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Interreligiöser Think-Tank

Amira Hafner-Al Jabaji ist muslimische Islamwissenschaftlerin und Moderatorin bei «Sternstunde Religion». Im Jahr 2011 erhielt sie den Anna-Göldi-Preis. 2016 wurde ihr der Fischhof-Preis der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) und der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz (GMS) für ihren langjährigen Beitrag für ein friedliches Zusammenleben verliehen.

Frau Hafner-Al Jabaji, gemeinsam mit der der christlichen Theologin Doris Strahm und der Judaistin Annette M. Böckler haben Sie den «Interreligiösen Think-Tank» gegründet. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Amira Hafner-Al Jabaji: Das ist nur zum Teil richtig. Doris Strahm und ich bildeten lediglich den christlichen und muslimischen Teil des Gründungsteams. Die Idee und Vorarbeit von jüdischer Seite wurde von Eva Pruschy mitgetragen, die aber kurz vor der offiziellen Gründung ausstieg. Das jüdische Gründungsmitglied war Gabrielle Girau Pieck. Annette Böckler hat 2017 ihre Nachfolge angetreten.

Zur Idee und Entstehung: In den frühen 2000er Jahren fanden in der Schweiz mehrere «Interreligiöse Theologiekurse für Frauen» statt, die wichtigen Einsichten zu Judentum, Christentum und Islam und zum Dialog zwischen den Religionen aus weiblicher Perspektive lieferten. An diesen Theologiekursen hatten die meisten der ITT-Gründungsfrauen aktiv mitgearbeitet und viel Erfahrung und Wissen über die Herausforderungen und Dynamiken in interreligiösen Dialogsituationen erworben. Diese Erkenntnisse waren so grundlegender Art, dass bei uns die Idee aufkam, man müsse sie auch der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Die Gründung des ITT erfolgte 2008 zudem kurz nachdem der «Rat der Religionen», ein reines Männergremium, das aus lauter Vertretern religiöser Institutionen besteht, lanciert wurde. Da der interreligiöse Dialog generell von Männern dominiert war, wollten wir ein interreligiöses Gefäss schaffen, das der Perspektive von Frauen zu Sicht- und Hörbarkeit verhilft und das nicht nur religiöse Institutionen, also Kirchen, jüdische und muslimische Organisationen etc., repräsentiert. So versteht sich der Interreligiöse Think-Tank als institutionskritisch, was die religiösen Institutionen betrifft, und er legt seinen Fokus auf interreligiös-theologisch-feministisch-politische Themen.

Was kann man sich unter einem interreligiösen Think-Tank vorstellen? Was tun Sie konkret?

Wir mischen uns in die öffentlichen Debatten ein und publizieren auf unserer Website www.interrelthinktank.ch Stellungnahmen zu religions- und gesellschaftspolitischen Themen, wir bringen biblische und koranische Positionen zu aktuellen Themen und Fragestellungen in einen Dialog (aktuell zum Thema Ökologie), analysieren die Situation und das Potential von Frauen in ihren Religionsgemeinschaften, reflektieren und publizieren über das Verhältnis von Religion und Frauenrechten. Im «Leitfaden für den Interreligiösen Dialog», der bislang erfolgreichsten Publikation des Think-Tanks, legen wir dar, wie praktische, theologische und rhetorische Stolpersteine bei der Planung und Durchführung von Dialogveranstaltungen zu erkennen und zu vermeiden sind. Positiv ausgedrückt, was es zu beachten gilt, um einen erfolgreichen und nachhaltigen Dialog zwischen Angehörigen verschiedener Glaubensgemeinschaften zu etablieren. In diesem Sinn begleiten und beraten wir auch Organisationen, die sich mit interreligiösen Fragen beschäftigen.

Wie steht es in den verschiedenen Religionen um die Gleichstellung der Frau? 

Das kommt darauf an, was genau man unter Religion in diesem Zusammenhang verstehen will. Sind es die Aussagen in den religiösen Quellen, insbesondere in Bibel und Koran? Oder die über Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende gewachsenen, meist patriarchalen Strukturen und Traditionsgeflechte? Oder meinen wir die reale Situation von Frauen in Gesellschaften, in denen eine bestimmte religiöse Weltanschauung vorherrscht? 

In den Quellen finden wir ambivalente Aussagen. Solche, die das Patriarchat stützen und somit die Herrschaft des Mannes und die den Rang des Mannes über den der Frau stellen, und andere, die die Gleichstellung und Gleichwertigkeit der Geschlechter postulieren. Was in allen Religionen gleich ist: Die Macht zur Auslegung von religiösen Quellen lag stets bei den Männern. So haben Interpretationen, die die männliche Vormachtstellung zementieren, über weite Strecken die Geschichte und die Traditionen bestimmt. Heute ermächtigen sich Frauen in Judentum, Christentum und Islam vermehrt dazu, die Quellen selbst zu lesen und zu interpretieren und damit die männliche Definitionsmacht aufzubrechen und grundlegende Veränderungen zu bewirken.

Interessante und vielleicht für manche auch überraschende Unterschiede haben wir in unserer Studie über Leitungsfunktionen von Frauen in jüdischen, christlichen und muslimischen Gemeinschaften gefunden. Hier zeigt sich, dass nur gerade in den evangelisch-reformierten Kirchen Frauen gänzlich den gleichen Zugang zum Leitungsamt haben wie Männer und dies von den Theolog*innen wie auch von der Basis gestützt wird. In Judentum und Islam stehen zumindest theoretisch und theologisch ebenfalls keine Hindernisse im Weg, Rabbinerin bzw. Imamin zu werden. Hier ist die fehlende Akzeptanz in weiten Teilen der Basis dieser beiden Religionsgemeinschaften ausschlaggebend für die sehr zögerliche Entwicklung in Richtung weiblicher Leitungspersonen. Einzig im römisch-katholischen Christentum sind es theologische Argumente, die bis heute gegen die Frauenordination ins Feld geführt und als unveränderlich ausgegeben werden. Frauen werden hier allein aufgrund ihres Geschlechts vom sakramentalen Weiheamt und damit von allen klerikalen Leitungsfunktionen ausgeschlossen. Dies, obwohl die Akzeptanz weiblicher Priesterinnen zumindest bei uns in Westeuropa an der Basis gross wäre.

Jede Religion, aber auch jede Gesellschaft, hat für sich zudem ihre spezifischen Themen und Problemfelder im Bereich Religion und Frauendiskriminierung. Nach jüdischem Recht etwa kann sich die Frau nur mit Einwilligung des Mannes scheiden lassen. Nach islamischem Recht erben weibliche Nachkommen nur die Hälfte dessen, was männliche Nachkommen erben, um zwei konkrete Beispiele zu nennen. Wir sollten aber nicht vergessen, dass es nicht vornehmlich religiöse Anschauungen sind, die zu den krassesten Menschenrechtsverletzungen gegen Frauen führen, sondern ökonomische und soziale Umstände, die zum Beispiel ein Bildungsmanko erzeugen, das sich häufig einseitig zu Lasten der Frauen auswirkt. Frieden, Bildung und Wohlstand sind die wichtigsten Aspekte, um die Situation von Frauen zu verbessern.

War das früher auch so? 

Der ökonomische und soziale Aspekt hatte stets Einfluss auf Gendergerechtigkeit. Aber es gibt tatsächlich auch Rückschritte bezüglich der religiösen Gleichstellung von Frauen im Vergleich zu früheren Epochen, zumindest im islamischen Kontext. Muslimische Frauen hatten in der frühislamischen Zeit etwa keine Restriktionen, die Moschee zu besuchen. Das ist heute, im 21. Jahrhundert, zum Teil anders. Da werden z.B. Kapazitäts- und Platzprobleme vorgeschoben und den Frauen ihren zunächst zugesicherten Platz zum Beten wörtlich streitig gemacht. Auch war es durchaus üblich, dass Frauen in der islamischen Frühzeit als Politikerinnen, Ratgeberinnen, Gelehrte und Führerinnen fungierten. Heute dürfen Frauen oft «dankbar» sein, wenn sie in Moscheeleitungen in einem Untergremium «Frauenthemen» beratschlagen dürfen. So gesehen sind muslimische Frauen heute in zweifacherweise Weise Diskriminierungen ausgesetzt: in der eigenen Gemeinde und in unserer Gesellschaft, wenn sie ihnen etwa Zugänge zu Beruf und öffentlicher Präsenz erschwert, falls sie Kopftuch tragen.

