche, Frauen mit Wunsch nach Verhütung, unerwünschter Kinderwunsch, Sterilität, Schwangerschaft, Blutungsstörungen, Menopause und gutartige sowie bösartige Tumore. Wir decken einen ambulanten Betrieb, eine Notfall-Sprechstunde, Geburten rund um die Uhr und auch Operationen ab. Damit ist unsere Tätigkeit automatisch mit breitem zeitlichem Einsatz verbunden. Geburtshelfer im Hintergrund, also Ärztinnen und Ärzte, die Bereitschaftsdienst haben, stehen oft jede Nacht auf, weil sie zu Geburten gerufen werden. Karzinomoperationen dauern zum Teil länger als 7 Stunden – das ist auch körperlich sehr fordernd. Viele Frauen mit familiären Verpflichtungen wollen sich dem nicht auf Dauer aussetzen. Für Frauen geht das nur, wenn sie sich sehr gut organisiert und Unterstützung geholt haben; das allerdings hat seinen Preis, finanziell und ideell. Für mich hatte es immer einen besonderen Reiz, mich insbesondere in einem Männer-dominierten Feld durchzusetzen.

Die meisten Kaderstellen in Frauenkliniken sind nach wie vor mit Männern besetzt. Wären Quoten eine Lösung?

Ich selbst hätte nie eine Quote gewünscht, weil ich immer den Eindruck gehabt hätte, dies würde meine Leistung mindern. Man muss nicht Frauen über Quoten auswählen, sondern ihnen genau die gleichen Chancen geben wie Männern und insbesondere ein Umfeld schaffen, in dem man Frauen ermuntert, fördert und ihnen den Weg zeigt, sollten sie ihn gehen wollen.

Was raten Sie jungen Ärztinnen, die ebenfalls eine Klinik leiten wollen? 

Ich weiss nicht ob der Antrieb, eine Klinik zu leiten der Richtige wäre. Mir liegt es nicht an dieser Funktion, sondern eher daran, dass dies eine Möglichkeit ist, das Umfeld etwas zu ändern, Leute zu fördern, ein Klima des Lehrens und Lernens zu schaffen, Vertrauen aufzubauen und gute Medizin zu betreiben. Man sollte das anstreben, was einem am besten liegt und in dem man am besten ist. Ich bin solch ein glücklicher Mensch, weil ich jeden Tag mit Freude zur Arbeit gehe und das tun kann, was ich am besten kann – und ich habe die Chance, mit meinem täglichen Handeln Leuten eine Freude zu machen, sie zu fördern und ihnen gesundheitlich zu helfen.

Welche Frauen / Pionierinnen sollten unsere Leserinnen und Leser kennen?

In der Schweiz muss ich da klar Marie Heim-Vögtlin als erste Schweizer Ärztin nennen. Vorreiterinnen als Chefärztinnen in meinem Fachbereich waren Brida von Castelberg oder Irene Hösli. In Deutschland war die erste Ordinaria Prof. Marion Kiechle.

Prof. Viola Heinzelmann-Schwarz, Unispital Basel

Gleichstellen

Prof. Dr. Lucia Lanfranconi (*1983), ist Dozentin und Projektleiterin an der HSLU und selbstständige Expertin/Workshopleiterin für Lohngleichheit und Geschlechtergleichstellung. Aktuell absolviert sie einen Forschungsaufenthalt an der UC Berkeley School of Social Welfare.

Frau Lanfranconi, zusammen mit Ihrer Schwester Romana Lanfranconi und ihrem Team (VOLTAFILM, Luzern) haben Sie den Dokfilm «Gleichstellen – eine Momentaufnahme» produziert. Worum geht es in diesem Projekt? Wer soll damit angesprochen werden?

