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Religion und Gender

Dr. Doris Strahm (*1953) ist feministische Theologin und Publizistin. Sie ist Gründungsmitglied und seit 2014 Vorstandsmitglied der IG Feministische Theologinnen der Schweiz sowie Mitgründerin der feministisch-theologischen Zeitschrift FAMA. 2007 wurde Doris Strahm mit dem Marga-Bührig-Anerkennungspreis ausgezeichnet.

Frau Strahm, im November 2018 traten Sie, gemeinsam mit fünf weiteren bekannten Frauen, aus der römisch-katholischen Kirche aus. Was war der Anlass?

Doris Strahm: Der unmittelbare Anlass war die Aussage von Papst Franziskus im letzten Oktober, dass Abtreibung wie ein Auftragsmord sei. Dies war aber nur der berühmte letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Denn als römisch-katholische feministische Theologin trieb mich schon seit Jahren die Frage um, wie ich als Feministin, die sich für Frauenrechte, Geschlechtergerechtigkeit und sexuelle Selbstbestimmung von Frauen einsetzt, einer Institution angehören kann, die diese Rechte verneint und in ihren Reihen Frauen allein aufgrund ihres Geschlechts von den kirchlichen Ämtern und von der Leitungsmacht ausschliesst. 

Doch ich bin drin geblieben, weil es Leute braucht, die die Frauenfeindlichkeit der römisch-katholischen Kirche offen anprangern und weil ich die Definitionsmacht darüber, was «katholisch» ist, nicht den alten Männern in Rom überlassen wollte. Das Bekanntwerden von Missbrauchsfällen massiven Ausmasses und deren Vertuschung durch die Kirchenoberen sowie der unsägliche Abtreibungsvergleich des Papstes brachten bei mir aber das Fass zum Überlaufen. Mit einer solchen Kirche will ich nicht länger identifiziert werden.

Fühlen Sie sich nun nicht heimatlos? 

Nein, ganz und gar nicht. Ich fühle mich in erster Linie befreit! Die innere Spannung, als Feministin einem System anzugehören, in dem «Frauenfeindlichkeit ein Teil des Geschäftsmodells» ist, wie es eine meiner Austrittskolleginnen treffend auf den Punkt brachte, hat mich innerlich zerrissen. 

Und ich bin nicht heimatlos geworden, weil die römische Männerkirche schon lange nicht mehr meine Heimat war. Beheimatet bin ich in der weltweiten Gemeinschaft von feministischen und Queer Theologinnen, von Befreiungstheologen und ökofeministischen Theologinnen aus dem Süden. Mit ihnen teile ich die Vision einer gerechten und menschenfreundlichen Kirche, in der alle dazugehören und niemand ausgeschlossen wird.

Was genau ist feministische Theologie?

Feministische Theologie ist eine fundamentale Kritik an den patriarchalen Strukturen und der Frauenfeindlichkeit der christlichen Religion. Sie untersucht, wie biblische Texte, theologische Lehren und die religiöse Praxis, Kirchenstrukturen und Amtsverständnis zur Zweitrangigkeit von Frauen beigetragen, das patriarchale Geschlechterverhältnis und die Geschlechterrollen geprägt und theologisch legitimiert haben. 

Feministische Theologie ist aber auch eine Neuformulierung der Theologie aus der Sicht von Frauen, deren Erfahrungen über Jahrhunderte in der Theologie unsichtbar geblieben sind. Frauen eignen sich Definitionsmacht über ihre religiöse Tradition an: Sie lesen die Bibel mit ihren eigenen Augen und finden darin auch Traditionen der Gleichheit und Gleichwertigkeit, die von der patriarchalen Theologie unsichtbar gemacht wurden; sie entdecken das Erbe ihrer biblischen Vorschwestern, die als Jüngerinnen und Apostelinnen aktiv an der Verkündigung des christlichen Glaubens beteiligt waren, und sie entwerfen neue Modelle einer frauenbefreienden und geschlechtergerechten Theologie.

Hat Gott tatsächlich den Menschen als Mann oder Frau geschaffen – und das jeweilige Korsett angegeben?

Das behaupten konservative und fundamentalistische Christ_innen. Doch das entspricht nicht dem, was in den Schöpfungstexten der Bibel steht. In Genesis 1, der ersten Schöpfungserzählung, heisst es: «Da schuf Gott die Menschen, als göttliches Bild, als Bild Gottes wurden sie geschaffen, männlich und weiblich hat Gott sie geschaffen.» (Gen 1,27). Die Menschheit wird also mit den beiden Ausprägungen männlich und weiblich von Gott geschaffen. Doch was dies bedeutet, wird nicht definiert. Es werden keine biologischen Geschlechtsmerkmale benannt, keine schöpfungsmässigen männlichen oder weiblichen Geschlechterrollen festgelegt, keine hierarchischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern ausgesagt. Es wird nur festgehalten, dass beide gleichwertig Bild Gottes sind. 

Diese Gleichwertigkeit von Männlichem und Weiblichem gilt auch für das nächste Kapitel, Genesis 2. Hier wird erzählt, dass Gott aus Adam, dem ersten Menschenwesen, zwei macht, aus jeder Seite eines: eine Frau und einen Mann, die aus dem gleichen Fleisch und Blut sind. Von männlichen und weiblichen Geschlechterrollen oder gar einem Rollenkorsett ist auch in der zweiten Schöpfungserzählung keine Rede!