Für christlich sozialisierte Frauen in Westeuropa hat die Säkularisierung durchaus Fortschritte gebracht. Recht und soziale Normen haben sich hier zunehmend ausserhalb und oft auch in Widerspruch zu kirchlichen Positionen verändert. Wie erleben aber auch heute noch die Reibungen, die bei diesem Prozess entstehen, etwa bei der Abtreibungsfrage. Im Moment beobachte ich, dass sich in Europa so etwas wie ein ausserkirchliches Christentum-Verständnis entwickelt. Hier sind es vor allem Frauen, die aus Frustration und Hoffnungslosigkeit aus der römisch-katholischen Kirche austreten und dennoch ein dezidiertes christliches Selbstverständnis haben, das sie auch in (neuen) Formen der Praxis leben wollen. Wir leben also in einer höchst spannenden Umbruchszeit und historisch komplexen Situation, was die Religionsfrage in unserer Gesellschaft betrifft. Ich bin überzeugt: Frauen werden in diesem Prozess eine (ge-)wichtige und gestaltende Rolle spielen.

Foto: Laurent Burst

Interreligiöser Think-Tank
Amira Hafner-Al Jabaji, Sternstunde Religion, SRF

Frauenräume – auch heute!

Lou-Salomé Heer und Bettina Stehli sind Historikerinnen. Ihr Verein «Die Historikerin» fördert feministische und Frauen-Geschichte mit Bezug zur Schweiz. Sie sind Teil der fraum*, des Frauen*Zentrums in Zürich.

ES BRAUCHT RÄUME FÜR DIE BEZIEHUNGEN UNTER FRAUEN –  AUCH HEUTE!

Frau Stehli, Frau Heer, Sie schreiben die Geschichte der Villa Kassandra, einem Bildungs- und Ferienzentrum von und für Frauen in den 1980/90er-Jahren: Warum ist diese Geschichte wichtig?

Lou-Salomé Heer: Die Geschichte der Villa Kassandra ist hochaktuell, denn es geht um nichts Geringeres als um die Bedeutung von Frauenräumen für eine feministische politische Praxis. In Damvant, im Kanton Jura, hatten Frauen gemeinsam ein Haus erworben, renoviert und einen Ort geschaffen, an dem zwischen 1986 und 1995 Frauen aus unterschiedlichen Frauenszenen zusammenkamen. Sie gaben Wissen weiter, vernetzten sich, feierten und stritten gemeinsam, erprobten andere Arbeits- und Lebensformen. Es ging um Handlungsraum, Selbstbestimmung und Ermächtigung, um die Erfahrung, was Frauen unter sich gemeinsam schaffen können. Das ist nicht als Rückzug von der Welt zu verstehen, im Gegenteil. Vielmehr ging es darum, überhaupt ein Gefühl der eigenen Existenz zu bekommen in einer Welt, die nicht auf Frauen als handelnde Subjekte mit eigenen Vorstellungen gewartet hat. In der Villa Kassandra entstanden Netzwerke und Beziehungen unter Frauen, die bis heute nachwirken. Das Bildungs- und Kursangebot war sehr breit und die Frauensommeruniversitäten, die in der Villa Kassandra stattfanden, griffen Themen auf, die an Brisanz bis heute nichts verloren haben: Gen- und Reproduktionstechnologien, Rassismus und Eurozentrismus in der Frauenbewegung oder die internationale Geldpolitik und ihre Auswirkungen auf die Geschlechterverhältnisse.

Bettina Stehli: Eine Frau beschrieb die Villa Kassandra einmal als Katalysator, bei einer anderen Gelegenheit als Durchlauferhitzer. Beides Bilder der Beschleunigung und Umwandlung. Das war so für einzelne Frauenleben und für die damalige Frauenbewegung. Dieselbe Frau erzählte uns, dass sie nach der Rückkehr aus der Villa Kassandra fünf Zentimeter über dem Boden schwebte. Ihr Mann wurde eifersüchtig, er verdächtigte sie einer Liebschaft. Gewissermassen stimmte das, aber noch viel fundamentaler als der Mann fürchtete: Sie hatte die Frauen entdeckt und die Liebe zu ihnen und damit zu sich selbst. Die Frauenliebe, die Liebe von Frauen untereinander, die Liebe der Frauen zu sich selbst, zum eigenen Körper, wurde in der Villa Kassandra unerschrocken erkundet. Dieses Feld spannten auch die Frauen auf, die für sogenannte «spirituelle» Kurse in die Villa Kassandra kamen. Viele dieser Frauen lebten eine radikale Befreiung des eigenen Körpers und Denkens aus der patriarchalen Herkunft. Ihre Auseinandersetzung mit der Religion war für sie ein Sprungbrett in eine Kühnheit des feministischen Engagements, die uns heute ein Vorbild ist. In der Villa Kassandra stellten sie zum Beispiel die Frage nach der Bedeutung lesbischer Existenz für alle Frauen.

2) Wie ist die Villa Kassandra in der damaligen Frauenbewegung zu verorten? 

Lou-Salomé Heer: Die Kassandra ist Teil einer internationalen Frauenkultur, die aus der Frauenbewegung der 1970er-Jahre entstanden ist mit Frauenbuchläden, Frauengesundheitszentren, Frauenbands, Frauenzentren, Zeitschriften. Sie ist Ausdruck einer politischen Praxis von Frauen mit Frauen für Frauen. Wir sind uns gar nicht bewusst, wie viele heute mehr oder weniger institutionalisierte Stellen aus dieser Frauenkultur und Projektpraxis entstanden sind. Frauenhäuser, Beratung für Migrantinnen, Beratungsstellen für Betroffene von sexualisierter Gewalt etc. Diese Geschichte muss weiter aufgearbeitet und unbedingt auch vermittelt werden.

3) Welche Fragen, die sich in der Villa Kassandra stellten, sind für Sie gegenwärtig von besonderer Bedeutung?

Bettina Stehli: Eine wichtige Spur liegt in einer Geschichte, die uns eine Frau aus einer Sommeruniversität in der Villa Kassandra erzählte. Bei den Sommerunis kamen jeweils Frauen aus verschiedensten Strömungen der Frauenbewegung zusammen, entsprechend wurde viel gestritten. Aber auch nach hitzigen Debatten hätten die Frauen zusammen in einer im Garten aufgestellten Wanne Körper an Körper gebadet. Dieses Bild ist für uns in mehrerer Hinsicht wichtig. Es zeigt, dass und wie Frauen aus unterschiedlichen Szenen und mit sich auch widersprechenden Ansichten miteinander in Austausch kommen konnten. In diesem Bild liegt eine Lust, die ein roter Faden ist für unser Nachdenken über die Kassandra und die Welt. Denn es gibt für Frauen einen Lustverlust an der Welt, der noch viel schwerer wiegt als Diskriminierungen, beziehungsweise die eigentliche Diskriminierung darstellt. «Dastehen im Leben der Gesellschaft ohne Lust, ohne Kompetenz und ohne Wohlbehagen.», so haben es die Frauen aus dem Mailänder Frauenbuchladen bereits 1983 formuliert und wir machen diese Erfahrung auch heute. Wie sich eine Frau die Lust bewahrt, wie sie dieser Raum gibt, wie es gehen könnte, «auf der Welt zu bestehen und vom FrauSein nichts aufzugeben» – das ist eine Frage mit viel Potential.

4) Welche Räume und welche Frauen sind Bezugspunkte für Ihr Denken und Ihre Arbeit als Historikerinnen? 