Lucia Lanfranconi: Das Ziel von www.gleichstellen.ch ist es, die Diskussion über die Gleichstellung von Frau und Mann in der Arbeitswelt zu fördern und Massnahmen zur Verbesserung der Gleichstellung anzuregen. Ansprechen, wollen wir alle: Frauen wie Männer, Arbeitnehmende, wie Arbeitgebende. Denn: Gleichstellung geht uns alle an! Im Film «Gleichstellen – eine Momentaufnahme» zeigen wir daher verschiedene Perspektiven auf das Thema: Eine Angestellte übernimmt nach ihrem Mutterschaftsurlaub eine andere Aufgabe und erhält dafür weniger Lohn. Eine Personalchefin bedauert, dass nur ein einziger Mann in der Pflege ihres Altersheim arbeitet. Ein Arbeitgeber sagt, er wäre bereit, mehr Männern eine Teilzeitarbeit anzubieten, aber die Männer würden nicht danach fragen. Der Einblick in den Alltag von zwei Unternehmen soll unbewusste Mechanismen sichtbar machen und zu Diskussionen zum Abbau von Hindernissen bezüglich Lohngleichheit, Karriere, Elternschaft oder Teilzeitarbeit motivieren.

Wie lässt sich Gleichstellung erreichen? Das Gleichstellungsgesetz scheint nicht wirklich zu greifen. Immer noch sind Männer die Haupternährer von Familien, weil ihre Löhne höher sind als diejenigen der Frauen. Also arbeiten Frauen Teilzeit, oft in «Frauenberufen», die schlecht bezahlt sind. Wie liesse sich dieser Kreislauf unterbrechen?

Das Schweizerische Gleichstellungsgesetz ist zwar im internationalen Vergleich ein relativ «griffiges» Instrument in Bezug auf Klagen gegen Diskriminierung vor dem Gericht. Jedoch wissen wir spätestens seit der Evaluation des Gleichstellungsgesetzes vor mehr als 10 Jahren, dass Klagemöglichkeit zur Durchsetzung des Gleichstellungsgebotes, wie es in Verfassung und Gesetz seit bald 40 resp. mehr als 20 Jahren verankert ist, nicht ausreicht. Es braucht zusätzliche Durchsetzungsmechanismen. Die Selbstkontrolle der Unternehmen im Bereich der Lohngleichheit ist ein erster sehr wichtiger Schritt. Um die Chancengleichheit von Frauen und Männern im Erwerbsleben wirklich zum Durchbruch zu verhelfen (tatsächliche Chancengleichheit bei Verteilung von Aufgaben, Führungspositionen, Möglichkeit zur Teilzeitarbeit, etc.) braucht es weitere verbindliche Massnahmen in Unternehmen (interessierte Unternehmen können sich zum Beispiel hier inspirieren und hier zertifizieren lassen). 
Darüber hinaus braucht die Schweiz bessere familienpolitische Strukturen: Vaterschafts- und Elternurlaub, mehr subventionierte Kita-Plätze etc. Neben diesen Massnahmen, können und müssen auch die Frauen und Männer ihren Beitrag leisten: Je mehr Männer auch ihre Aufgabe in den Familien nachgehen und zum Beispiel Teilzeitarbeit für die Betreuung von Kindern oder betagten Eltern einfordern und je mehr Frauen aktiv höheren Lohn und gute Positionen einfordern umso mehr kann der Wandel gelingen. Daher: Gleichstellung geht uns alle an!

Was denken Sie, warum lassen sich althergebrachte Strukturen nur so langsam verändern?

Das hat verschiedene Gründe: Organisationen wie Unternehmen und z.B. ihre gewachsenen Lohnstrukturen und -systeme sind relativ träge: Sie wandeln sich nur langsam. Sowohl auf der Ebene der ganzen Schweiz, wie auch innerhalb eines einzelnen Unternehmens reicht es nicht aus festzuschreiben, dass man die Gleichstellung von Frauen und Männern erreichen will. Es braucht auf beiden Ebenen weitere Massnahmen und den tatsächlichen Willen, d.h. auch die nötigen Ressourcen, um die Strukturen effektiv zu verändern. Dies braucht generell Zeit! Und: In der Schweiz gibt es einige Hintergründe, warum dieser Wandel besonders langsam voran geht (im Vergleich zum europäischen Umfeld): z.B. späte Einführung des Frauenstimmrechts, was wiederum mit Föderalismus und direkter Demokratie zusammenhängt, starke Stellung vom Arbeitsmarkt und Vetretern/Vertreterinnen der Arbeitgebenden in der Politik, eher wenig Ressourcen und Macht für gleichstellungspolitische Institutionen etc.

Wann ist Gleichstellung erreicht?

Gleichstellung passiert schon in sehr vielen Momenten: So haben mein Mann und ich uns immer Kinderbetreuung und Beruf selbstbestimmt aufgeteilt und leben gerade aktuell das Modell, dass ich Vollzeit arbeite und mein Mann ganz für unsere drei Kinder und das Haushaltes-Management verantwortlich ist. Es ist schön, dass wir das leben können und dass sowohl mir wie auch meinem Mann viele Leute dazu gratulieren! Gleichstellung wäre aber dann vollständig erreicht, wenn uns niemand mehr dazu gratulieren müsste – weil es einfach normal ist, dass ALLE Frauen und Männer ihr Leben nach ihren Wünschen und Potentialen gestalten würden. Gleichstellung wäre also etwa dann erreicht, wenn alle junge Frauen und Männern ihre Berufswahl und die Entscheidung für eine Familie tatsächlich unabhängig von ihrem Geschlecht treffen könnten … Zudem ist für mich Gleichstellung nicht auf das Geschlecht und auch nicht auf das Erwerbsleben begrenzt. Umfassende Gleichberechtigung oder Gleichstellung wäre erreicht, wenn alle Menschen unabhängig ihrer Hautfarbe, dem Einkommen und der Ausbildung ihrer Eltern, ihrer sexuellen Orientierung und ihrer politischen und religiöser Gesinnung und vor allem unabhängig ihres Passes ihre Leben nach ihren Potenzialen und Wünschen gestalten und Leben könnten! 

Welche Frauen sollten unsere Leserinnen und Leser kennen?

Inspiriert hat mich zum Beispiel Silvia Staub Bernasconi und ja, auch meine Mutter Edith Lanfranconi-Laube und meine Schwester Romana Lanfranconi.

> Gleichstellen: www.gleichstellen.ch
> Verein für Chancen-und Lohngleichheit, Schweiz: www.vclg.ch
> Prof. Dr. Lucia Lanfranconi, Hochschule Luzern

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Video: «Gleichstellen» von VOLTAFILM (Vimeo)

Frauenbuchladen

Anne-Marie Pfister (*1948) eröffnete 1974 den ersten Frauenbuchladen der Schweiz in Basel. Sie war Basler Grossrätin und Gründungsmitglied des Literaturhauses Basel.

Frau Pfister, vor 45 Jahren eröffneten Sie den ersten Frauenbuchladen der Schweiz. Wie kam es dazu? 

1968 wurde ich zwanzig und somit volljährig. Trotzdem durfte ich drei Jahre lang nicht abstimmen – das Frauenstimmrecht in der Schweiz wurde erst 1971 eingeführt. Zuvor war ich lange in Paris gewesen und als ich zurückkam wollte ich mich politisch betätigen, doch das war für Frauen nicht möglich. Diese Situation, für mich damals sehr schwierig zu akzeptieren, war die Grundmotivation für den Frauenbuchladen. Hinzu kam meine Vorliebe für Bücher von Autorinnen.

Wie sah das Angebot Ihres Ladens aus? 

Der Laden war anfangs mehr ein politischer Buchladen. Frauenbücher gab es zu dieser Zeit ja noch nicht so viele. Erst 1975 kam mit «Häutungen» von Verena Stefan der grosse Durchbruch der Frauenbücher im deutschsprachigen Raum. 