Bettina Stehli: Unsere Beschäftigung mit der Villa Kassandra entstand selbst in einem Frauenraum und ist ohne diesen gar nicht zu denken. Im Frauen*Zentrum in Zürich, fraum* genannt, erproben wir seit einigen Jahren eine Politik der Frauen – zum Beispiel mit Generationengesprächen. In diesen Gesprächen wurde immer wieder von der Villa Kassandra gesprochen und immer mit einem Leuchten in den Augen. Was ist in dieser Villa Kassandra passiert, dass sie noch heute ein lebendiger Bezugspunkt ist? Dem wollen wir nachgehen, denn wir brauchen auch heute solche Bezugspunkte, feministische Räume des Möglichen. Feministische Praxis ist immer auch Science Fiction – eine Arbeit an dem, was auch möglich sein kann und dafür ist die historische Auseinandersetzung ganz zentral.

Lou-Salomé Heer: Ein wichtiger Bezugspunkt ist für uns, wie gesagt, auch das Denken der Mailänderinnen, die seit 1975 die Libreria delle donne di Milano führen. 2016 konnten wir sie besuchen – mit einer Gruppe von Zürcherinnen und Berlinerinnen im Rahmen von Feminism Recaptured, einer Bildungsreihe in der fraum*. Das war für uns ein Wendepunkt. Wir sind früher vom Glaubenssatz ausgegangen «DEN einen Feminismus gibt es nicht», haben von Feminismen im Plural gesprochen, weil wir das als korrekt und respektvoll empfanden und es der wissenschaftlichen Einordnungslust entspricht: Hier haben wir den bürgerlichen Feminismus weisser Mittelschichtsfrauen, hier den Feminismus von Schwarzen Frauen und Women of Color, hier Queerfeminismus, da Differenzfeminismus und so weiter. Wir sitzen also mit dieser vermeintlich korrekten Haltung da und dann behauptet die Philosophin Luisa Muraro tatsächlich: «Es gibt nur einen Feminismus!» mit dem Nachsatz: «Der Feminismus ist ein Kampfplatz». Wir waren sprachlos. Aber es war auch eine Befreiung. DEN einen Feminismus gibt es sehr wohl. Es muss ihn geben, wenn wir gemeinsam politisch handeln wollen. Das heisst nicht, dass es nicht sehr unterschiedliche oder gar sich widersprechende Ansichten gibt, aber es heisst: Der Feminismus ist unsere Öffentlichkeit, es ist der Ort an dem wir uns begegnen, streiten, aushandeln, Perspektiven vertreten, Standpunkte wechseln, unser Handeln und Denken gemeinsam erweitern können. 

Fotos: Janice Shaw, «wir haben eine fraum»

Weiteres zur «Historikerin» und zur Villa Kassandra auf historikerin.ch. Das Buchprojekt zur Villa Kassandra kann über den Verein unterstützt werden. Das Frauen*Zentrum Zürich besteht seit 2013 in den Räumlichkeiten des alten Frauenzentrums an der Mattengasse 27, Veranstaltungen und Newsletter über fraum.ch. Die Libreria delle donne di Milano ist hier im Netz libreriadelledonne.it und auf FB. Der Nachlass zur Villa Kassandra befindet sich im Sozialarchiv Zürich.

Literaturhinweis: Gisela Jürgens & Angelika Dickmann. frauen – lehren. Mit «Mehr Frau als Mann», dem Grünen Sottosopra der Frauen des Mailänder Frauenbuchladens, übersetzt von Lilo Schweizer. Rüsselsheim 1996. 

Frauen in der Steinzeit

Dr. Brigitte Röder ist Professorin für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie an der Universität Basel und Mitherausgeberin des Buches «Lebensweisen in der Steinzeit». Sie hat die archäologische Sonderausstellung «Ich Mann, Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?» mitkuratiert, die ab dem 21. September 2019 im Neuen Museum Biel (NMB) zu sehen sein wird.

Frau Röder, wer hat in der Steinzeit gejagt? Die Frauen oder die Männer?

Einem Speer sieht man nicht an, wer ihn geworfen hat. Und auf den wenigen Jagdszenen, die es aus dem steinzeitlichen Europa gibt, ist das Geschlecht der Jagenden nicht eindeutig zu erkennen. Offenbar war es für die Menschen damals nicht wichtig, das Geschlecht zu markieren. Bisher ist jedenfalls weder die Darstellungen einer Frau noch die eines Mannes auf Mammut- oder Rentierjagd bekannt. Ohnehin müsste man sich da weniger eine heroische Einzeltat als Teamwork vorstellen.

Weshalb werden dann in Büchern und Filmen ausschliesslich Männer als Jäger dargestellt, währendem die Frau in diesen Darstellungen Beeren sammelt und den Höhlenboden wischt?

In dieser stereotypen Rollenzuteilung spiegeln sich heutige Geschlechterklischees wider, die auf Vorstellungen des 18. und 19. Jahrhunderts zurückgehen. Damals wurden in der sich formierenden bürgerlichen Gesellschaft die Geschlechterrollen neu besetzt: Männer wurden auf die Rolle des Familienoberhaupts und des Ernährers, Frauen auf die Rolle der Gattin, Hausfrau und Mutter festgeschrieben. Damit verbunden war auch die Vorstellung von einer «gefährlichen Aussenwelt», in der der Mann einer Erwerbsarbeit nachgeht, und von einer «geschützten Innenwelt der Familie“, in der sich die Frau um Kinder und Haushalt kümmert. Dieses spezifische Geschlechtermodell, das im Bürgertum entwickelt wurde, wurde als angeblich «natürlich», «ursprünglich» und «allgemein menschlich» legitimiert. Deshalb wurde es mit der Zeit nicht nur für alle sozialen Schichten zum Leitbild, sondern wird noch bis heute unbesehen auf die Urgeschichte projiziert.

Vor diesem Hintergrund entstehen diese Bilder von jagenden Männern und Frauen mit Kindern an der Feuerstelle, die auf den ersten Blick so ungemein plausibel wirken. Doch das tun sie nur, weil sie vertraute Vorstellungen in Szene setzen. Ein Blick in historische und aussereuropäische Gesellschaften zeigt jedoch, dass das Geschlechtermodell der bürgerlichen Gesellschaft einer Vielzahl von anderen, zum Teil auch sehr flexiblen Rollenteilungen und Konzepten von «Weiblichkeit» und «Männlichkeit» gegenübersteht. Es ist also bei Weitem nicht «allgemein menschlich», sondern sehr spezifisch.

Gab es damals so etwas wie Kleinfamilien mit klaren Rollenteilungen?

Das kann man nicht wissen. Die Überreste eines Zeltlagers oder eines Hauses geben keinen Aufschluss darüber, ob die ehemaligen Bewohner*innen sich als das fühlten, was wir heute als «Familie» bezeichnen. Auch die Grösse der Behausungen ist kein Indiz, denn eine «Familie» kann in mehreren kleinen Häusern gewohnt haben, während mehrere «Familien» sich ein grosses Haus geteilt haben können. Angesichts der enormen Vielfalt von Beziehungs-, Familien- und Haushaltsformen, die aus jüngeren Zeiten bekannt sind, ist es am plausibelsten, auch für die Urgeschichte von einer Vielfalt auszugehen. Hinzu kommt, dass wir bei der Urgeschichte über 2,5 Millionen Jahre sprechen: Auch dieser enorme Zeitraum macht es extrem unwahrscheinlich, dass es ein einziges «Standardmodell» gab.

Wer war für die Höhlenmalerei zuständig?

Auch diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. Sicher ist jedenfalls, dass Höhlen keine Orte waren, an denen sich ausschliesslich Männer aufgehalten haben. Das zeigen beispielsweise Fussabdrücke von Kindern, die mehrfach belegt sind. Ausserdem kann man mit forensischen Methoden nachweisen, dass ein Teil der farbigen Handnegative, die sich in etlichen Höhlen finden, von Männern, Frauen und Kindern stammen. Belegt ist ebenfalls, dass Linienmuster, die aus einigen Höhlen bekannt sind, sowohl von Erwachsenen als auch von Kindern in die damals noch weichen Lehmwände eingestrichen wurden. Wenn am Anbringen von Handabdrücken und Linienmustern auch Frauen und Kinder beteiligt waren, sehe ich keinen Grund, die Malereien und andere künstlerische Äusserungen wie Gravuren, Tier- und Menschenfigürchen ausschliesslich Männern zuzuschreiben. Wie sollte man das auch wissenschaftlich beweisen können?