Mit der Zeit wurde der Buchladen zu einem Orientierungspunkt. Später gründete ich gemeinsam mit anderen Frauen das Frauenzentrum und das Frauenkafi. 

Inhaltlich haben sich die Themen teilweise geändert. In den letzten Jahren sind viele Wander- und Naturbücher erschienen. Als wir jung waren, war Wandern unter jungen Menschen total verpönt. Doch ich habe neue Themen stets in das gesellschaftspolitische Konzept integrieren können.

Wer waren die Kund_innen?

Die Kunden waren stets gemischt, jedoch eher weiblich. Weil Frauen mehr lesen, ich Bücher zu frauenspezifischen Themen führte und bei mir die Kontaktstelle des Frauenzentrums war.

Was hat der Feminismus in der Schweiz bis jetzt erreicht?

Ich finde, der Feminismus in der Schweiz hat viel erreicht: Ich wuchs ohne Frauenstimmrecht auf, ohne neues Eherecht, ohne Gleichstellungsartikel. Wäre ich als junge Frau verheiratet gewesen, hätte ich meinen Mann fragen müssen, ob ich arbeiten darf. Ich hätte seine Einwilligung gebraucht, um ein Bankkonto zu eröffnen. Hätte er nach Zürich ziehen wollen, hätte ich mit ihm gehen müssen. Ich hätte nicht wissen dürfen, was er verdient …
Ich finde, es hat sich unheimlich viel verändert. Ich gehöre noch zur Generation Frauen, die angezeigt werden konnten, wenn sie unverheiratet mit einem Mann zusammenlebten. 

Heute stehen andere Themen an, zum Beispiel, welche Möglichkeiten es gibt, um Lohngleichheit durchzusetzen. 

Welche Autor_innen und welche Bücher sollten unsere Leser_innen kennen?

Ganz wichtig erscheint mir, dass überhaupt gelesen wird, weil Lesen in jeder Hinsicht weiterbringt. Mit jedem Buch ist es möglich, einen Schritt in eine andere Welt zu machen und sich weiterzuentwickeln.

Wenn ich ein Buch nennen sollte, dann das neu erschienene Buch von Eveline Hasler «Tochter des Geldes» über die Schweizer Kommunistin Mentona Moser. Ein Buch, das thematisch Frausein und Politik verbindet.

Fotos: Nil Fisch

Frauen in der Techbranche


Valérie Vuillerat setzt sich seit vielen Jahren für Diversität in der Technologiebranche ein. 

Frau Vuillerat, was hat Sie in Ihrer Jugend für einen IT-Beruf motiviert?

Ich bin quasi mit dem Computer aufgewachsen. Mein Vater war Informatiker und ich habe früh herausgefunden, dass der Computer mein Leben vereinfacht. So zum Beispiel beim Schreiben von Aufsätzen und beim Erstellen von Präsentationen. Obwohl ich mich ganz und gar nicht zu den Gamerinnen zähle, liebte ich es damals Tetris zu spielen. Als das Internet aufkam, war ich fasziniert davon, wie einfach zugänglich Wissen wurde, auch ohne den Gang zur Bibliothek.

In der Schweiz liegt der Frauenanteil in IT-Berufen bei rund 15 Prozent. Woran könnte das liegen?

Studien zeigen, dass fast 40 Prozent der Personen, die eine MINT-Ausbildung abschliessen (MINT = Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik), weiblich sind. Die Frage ist, wo diese Frauen nach ihrer Ausbildung hingehen. Denn in der klassischen Tech-Branche findet man sie nicht in vergleichbarem Ausmass. 

Der Grund für die Neuorientierung dieser Frauen liegt am Berufsbild und an der Unternehmenskultur in IT-Abteilungen, die sehr männlich geprägt sind. Diversität zu rekrutieren ist nicht schwer. Schwieriger ist es, die Frauen im Beruf zu halten. Da liegt viel Potenzial brach.

Wie könnte das geändert werden?

Um Frauen wirklich zu halten, muss am Mindset, an der Unternehmenskultur gearbeitet werden. Diese wird meistens durch die Unternehmensführung geprägt. Deshalb ist es essenziell, zuerst dort anzusetzen. Solange diejenige die Entscheidungen treffen, die für althergebrachte Strukturen sind, wird sich nichts ändern. Veränderung wird dann möglich, wenn wir mehr Frauen in Führungspositionen bringen und eine Kultur der Inklusion schaffen. Dann wird das Rekrutieren, das Halten und das Fördern von Frauen in der IT einfacher sein als jetzt. Ich habe diese Erfahrung als Chefin der Digitalagentur Ginetta selbst gemacht. Wir hatten schlicht nie Probleme, talentierte Frauen zu finden.

Wären Quoten eine Möglichkeit?

Ich würde das sehr begrüssen. Nicht, weil ich Quoten per se cool finde, sondern weil damit in anderen Ländern die Gleichstellung erfolgreich durchgesetzt wurde. In den nordischen Ländern gibt es zum Beispiel kein Gender-Problem mehr in Führungspositionen. Dort sind die Rahmenbedingungen so gut, dass jede Frau arbeiten kann. Temporäre Quoten können uns also helfen, das System schneller zu verändern.

Weshalb sollten Unternehmen weibliche IT-Fachleute einstellen?

Die Belegschaft in der technologischen Entwicklung sollte ähnlich divers sein, wie die Zielgruppe, für welche die Unternehmen ihre Leistungen erbringen. Frauen haben eine andere Sicht auf die Welt als Männer. Deshalb ist es wichtig, gemeinsam Entscheidungen zu treffen und mehr Vielfalt in die Unternehmenswelt zu bringen. Nur so können wir Lösungen entwickeln, die für die ganze Gesellschaft nachhaltig funktionieren. Die IT-Branche ist eine zukunftsweisende Branche. Dort entstehen neue Technologien wie Künstliche Intelligenz oder Blockchain. Gerade im Machine Learning ist es essenziell, dass Systeme nicht nur von Männern lernen. Es kann für uns Frauen sogar sehr gefährlich werden, wenn Künstliche Intelligenz ausschliesslich von Männern gemacht wird. Auch deshalb brauchen wir Diversität.

Aus welchen Gründen entscheiden sich Frauen für eine IT-Stelle? Ist das Klima für Frauen in einem Grossunternehmen oder in kleinen Betrieben angenehmer?

Frauen wollen heute etwas bewirken. Und sie wollen sich weiterentwickeln. Dafür braucht es partizipative Führungskräfte. Chefs die Verantwortung weitergeben, Mitarbeitende unterstützen und fördern. Solche, die auch Fehler zulassen, damit man davon lernen und Erfahrung sammeln kann. Ich denke, es spielt keine Rolle, ob Grossunternehmen oder kleinerer Betrieb. Die Firmenkultur ist entscheidend. Es braucht eine Kultur der Inklusion, sprich Vielfalt soll willkommen sein. Authentizität und Transparenz sind entscheidend.

Wen aus der Techbranche sollten unsere Leser_innen kennen?

  • Xiaoqun Clever, Chief Technology & Data Officer and Group Executive Board Member @Ringier
  • Lea von Bidder, CEO von AVA Women
  • Sandra Tobler, CEO Futurae Technologies AG
  • Ilona Baier, CEO Ginetta AG
  • Cornelia Diethelm, CEO Shifting Society
  • Linda de Winter, Member of Executive Board & Head of Development @Die Post
  • Melanie Kovac, Founder of Master21.academy
  • Marianne Janik, CEO Microsoft Schweiz
  • Anna Jobin, Forscherin an der ETH Zürich
  • Adrienne Fichter, Technologiejournalistin Republik

Valérie Vuillerat und Ihre Geschäftspartnerinnen unterstützen mit Witty Works Techfirmen in der Rekrutierung, dem Halten und Fördern von Techfrauen. witty.works

Feministischer Streik in Basel

Franziska Stier (*1984), ist Mitinitiantin des «Feministischen Streiks Basel».