Die Frauen wurden grundlos aus den Geschichtsbüchern getilgt. Ist das nicht enorm unwissenschaftlich?

Ja, das ist es. Interessant ist ausserdem, dass in der Forschung, aber auch in der Gesellschaft insgesamt, bislang noch häufig mit zweierlei Mass gemessen wird: Das «Weglassen» von Frauen – und im Übrigen auch von Kindern – kann in der Regel problemlos ohne Begründung erfolgen, wohingegen ihre Integration in historische Szenarien stets speziell begründet und legitimiert werden muss. Umgekehrt scheint keine wissenschaftliche Begründung notwendig zu sein, wenn in den Geschichtsbüchern Männer als die alleinigen historischen Akteure und «Zivilisationsbringer» präsentiert werden.

Da macht es mir Hoffnung, dass ich vor einiger Zeit von einer Berliner Schulklasse einen Brief bekam, die es völlig irritierend fand, dass in den Archäologie-Büchern ihrer Schulbibliothek ausschliesslich die Männer die Höhlen ausmalen und die Frauen ihnen immer nur die Fackel halten. Das leuchtete ihnen überhaupt nicht ein und so wollten sie von einer Archäologin wissen, ob das tatsächlich so gewesen sei und wie man das denn überhaupt wissen könne. Diese Kinder sind kritischer als viele Erwachsene.

Vielleicht hat ihre Irritation damit zu tun, dass Kinder heute in einer sozialen Umgebung aufwachsen, in der nicht mehr die traditionellen Leitbilder der bürgerlichen Gesellschaft bestimmend sind, sondern in der sie eine zunehmende Vielfalt an Rollenteilungen, Beziehungs- und Familienformen und jüngst sogar von Geschlechtern beobachten können. Durch die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungsprozesse rund um «Geschlecht» und «Familie» erleben wir gerade hautnah, dass es sich dabei nicht um zeitlose und unveränderliche «biologische Tatsachen» handelt, sondern dass sie stets in einen spezifischen historischen Kontext eingebettet und folglich höchst wandelbar sind. Was sich in den letzten 50 Jahren verändert hat, ist trotz aller Persistenzen geradezu atemberaubend.

Als Archäologin hoffe ich sehr, dass diese aktuellen Erfahrungen dazu führen, dass es irritierend und völlig befremdlich wird, das bürgerliche Geschlechter- und Familienmodell als angeblich «natürlich», «ursprünglich» und «allgemein menschlich» für 2,5 Millionen Jahre Urgeschichte einfach pauschal vorauszusetzen. Denn es ist wesentlich plausibler, statt von einem Einheitsmodell von einer Vielfalt und Wandelbarkeit der sozialen Verhältnisse als Prämisse auszugehen und ergebnisoffen zu forschen.

Darauf hoffe ich auch als Zeitgenossin: Wenn bewusst wird, dass Vielfalt und Wandelbarkeit «normal» sind, kann man in den aktuellen gesellschaftlichen Pluralisierungs- und Wandelprozessen vielleicht weniger eine Bedrohung, sondern mehr die Eröffnung neuer Chancen und Gestaltungsspielräume sehen.

Prof. Dr. Brigitte Röder, Universität Basel

Frauen an Schweizer Universitäten

Frauen waren im 19. Jahrhundert weitgehend von Universitäten ausgeschlossen. Eine europäische Vorreiterrolle erhielt damals ausgerechnet die Schweiz, was uns heute verwundern könnte, weil hier die Frauenemanzipatorische Entwicklungen wie die politische Gleichberechtigung, im Vergleich zu anderen europäischen Ländern besonders langsam verlief. 

Doch es waren nicht Frauen aus der Schweiz, die hier studierten. Die meisten Studentinnen kamen aus dem Ausland. Vorwiegend aus dem Russischen Reich. Dort konnten die Frauen zwar seit den 1850er Jahren Vorlesungen besuchen. Die Politik führte jedoch zuerst einen Numerus clausus für jüdische Studentinnen ein und 1863 wurde den Frauen den Zugang zur Universität wieder verboten.

«An der Universität Zürich wurden bereits 1840 erste Hörerinnen zugelassen. Nachdem ein Immatrikulationsantrag einer Russin 1864 noch nicht erfolgreich war, wurde 1867 der Promotionsantrag der Russin Nadeschda Suslowa (1843–1918) für Medizin bewilligt und sie zudem rückwirkend immatrikuliert.
1874 folgte Marie Heim-Vögtlin (1845–1908) als erste Studentin aus der Schweiz. Sie promovierte ebenfalls in Medizin. Zu den bekannten Zürcher Studentinnen des 19. Jahrhunderts gehören u. a. die Schweizerinnen Elisabeth Flühmann, Meta von Salis und Emilie Kempin-Spyri, die Russin Wera Figner und die Deutschen Emilie Lehmus, Pauline Rüdin, Franziska Tiburtius, Anita Augspurg, Ricarda Huch und Käthe Schirmacher.»
(Wikipedia)

Wer sich weiter zum Thema informieren will, findet auf den Webseiten der Universitäten viele Fakten, Geschichten und Anekdoten. 

Foto: Nadeschda Prokofjewna Suslowa (1843 – 1918) erste promovierte Russin im deutschen Sprachraum und erste Ärztin in Russland.

Wikipedia

Buch zum Thema: Rogger Franziska: Der Doktorhut im Besenschrank. Das abenteuerliche Leben der ersten Studentinnen – am Beispiel der Universität Bern. 

Karrieren mit Ecken und Kanten

Patricia Widmer leitet den Weiterbildungslehrgang «Women Back to Business» der Universität St. Gallen

Frau Widmer, für Ihren Wiedereinstieg nach der Familienphase mussten Sie hart kämpfen. Wäre ein gradueller Wiedereinstieg ins Berufsleben nach der Geburt Ihres ersten Kindes nicht einfacher gewesen?

Patricia Widmer:Das mag sein, wobei sich diese Frage bei mir nicht wirklich stellte, da wir kurz nach der Geburt unserer ersten Tochter in die USA zogen und ich dort keine Arbeitsbewilligung hatte. Somit kombinierte ich unserem Auslandaufenthalt mit der Familienphase und übte zahlreiche, spannende, ehrenamtliche Positionen aus. Ich machte viele wertvolle Erfahrungen und konnte mich somit auch fachlich weiterentwickeln und viel Neues lernen. Zu meiner Überraschung wurden diese Ehrenämter von den Personalabteilungen hier in der Schweiz nicht als berufliche Stationen angesehen, sondern als reiner Zeitvertreib, was für mich zunächst enttäuschend war. 

Wie gingen Sie bei Ihrem – inzwischen geglückten – Wiedereinstieg vor?

Nachdem ich nach unserer Rückkehr in die Schweiz keine passende Anstellung gefunden hatte, entschloss ich mich kurzerhand eine Weiterbildung an der Universität St.Gallen zu absolvieren. Im Zertifikats-Lehrgang «Woman Back to Business» erhielt ich, neben dem fachlichen Know-how, ein wertvolles persönliches Coaching. Ich begann zu begreifen, was ich kann und was ich dem Arbeitsmarkt bringe. Heute weiss ich, wie wichtig es ist, sich seinen Fähigkeiten und Stärken bewusst zu sein, sowohl auf fachlicher als auch auf persönlicher Ebene, wenn es um den Wiedereinstieg ins Berufsleben oder die berufliche Neupositionierung geht. In der Weiterbildung konnte ich ein breites Netzwerk mit spannenden Unternehmen, Teilnehmerinnen, Referenten und Referentinnen sowie Professoren und Professorinnen aufbauen und dafür musste ich mir im Klaren sein, wer ich bin und was ich will. Der Weiterbildungslehrgang ist sehr praxisnah ausgestaltet. Dies erleichterte den Wiedereinstieg enorm. Und schon während der Ausbildung fand ich wieder eine Stelle.

Sie wurden auf das «Woman Back to Business»-Programm der Uni St. Gallen aufmerksam. Wie war das für Sie, so viele Jahre nach dem Studium wieder die Schulbank zu drücken?