Frau Stier, am 14. Juni 2019 werden Frauen* in der Schweiz streiken. Erstmals seit 1991.Was soll mit dem Frauen*streiktag erreicht werden?

Franziska Stier:Je intensiver wir diskutieren, desto mehr spüren wir, dass es um tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung geht. Lohngleichheit ist nur der Anfang. Wir wollen diese Welt in ein sicheres Zuhause für alle umbauen. Unsere Forderungen richten sich damit nicht nur an Politik und Wirtschaft, sondern an die gesamte Gesellschaft. Mir persönlich ist die Neuverteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit besonders wichtig. Dazu gehört eine deutliche Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit, damit Frauen* nicht in der Teilzeitfalle hängen bleiben und Männer die Möglichkeit haben, Sorgearbeit zu übernehmen. Aber es geht eben auch darum, Zeit für politische Einmischung und Selbstentwicklung zu haben – ohne schlechtes Gewissen, weil Wäscheberge unerledigt bleiben. Aktuell sorgt die Teilung der Arbeiten für eine Sorgekrise. Notwendige Arbeit wird schlecht oder unbezahlt erledigt – wir Frauen* verlieren deshalb jährlich rund 108 Milliarden Franken. Dieses Geld fehlt nicht nur in unseren Geldbeuteln, sondern auch in unseren Sozialversicherungen. Altersarmut ist damit für viele von uns vorprogrammiert.

Es geht mir also vor allem darum,die Sorge um das Leben und damit auch das Leben der Frauen* ins Zentrum der Gesellschaft zu rücken. Und genau das tun wir bereits, indem wir uns organisieren. Besonders deutlich wurde das am Wochenende des 8. März: Tausende gingen in Genf, Basel und Zürich auf die Strasse, 500 Frauen* versammelten sich einen ganzen Tag in Biel zur Streikkonferenz. Bereits jetzt bleiben Tausende Küchen ungeputzt, weil Frauen und queere Menschen ihre Zeit ins gemeinsame Organisieren investieren, basteln, diskutieren und voneinander lernen. Das zu erleben, stärkt jede Einzelne*.

Wer soll streiken?

Aus meiner Sicht sollten am 14. Juni alle streiken, die sich als Frauen* oder nonbinäre Menschen verstehen. In erster Linie stellt der Streik den Umgang mit unserer Arbeit und unseren Körpern ins Zentrum. Wenn wir unsere Leben aber anders gestalten wollen, dann hat das auch Folgen auf die Leben der Männer. Sie sind also auch gefordert. Ich wäre froh, wenn beispielsweise Krankenpfleger anbieten, ihre Schichten zu tauschen oder Männer Urlaub nehmen, um Kinder und pflegebedürftige Eltern zu betreuen, damit die Arbeitskollegin oder die Partnerin streiken kann. Die meisten Streiks leben davon, dass Arbeit unerledigt bleibt, aber gerade die Bereiche der Sorge um Menschen müssen erledigt werden. Wenn nicht von uns, dann von anderen.
Solidarische Männer können also einen wichtigen Beitrag zum Frauen*streik leisten, wenn sie bei ihren Schwestern*, Müttern*, Freund*innen, Töchtern*, Enkelinnen und Ehefrauen* nachfragen, was sie brauchen, um am Streik teil zu nehmen.

Viele Männer wünschten sich ebenfalls mehr Gleichstellung, wären gerne Hausmänner, doch die heutigen Gesellschaftsstrukturen lassen das nicht zu. Wie lassen sich solche Strukturen verändern?