Es war einerseits sehr spannend und inspirierend und andererseits auch anstrengend. Ich war es nicht mehr gewohnt, einen Tag lang zu zuhören und theoretischen Ausführungen zu folgen. Zudem wollte ich nichts verpassen, denn ich war sehr motiviert. Die Gespräche mit meinen Klassenkolleginnen waren sehr bereichernd und es war wunderbar zu hören, dass wir alle die gleichen Herausforderungen haben und ich somit nicht die Einzige bin, die mit dem Thema Wiedereinstieg zu kämpfen hat. Der Zusammenhalt war sehr schön und gab mir unheimlich viel Motivation. Noch heute habe ich zu einigen Kolleginnen regelmässigen Kontakt.

Zu Hause hatte ich eine weitere Hürde zu bewältigen, ich war nicht mehr durchgehend verfügbar. Nach einer kleinen Umgewöhnungszeit hatten sich alle Familienmitglieder an meinen beruflichen Wiedereinstieg gewöhnt. Schnell habe ich gemerkt, dass nicht mehr alles perfekt sein muss. Teilweise musste ich echt improvisieren. Die Mühen lohnten sich aber. Ich war ausgeglichener und ich schätzte meine Aufgaben als Mutter und die Tätigkeiten zu Hause wieder viel mehr. Ich nehme mir heute bewusster Zeit für meine Familie. Da die Zeit nun knapper ist, geniesse ich sie umso mehr. 

Nun leiten Sie das Programm. An wen richtet sich dieser Weiterbildungslehrgang? 

Auf jeden Fall an Frauen, die motiviert sind, etwas Neues anzufangen und den nächsten Schritt in ihrer Berufslaufbahn machen möchten. Das sind insbesondere Frauen, die seit einigen Jahren nicht mehr berufstätig sind oder einer Tätigkeit unter ihrem Potenzial nachgehen. Die formale Voraussetzung unserer Weiterbildung ist ein Universitäts- oder Fachhochschulabschluss. Unsere Teilnehmerinnen haben ganz unterschiedliche Ausbildungshintergründe. Das reicht von Wirtschaft über MINT-Fächer bis zu humanistischen Abschlüssen und auch Juristinnen dürfen wir immer wieder begrüssen. Dies führt zu einer einmaligen Vielfalt, was zu einem spannenden Austausch führt. Wir freuen uns insbesondere, dass mehr als 75 % aller Absolventinnen den Wiedereinstieg ins Berufsleben oder den Umstieg in eine andere Branche schaffen.

Frauen, und auch Männer, sind während der Familienphase grossen Belastungen ausgesetzt: zeitlich, finanziell, beruflich. Wäre es nicht sinnvoller, sich erst ab 40 auf die Karriere zu fokussieren? 

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass jeder Mensch frei wählen kann, wie er oder sie die Karriere plant. Es wäre wünschenswert, dass Wirtschaft und Gesellschaft beginnen, Karrieren anzuerkennen, welche Ecken und Kanten haben und nicht linear verlaufen. Ich hoffe, dass in Zukunft hypermobile Laufbahnen zur Regel werden. 

Immer wieder lesen wir in der Presse von den verschiedenen Herausforderungen, die der Arbeitsmarkt Schweiz zu bewältigen hat. Der grosse Fachkräftemangel in vielen Branchen, der digitale Wandel, eine alternde Bevölkerung und die wachsende Anforderung nach besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um nur einige Beispiele zu nennen. Unternehmen sind zunehmend gefordert, genügend qualifizierte Arbeitskräfte zu rekrutieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Aus betriebs- und volkswirtschaftlicher Sicht macht es Sinn, den Bedarf an guten Fachkräften nicht nur durch Migration, sondern auch durch eine bessere Ausschöpfung des inländischen Potenzials abzudecken. Hier gibt es verschiedene Ansatzpunkte. Einer davon ist eine noch stärkere Integration der weiblichen Fachkräfte in den Schweizer Arbeitsmarkt.

Lehrgang «Women Back to Business (WBB-HSG)»
«Career Relaunch 2019»
«Female Leaders Seminar»

Alles erkämpft

Sylvie Durrer ist Direktorin des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann.

Frau Durrer, Was hat der Feminismus in der Schweiz bisher erreicht? Was noch nicht?

Sylvie Durrer: Die Schweiz verdankt den Feministinnen viel. Denn es waren die Feministinnen, die bis 1971 für das Frauenstimmrecht gekämpft haben. Es waren die Feministinnen, die sich für das neue Eherecht eingesetzt haben, mit dem 1988 der Begriff des männlichen «Familienoberhaupts» abgeschafft wurde. Es waren die Feministinnen, die 1996 das Gleichstellungsgesetz erwirkt haben, das eine Diskriminierung in Bezug auf die Anstellung, Aufgabenzuteilung, Gestaltung der Arbeitsbedingungen, Entlöhnung, Aus- und Weiterbildung, Beförderung und Entlassung untersagt. Ebendieses Gesetz verbietet auch die sexuelle Belästigung. 

Wir verdanken den Feministinnen auch die Anerkennung der unbezahlten Arbeit über Erziehungsgutschriften im Rahmen der AHV-Revision von 1997. Eine weitere wichtige Errungenschaft ist das seit 2000 geltende neue Scheidungsrecht, das eine Scheidung auf gemeinsames Begehren sowie die Aufteilung der Guthaben der zweiten Säule gebracht hat. 2002 wurde der freiwillige Schwangerschaftsabbruch legal und 2004 stellte die Offizialisierung von Gewaltdelikten in Paarbeziehungen einen weiteren Meilenstein dar. Vorher waren Fälle von häuslicher Gewalt Privatsache. Hart erkämpft war auch der 2005 eingeführte Mutterschaftsurlaub. Letztes Jahr ist die Istanbul-Konvention in Kraft getreten und das Parlament hat eine Pflicht zur regelmässigen Lohnanalyse für Unternehmen ab 100 Mitarbeitenden beschlossen. Heute regieren im Bundesrat drei Frauen und vier Männer.

Diese Errungenschaften gründen auf unzähligen wissenschaftlichen Studien, medialen und öffentlichen Diskussionen und – teilweise auch emotionalen -Parlamentsdebatten, vor allem aber auf dem unermüdlichen Einsatz der Feministinnen. 

Wir haben viel erreicht und wir sind auf dem richtigen Weg, aber wir müssen auch wahrhaben, dass Frauen nach wie vor weniger Lohn verdienen als Männer und diese Lohndiskriminierung die Frauen, ihre Familien und unsere Gesellschaft als Ganzes jedes Jahr Milliarden kostet. Dass Machtpositionen viel zu selten von Frauen eingenommen werden. Dass rund alle 2 Wochen häusliche Gewalt tödlich endet. Dass traditionelle Rollenbilder immer noch stark die Studien- und Berufswahl von Mädchen und Buben prägen. Dass Arbeit und Familie auch heute noch schwer zu vereinbaren sind. Dass in der familienergänzenden Kinderbetreuung weiterhin zu wenige Plätze zur Verfügung stehen. Und dass der Anteil der Frauen im Schweizer Parlament seit 2007 stagniert. Bei der Gleichstellung ist nichts einfach so gegeben, alles muss erkämpft werden. Durch die unermüdliche Arbeit von Frauen und Männern. 

Würden typische «Frauenberufe» besser entlohnt, wenn sie typische «Männerberufe» wären?

Verschiedene Studien zeigen tatsächlich, dass als Männerberufe geltende Tätigkeiten besser entlöhnt werden als klassische Frauenberufe, und zwar trotz der Tatsache, dass unsere Verfassung gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit fordert.

Heutzutage sind junge Menschen emanzipiert, doch sobald sie Eltern werden, übernimmt oftmals die Frau die Kinderbetreuung. Wie kommt das? Und was hat das für Folgen?

Die statistische Durchschnittsfamilie sieht heute so aus: Der Mann arbeitet Vollzeit und die Frau arbeitet Teilzeit, häufig ca. 50 Prozent. Junge Paare verfolgen zwar meist das Ideal der Gleichstellung und planen, sich die Kinderbetreuung zu teilen. Doch sobald Kinder da sind, wird alles kompliziert, insbesondere, weil die Betreuungsstrukturen und die Schulzeiten punkto Verfügbarkeit und Kosten hinterherhinken. Wegen der Lohnungleichheit ist es häufig die Frau, die ihren Beschäftigungsgrad reduziert – unter anderem aus finanziellen Überlegungen. In vielen Fällen jedoch trifft das Paar diesen Entscheid nur mit Bedauern und kehrt gezwungenermassen zu traditionellen Mustern zurück. Dieses Modell hat für die Wirtschaft, die Familie und die Gesellschaft insgesamt einen hohen Preis. Denn es bedeutet weniger Fachkräfte für die Unternehmen, weniger Geld im Familienalltag, aber auch viel weniger Geld für die Frauen nach der Pensionierung, insbesondere aus ihrer zweiten Säule. Viele Menschen sind sich des Ausmasses der wirtschaftlichen Folgen mangelnder Gleichstellung gar nicht bewusst.

Was können Männer tun, wenn sie Zeugen von Sexismus, Gewalt oder Ungleichbehandlung werden?

Zeugen können und müssen handeln. Ihre Solidarität mit der ungerecht behandelten Person zeigen. Sich aber auch an den Täter wenden und ihn zurechtweisen. Es ist wichtig, dass die Opfer nicht alleine bleiben. Manchmal reicht wenig, um eine Situation zu verbessern. Zeugen haben Pflichten, aber auch Macht. In diesem Fall kann ein kleiner Dreisatz nützlich sein. Die Situation benennen: Ich habe gehört, was du zu ihr gesagt hast. Dann deutlicher werden: Das ist inakzeptabel und sexistisch. Schlussendlich klar mitteilen, was in Zukunft erwartet wird: Ich möchte sowas in meinem Team, in meinem Haus nicht mehr hören usw. Es ist auch sinnvoll, wenn sich ein zweiter Zeuge dahingehend äussert. Das alles mag selbstverständlich erscheinen – und ist es auch. Aber es ist eben auch wirksam. 

Welche Frauen sollten unsere Leserinnen und Leser kennen?

Es gibt so viele Pionierinnen, die nie als solche erkannt wurden oder in Vergessenheit geraten sind. Ich denke insbesondere an Emilie Kempin-Spiry (1853–1901), die heute noch eine äusserst inspirierende Person ist. Die dreifache Mutter erlangte im Alter von 30 Jahren die Matura, trotz des Widerstands ihrer Familie. 1887 promovierte sie als erste Schweizer Juristin. In ihrem Beruf war sie nie tätig, weil sie nicht über die erforderlichen staatsbürgerlichen Rechte verfügte. Sie ging daher bis vor das Bundesgericht, um das Stimmrecht einzufordern. Vergeblich. Emilie Kempin-Spyri wanderte deshalb mit ihrer Familie nach New York aus, wo sie eine Rechtsschule für Frauen gründete und die Zulassung von Frauen zum Rechtsstudium und zur Advokatur bewirkte. Sie starb 1901 mit 48 Jahren einsam und verarmt in der damaligen Basler Irrenanstalt Friedmatt. Emilie Kempin-Spyri verkörpert Mut und Entschlossenheit und ihr sollte ein gebührender Platz unter den grossen Persönlichkeiten der Schweizer Geschichte und damit auch in den Geschichtsbüchern eingeräumt werden. Emilie Kempin-Spiryverdient Bekanntheit und Anerkennung.

Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann EBG

Frauen* im Literaturbetrieb

Das Autorinnen-Kollektiv RAUF besteht aus Anaïs Meier, Gianna Molinari, Katja Brunner, Michelle Steinbeck, Sarah Elena Müller, Tabea Steiner, Julia Weber.

Julia Weber (*1983) studierte «Literarisches Schreiben» am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Ihr erster Roman «Immer ist alles schön» erschien im Jahr 2017. 

Frau Weber, Sie sind Teil des Autorinnen-Kollektivs «Rauf». Was ist das Ziel dieser Autorinnen-Gruppe?

Julia Weber:Entstanden ist das Kollektiv durch eine Rundmail der Autorin Anaïs Meier, die uns angeschrieben hat. Es ging im ersten Treffen darum, sich über Erfahrungen auszutauschen, die man als junge Autorin in diesem Betrieb macht. Sei es, dass ein älterer Autor auf der Bühne einen nicht zu Wort kommen lässt oder auf der Bühne extra für einem eine Lehrveranstaltung veranstaltet, obschon man eigentlich eingeladen wurde über das zu reden, was man tut und auch kann. Es ging um persönliche Erfahrungen. Es ging darum wie wir auf solche Situationen reagieren können.
Von da aus kamen wir dann schnell zu der strukturellen Benachteiligung der Autorinnen im Betrieb. Zum Kanon, in dem Schriftstellerinnen nicht ausreichend vertreten sind. 
Nun treffen wir uns einmal im Monat und bereden die Situation, planen Anlässe und Projekte, die diesen Kanon revisionieren sollen.
Alle drei Monate gibt es einen Stammtisch, an den jegliche Frauen* des Literaturbetriebs eingeladen sind, zu bereden, Vorträge anzuhören, um zu diskutieren und auch die Faust auf den Tisch zu hauen.

Beispiele von Projekten:

– Die Fabrikzeitung, bei der Michelle Steinbeck Redaktorin ist, hat eine Ausgabe den alten Meisterinnen gewidmet. Die Autorinnen von Rauf verfassten darin Texte über und zu verstorbenen Schriftstellerinnen. Entstanden ist die Idee aus der Diskussion über die Jubiläums-Festlichkeiten für Keller und Co. und aus dem Fehlen solcher Festlichkeiten für Schriftstellerinnen.

Ausserdem wollten wir für einmal explizit Autorinnen als Vorbilder auf den Sockel stellen – weil wir gemerkt haben, dass wir vornehmlich mit männlichen Autoren literarisch sozialisiert wurden. Das hat unser Bewusstsein als Schreibende geprägt, und wir möchten gerne, dass künftige Lesende da eine vielfältigere Auswahl haben. 

– Es gab einen Anlass mit whowriteshistory im Buchladen Material:
Mit Lesungen und dem Wikipedia-Workshop.

– Am Tag des Frauenstreiks werden wir einen Kanon singen.

Wir wollen eine Bewegung anstossen, ein Netzwerk schaffen, das auf keinen Fall ausschliessend sein soll, sondern das in der Zukunft Diversität fördern will und vergessene Autorinnen aus der historischen Versenkung herausholen will. 

«Rauf ist, dass wir der Vereinzelung durch Kulturkonkurrenz, Geniekult und dem Narrativ der einsamen Wolfsschriftstellerin etwas entgegensetzen, unsere vereinten Hirne und Texte, Kräfte und Wünsche. Den Platz ausdehnen, teilen und freiräumen von den unhinterfragten Selbstverständlichkeiten der Platzhirsche und die eigene Selbstverständlichkeit leben.»

Sarah Elena Müller


Welche frühere Autorinnen haben mehr Sichtbarkeit verdient? Und weshalb?

Alle die haben die Sichtbarkeit verdient, die aus dem männlichen Kanon rausgefallen sind, weil sie Frauen waren und sind. Alle die haben Sichtbarkeit verdient, die nicht gesehen wurden, weil sie Frauen sind.

Frauen haben schon immer geschrieben und dadurch, dass sie nicht kanonisiert wurden, sind wichtige literarische Zeitzeugnisse verloren gegangen. Die müssen sichtbar gemacht werden. 

*

Titelbild:
Von links nach rechts: Mariann Bühler (Moderation an den Solothurner Literaturtagen, Lesung und Gespräch zu Ausgabe der alten Meisterinnen, Fabrikzeitung) Michelle Steinbeck, Tabea Steiner, Gianna Molinari, Sarah Elena Müller, Anaïs Meier

Webseite von Julia Weber: www.literaturdienst.ch

Religion und Politik

Esther Gisler Fischer ist Pfarrerin in Zürich-Seebach. Sie beschäftigt sich mit kontextuellen Theologien aus Frauensicht und der Rolle von Frauen in religiösen und kulturellen Traditionen.