Wenn wir diese Welt umbauen, dann ändert das auch die Leben der Männer. Gerade die Forderung nach Reduktion der Erwerbsarbeitszeit kommt allen entgegen, denn sie schafft Raum für eine Neuverteilung von Sorgearbeit. Dazu braucht es aber auch den gemeinsamen Willen. Niemand will Kinder, alte oder kranke Menschen jemandem anvertrauen, der keine Lust oder keine Zeit hat, sich um sie zu kümmern. Dabei ist gerade der Zeitmangel eine Realität der Pflegeangestellten. Wir brauchen also eine Gesellschaft, in der Sorge um andere weder zum Burn-out noch zu Armut führt. Arbeitszeitverkürzung, mehr Personal in Sorgeberufen und gute Löhne wären hier ein Anfang. Aber es braucht auch für alle die Möglichkeit, bezahlte Sorgezeiten zu beziehen, die nicht nur die eigenen Kinder, sondern auch die Alten mitdenkt.Alle Schritte in diese Richtung erscheinen mir als guter Weg.

Wen sollten unsere Leser*innen unbedingt kennen?

Alle sollten unbedingt ihre lokalen Streikkollektive kennenlernen. Ihr werdet so inspiriert sein. Es geht aber auch darum,sich selbst und sein eigenes Leben zu kennen. Redet mit Freund*innen, Schwestern, Müttern*, Grossmüttern*, Töchtern, Tanten… über ihre Leben und ihre Wünsche an diese Gesellschaft. In diesen Worten werden wir 1001 Gründe finden, um zu streiken.

Foto: Nils Fisch

www.frauenstreik2019.ch

Eine Frage der Gerechtigkeit

Cécile Bühlmann, frühere Nationalrätin, engagiert sich seit Jahrzehnten für Frauenrechte.

Frau Bühlmann, was hat der Feminismus in der Schweiz bis jetzt erreicht? – Was noch nicht?  

Cécile Bühlmann:Die rechtliche Gleichstellung haben wir feministischen Politikerinnen in den letzten 3 Jahrzehnten erkämpft. Mit der Umsetzung hapert es aber immer noch. Wir sind noch weit weg von der Lohngleichheit, Frauen leisten immer noch die grosse Mehrheit der unbezahlten Carearbeit und Gewalt gegen Frauen ist leider immer noch weit verbreitet.  

Sie setzen sich seit vielen Jahren für Frauenrechte ein. Was war und ist Ihre Motivation für diese Arbeit?

Es ist eine Frage der Gerechtigkeit: Wieso sollen die eine Hälfte der Menschheit nur aufgrund des Geschlechts so viel weniger Einfluss, Einkommen und Vermögen haben als die andere? 

Gibt es ein Thema, das Sie insbesondere beschäftigt hat?

Der Zugang der Frauen zur Politik und zur Arbeitswelt: da fallen die entscheidenden Würfel, die das Leben aller Menschen beeinflussen und da haben die Frauen bis heute weniger zu sagen als die Männer.  

Wie hat der Feminismus Ihr ganz persönliches Leben geprägt?

Die feministische Frauenbewegung ist die nachhaltigste soziale Bewegung in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts und für mich war sie eine richtige persönliche Befreiungsgeschichte: Ich habe die alten, mir anerzogenen Rollenbilder über Bord geworfen und mein Leben nach meinen eigenen Vorstellungen zu leben begonnen!   

Politisieren Frauen anders als Männer?

Alle Untersuchungen zeigen, dass Frauen tendenziell sozialer, ökologischer und weniger fremdenfeindlich politisieren, schon deshalb braucht es mehr Frauen in der Politik.    

Wann wird die Gleichstellung erreicht sein?

Das werde ich wohl leider nicht mehr erleben, das Patriarchat ist langlebiger und resistenter als ich früher dachte.  

Welche Frauen sollten unsere Leser_innen kennen?

Alle starken, unabhängigen Frauen dieser Welt! Danke Internet wissen wir heute mehr voneinander und können uns vernetzen, das gibt Power!

www.cecile-buehlmann.ch