Frau Gisler Fischer, früher spielte der Zusammenhang von Politik und Religion eine wichtige Rolle. Ist das immer noch so?

Esther Gisler Fischer:  Religion wird gerne in die Privatsphäre verwiesen, doch ist sie im öffentlichen Raum sehr wohl virulent. Auch wenn sich viele Menschen heutzutage als säkular verstehen, ist Religion unterschwellig vielfach ein Thema. Irgendwie hat auch ein Shift vom Religiösen ins Weltliche stattgefunden. Eindrücklich hat mir dies der Film #Female Pleasure der Schweizer Regisseurin Barbara Miller gezeigt: Frauen*verachtung und Abwertung der weiblichen Sexualität mag zwar seinen Ursprung in religiösen Ordnungen und Weltanschauungen haben, doch gibt es sie auch unter sogenannt aufgeklärten Menschen. Weshalb sonst grassiert weltweit Gewalt an Frauen* und werden Frauen* nach wie vor aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert?

Fundamentalismen

Fundamentalismen sind sowohl in Religion und Politik im Vormarsch. Die Vertreter_innen solcher Backlash-Tendenzen befeuern sich gegenseitig. So durch alles, was sich mit Gender beschäftigt: Rechtsnationale Kreise fürchten um den Verlust des überbrachten Rollensettings und Kirchen um die Zerstörung der «göttlichen Ordnung» zwischen den Geschlechtern; – unheilige Allianzen in der Tat!

«Wenn Gott ein Mann ist, ist das Männliche göttlich.»

Es ist schon über 45 Jahre (!) her, seit Mary Daly in ihrem Buch Jenseits von Gottvater, Sohn & Co ihre viel zitierte Kritik an einseitig männlichen und herrschaftsorientierten Gottesvorstellungen publizierte. Und vor Jahrzehnten bereits trat die Feministische Theologie an, die Verflechtungen von Gesellschaftsformen, Gottesvorstellungen und Geschlechterrollen zu analysieren und kritisch zu hinterfragen. Bis heute arbeiten ihre Vertreterinnen intensiv weiter an einer angemessenen und befreienden Rede von Gott, mit der sie sich wirksam in die öffentliche Debatte einmischen. «Wie im Himmel, so auf Erden» eben.

Besteht dieser Zusammenhang von Politik und Religion auch in der Schweiz?

Ja klar. Die Diskussionen um sogenannt christliche Werte, welche gerne gegen den Islam und Muslim_innen ins Feld geführt werden, sind dafür ein Beispiel. Auch das Minarettverbot und die Initative für ein Kopftuchverbot gehören in diese Kategorie. Meist bleiben bei diesen Diskussionen und gesetzlichen Festschreibungen die Integrität der Betroffenen auf der Strecke und nicht selten gerade die Rechte der Frauen* auf Selbstbestimmung und Teilhabe.

Gibt es auch religiöse und kulturelle Traditionen, in denen Frauen eine wichtige Rolle spielen?

Frauen spielen überall da eine wichtige Rolle, wo Mann sie eine spielen lässt. 
Festzustellen ist, dass in den monotheistischen Religionen Frauen es besonders schwer hatten und haben, einen gleichgestellten Platz im Kult, aber auch in den Entscheidungsebenen einzunehmen. Leider wird bis jetzt auch bei uns die Religionsfreiheit höher gewichtet als das Diskriminierungsverbot. Das ist wahrscheinlich der patriarchalen DNA auch vom Staat anerkannter Religionsgemeinschaften geschuldet, wie etwa der römisch-katholischen.

Weltweit gesehen gibt es durchaus Kulturen, wo Frauen von je her eine bessere soziale Stellung hatten und haben. Zu nennen sind da die matrilinear organisierten Völker der Khasi in Nordindien, die Minangkabau in Sumatra und die Mozuo in Südchina. Dort gehören Land und Haus den Frauen und die Männer sind den Frauen und deren Kindern zugeordnet. Festgestellt wurde da sehr geringes Vorkommen von häuslicher Gewalt und Verarmung durch Vertrinken des familiären Verdienstes. Aus der Missionsgeschichte ist bekannt, dass bei den Dayak in Borneo durch die weissen Missionare die Macht der Haus- und Sippenvorsteherinnen geschwächt wurde; dies auch im kultischen Bereich, wo sie ihre Definitionsmacht an die christlichen Prediger abgeben mussten.

Noch eine letzte Frage: Welche Frauen sollten unsere Leserinnen und Leser kennen?

– Mary Daily, Pionierin der Feministischen Theologie und Autorin des Buches Jenseits von Gottvater Sohn & Co – Aufbruch zu einer Philosophie der Frauenbefreiung (1980)
– Gertrud Heinzelmann, Autorin der Streitschrift Die geheiligte Diskriminierung – Beiträge zum kirchlichen Feminismus (1986)
– Denise Buser, Staatsrechtlerin und Autorin des Buches Die unheilige Diskriminierung – eine juristische Auslegeordnung für die Interessenabwägung zwischen Geschlechtergleichstellung und Religionsfreiheit beim Zugang zu religiösen Leitungsämtern (2014)
– Franziska Schutzbach, Autorin der Analyse Die Rhetorik der Rechten – Rechtspopulistische Diskursstrategien im Überblick (2018)

Filmtipps: 
God Exists, Her Name is Petrunya von Teona Strugar Mitevska, Mazedonien, 2019
#FemalePleasure – Fünf Frauen, Fünf Kulturen, Eine Geschichte
von Barbara Miller, Schweiz, 2018

Lesetipp: 
Das aktuelle Heft der Zeitschrift Neue Wege – Religion. Sozialismus. Kritik. zur «göttlichen Ordnung»

Lohn und soziale Absicherung für Bäuerinnen

Lotti Baumann ist Bäuerin und Kantonalpräsidentin der Aargauer Landfrauen.

Frau Baumann, am 14. Juni werden Sie beim Frauenstreik mit dabei sein. Was hat Sie persönlich dazu bewogen mitzumachen?

Lotti Baumann:  Die althergebrachte Rollenteilung zwischen Männer und Frauen fand ich schon als kleines Mädchen unfair. Zum Beispiel wenn sich nach schweren Arbeiten, wie Heu pressen, Strohballen einbringen, Kartoffelernte, was auch immer, die Männer an den Tisch setzten und die Frauen das Essen auftischen und abräumen mussten. Dazwischen mussten sie bedienen … dabei waren alle gleich müde. Das war früher. Doch heute ist das mancherorts immer noch so. 

Mein ganz persönlicher Grund, um am 14. Juni zu streiken ist die Gewalt und diverse Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen, wie Lohnungleichheit oder Diskriminierung.
Ich habe übrigens erst in den letzten Jahren den Mut gefunden, gegen traditionell festgelegte Rollen anzugehen und mich für die Rechte und Anliegen der Frauen zu engagieren. Filme wie «Die göttliche Ordnung» oder «Köpek» machen mich tief betroffen.

Bekommen Sie Lämpen mit Ihrem Mann, wenn Sie am 14. Juni streiken?

Nein, er unterstützt mich. Die Zeit der Lämpen hatten wir aber, als ich vor einigen Jahren mein Selbstbewusstsein entdeckte und plötzlich mich, und nicht mehr meinen Mann und die Kinder, in den Vordergrund stellte. Glücklicherweise hat sich mein Mann dieser Herausforderung gestellt. Inzwischen hat er auch begonnen, Dinge anders zu sehen und heute haben wir einen guten Weg gefunden, der für uns beide und auch die Kinder stimmt.

Was muss sich für die Bäuerinnen/Landfrauen ändern?

An erster Stelle steht die Forderung nach Lohn und sozialer Absicherung für Bäuerinnen. Ich wünsche mir aber, dass alle Landfrauen Eigenverantwortung übernehmen und sich dafür einsetzen, dass sie Lohn bekommen für ihre Arbeit und dass sie gut versichert sind. Das Problem ist, dass wir uns dem Betrieb zuliebe viel zu oft anpassen und hintenanstehen.

Haben Sie Gegenwind zu spüren bekommen?

Eigentlich nicht mal sooo viel. Auf jeden Fall nicht direkt, eher im Hintergrund. Das bekomme ich schon mit. Traurigerweise habe ich seitens der Landfrauen nur wenig Rückmeldung erhalten. Weder negative noch positive – und ich habe keine Ahnung, wie viele Frauen am 14. Juni wirklich in Aarau aufkreuzen.

Natürlich gab es vereinzelt Kritik. Streik ist tabu und löst im ersten Moment Ablehnung aus. Mir wurde vorgeworfen, wir würden mit unseren Forderungen einen Geschlechterkampf auslösen, wir seien mit unserer Rolle als Frauen unglücklich. Doch es verhält sich genau umgekehrt: Ich bin stolz, Frau und Mutter zu sein. Ich bin auch sehr gerne Bäuerin und liebe die Zusammenarbeit mit meinem Mann. Dass meine Arbeit geschätzt wird und ich meinen eigenen Lohn verdienen kann, tut mir gut. Auch bei uns gibt es noch Potenzial, aber ich finde, wir sind auf einem guten Weg. 

Und genau weil ich mit meiner Situation glücklich bin, habe ich die Energie, mich für diejenigen Frauen einzusetzen, bei denen es nicht so gut läuft. Es soll allen Frauen gut gehen, denn: Frauenrechte sind Menschenrechte. – Nicht mehr und nicht weniger.

Wie wird die Streikaktion der Landfrauen aussehen?

Wir werden von 15.30 bis 16.45 Uhr in Stühlen auf dem Schlossplatz in Aarau sitzen und nichts tun. Das ist etwas, das wir ja ansonsten nie tun! Schon gar nicht in der Erntezeit. Wir werden Essen und Getränke dabeihaben (und untereinander tauschen und probieren). Wer danach noch mag, nimmt am Umzug und an den Kundgebungen teil, die das Frauenstreikkomitee Aargau organisiert.
Die Frauen des Katholischen Frauenbunds werden am 14. Juni ebenfalls mit dabei sein, was uns sehr freut.

Foto: J.P. Ritler

www.landfrauen-ag.ch

Bloody unfair

Jana Avanzini,  freie Journalistin und Theaterwissenschaftlerin, schreibt, warum sie am 14. Juni streiken wird.

Wenn ich um 3 Uhr nachts aufstehen muss, um das aufzuschreiben, bevor ich wieder schlafen kann …

Ich sage «Frauenstreik» und du schüttelst den Kopf. Du sagst «So en Seich». Du fragst nicht «Warum?».

Ich sags dir trotzdem.
Weshalb ich streiken werde. Und weshalb ich mir wünsche, dass wir am 14. Juni 2019 Seite an Seite stehen.

Ich streike, weil unsere Mütter und Grossmütter mit halb so viel Rente auskommen müssen, wie unsere Väter und Grossväter. Weil sie rund 80 Prozent der unbezahlten Arbeit übernehmen. Das Erziehen der Kinder, die Pflege von kranken und älteren Angehörigen, die Hausarbeit. Arbeit. Weil sie seit der Geburt der Kinder Teilzeit gearbeitet und deshalb kaum in die AHV und Pensionskasse einbezahlt haben.

Weil wir noch immer bis zu 20 Prozent weniger verdienen. Davon 40 Prozent nicht erklärbar. Doch was ist erklärbar? Dass «Frauenberufe» weniger Wert zugeschrieben wird, sie weniger Anerkennung bekommen. Und wer hat entschieden, dass die Arbeit eines Bank-Beamten so viel mehr Wert für unsere Gesellschaft haben soll, als die einer Pflege-Fachkraft? Wer hat entschieden, dass mein Job als Journalistin mehr Wert hat als die Betreuung meines Kindes?

Wenn es um Sachen Gleichstellung geht, argumentieren viele mit Schweden. Doch wir brauchen nicht so weit über die Grenze schauen. Blickt nach Deutschland. Da macht sich Oliver Wenke in der Heute-Show selbstironisch darüber lustig, dass Frauen noch immer sechs Prozent weniger verdienen. Von einer solchen Ungerechtigkeit können wir Frauen in der Schweiz nur träumen. In Deutschland wurde gerade erst über einen Preis für einen «Spitzenvater» gestritten, der ein Jahr in Elternzeit zuhause bleibt, während seine Frau ins All fliegt. Dass er nur schon die Möglichkeit hat und dafür als Vorbild gefeiert wird, davon können wir in der Schweiz nur träumen.

Das macht mich wütend! Es macht mich wütend, dass Männer in der Schweiz exakt einen Tag Vaterschaftsurlaub bekommen. Es macht mich wütend, wenn ein Bekannter von mir seine Kinder zuhause kaum sieht, weil er sich nicht traut, in der Firma seines Vaters Teilzeit zu arbeiten. Was würden denn die alteingesessenen Mitarbeiter*innen sagen? Wie stünde er da? Der künftige Chef! Es macht mich wütend, dass seine Frau zuhause sitzt, trotz super Ausbildung und dem Wunsch, wieder einzusteigen. Es macht mich wütend und ich kann es nicht verstehen.

Der Frauenstreik fordert Vaterschaftsurlaub, er fordert Elternzeit, wir fordern gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit, und, dass Teilzeitmodelle für Männer und Frauen möglich sein müssen, in allen Funktionen und Positionen. Und bitte zwingt mich jetzt nicht dazu, dass ich über die Studien diskutieren muss, die beweisen, dass Leute in 80 Prozent Pensen gleich viel Leistung bringen, wie die mit einer 43 Stunden Woche.

Und nein, auch wenn ich hier vor allem wirtschaftliche Argumente und Argumente, die Eltern betreffen ins Land führe, streike ich nicht nur deswegen. Ich streike für die Gleichstellung in der Gesellschaft. Dafür, dass Mädchen nicht gesagt bekommen, auf Bäume zu klettern sei gefährlich und dass die rosa Strumpfhose nicht dreckig werden soll. Dafür, dass mein Sohn das Wort «Mädchen» niemals als Beleidigung für seine Freunde verwenden wird. Dafür, dass mich die Werbung nicht zur Hülle degradiert. Und dafür, dass unsere Körper kein Allgemeingut sind.

Mich macht es wütend! Dass ich mit 13 Jahren das erste Mal bedrängt worden bin, dass mich an der Fasnacht ein Wildfremder aus dem Nichts an die Wand presst und mir sagt, wo er ihn mir überall reinstecken wird. Wenn mir im Klub beim Tanzen plötzlich eine Hand von hinten zwischen die Beine greift. Es macht mich wütend, dass bei einem Interview ein 80-Jähriger meint, mir an den Hintern greifen zu dürfen. Und es macht mich wütend, dass jede einzelne meiner Freundinnen solche Geschichten zu erzählen hat.

Ich streike nicht nur für die Gleichstellung in der Wirtschaft. Ich streike für Gleichstellung. Gegen konservative, romantisierte Rollenbilder und Geschlechter-Stereotype, gegen Sexismus und Gewalt. Für uns, unsere Vorkämpferinnen und für alle Frauen nach uns.

Liebe Frauen
Wenn ihr mit eurem Lohn zufrieden seid, mit eurer Rolle in dieser Gesellschaft, mit euren Möglichkeiten, wenn ihr euch nicht benachteiligt fühlt, dann streikt aus Solidarität. Mit euren Müttern und Grossmüttern, der Pflegefachkraft, der Hebamme, der Bäuerin im Hof nebenan oder eurer Putzfrau.

Und liebe Männer, solidarisiert euch. Wir kämpfen wirklich, wirklich, wirklich nicht gegen euch. Wir können es immer und immer und immer wieder sagen. Feminismus will Gleichstellung. Nicht mehr. Und verdammt nochmal nicht weniger.

P.S. Bloody unfair! Ich streike übrigens auch für die Abschaffung der 7,7 Prozent MwSt. auf Tampons, Binden und Cups. Das ist sowieso völlig daneben.

Foto: Ingo Hoehn

www.jana-avanzini.ch