Weshalb ist die Gender-Frage in der Kirche so wichtig?

Die Gender-Frage ist in den Kirchen und in der Theologie deshalb so wichtig, weil diese massgeblich an der Herstellung und Verfestigung von hierarchischen Geschlechterrollen und einem negativen Frauenbild beteiligt waren – und es zum Teil bis heute sind. Einige Beispiele dafür: eine patriarchale Lesart der biblischen Schöpfungserzählungen, die das patriarchale Geschlechterverhältnis und Heteronormativität in die Texte hineininterpretiert und als göttliche Ordnung ausgibt; die Abwertung und «Verteufelung» der Frau als sündige Eva, die den Mann zur (sexuellen) Sünde verführt hat; ein männliches Gottesbild, das suggeriert, dass Gott männlich ist und der Mann daher gottähnlicher als die Frau. Dies alles prangern feministische Theologinnen seit Jahren an.

Gender ist derzeit aber auch deshalb ein zentrales Thema, weil einige römisch-katholische Bischöfe und der Vatikan der sog. «Gender-Ideologie» den Kampf angesagt haben. Gender sei eine Sünde gegen den Schöpfergott, denn Gender stelle Gottes Schöpfungsordnung in Frage, propagiere die völlige Abschaffung der Unterschiede zwischen Mann und Frau und zerstöre die Familien. In einigen europäischen Ländern hat die katholische Kirche direkten Einfluss auf die Polarisierung der Gesellschaft in Genderfragen (z.B. in Polen, Frankreich, Italien, Kroatien und der Slowakei) und versucht, die sexuellen und reproduktiven Rechte von Frauen einzuschränken (Stichwort «Abtreibung»). Der Kampf gegen Gender und Frauenrechte wird nicht allein vom Vatikan geführt. Aktuell versucht eine gefährliche Allianz von christlich-konservativen, fundamentalistischen und rechtspopulistischen bis rechtsradikalen Kräften unter dem Label «Anti-Genderismus» Frauenrechte und LGBT-Rechte einzuschränken und eine konservative Geschlechterordnung politisch durchzusetzen.

Beissen Feministinnen in der Kirche auf Granit, wenn sie etwas verändern wollen?

In der römisch-katholischen Kirche auf jeden Fall. Denn diese ist ein autoritär-hierarchisches System, das von Frauen strukturell nicht verändert werden kann. Frauen sind ja wegen ihres Geschlechts von der Weihe ausgeschlossen. Da die klerikale Leitungs- und Entscheidungsmacht aber an die Weihe geknüpft ist, können Frauen nie in die Zentren der Macht vordringen. Dennoch gibt es immer wieder Versuche, gegen diese Diskriminierung vorzugehen und die Gleichberechtigung in der römisch-katholischen Kirche zu fordern. So werden sich aktuell Kirchenfrauen am 14. Juni nicht nur am nationalen Frauenstreik beteiligen, sondern lancieren am 15. und 16. Juni zusätzliche Aktionen in den Kirchen unter dem Motto: Gleichberechtigung.Punkt.Amen

In den reformierten Kirchen der Schweiz ist die Gleichstellung von Mann und Frau formal gegeben. Frauen sind hier zur Ordination zugelassen und immer mehr Frauen sind als Pfarrerinnen tätig. Aber auch in den reformierten Kirchen ist das Ziel der völligen Gleichstellung der Geschlechter noch nicht erreicht, weshalb sich auch reformierte Kirchenfrauen am Frauen*KirchenStreik beteiligen werden.

Welche Theologinnen sollten unsere Leserinnen und Leser kennen?

Es gibt weltweit unzählige wichtige Theologinnen. Ich beschränke mich exemplarisch auf drei wichtige Schweizer Theologinnen:

Marga Bührig (1915-2002), evangelische Theologin, die die kirchliche Frauenbewegung in der Schweiz massgeblich geprägt und sich im Alter als feministische Theologin verstanden und engagiert hat.

Helen Schüngel-Straumann (*1940), römisch-katholische Theologin, die mit ihren feministischen Analysen der biblischen Schöpfungstexte das kirchliche Bild von Eva als Sünderin und als dem Mann gegenüber minderwertig und ihm untergeordnet gründlich dekonstruiert hat.

Ina Praetorius (*1956), evangelische Theologin, die wegweisende Beiträge zu einer postpatriarchalen Theologie und Ethik, zur Care-Wirtschaft und zu geburtlichem Denken verfasst hat.

Website von Doris Strahm: www.doris-strahm.ch

Feminist

Nils Jocher ist Präsident des Vereins «Die Feministen».

Herr Jocher, gemeinsam mit anderen Männern und Frauen haben Sie den Verein «Die Feministen» gegründet. Wie kam es dazu?

Nils Jocher: Gemeinsam mit anderen Aktivist_innen haben wir im Campaign Bootcamp 2018 zahlreiche politische Diskussionen geführt. Ein grosser gemeinsamer Nenner war dabei die Überzeugung, dass eine gerechte Welt nur möglich ist, wenn wir es schaffen, aus den vorherrschenden Rollenbildern und Unterdrückungsmechanismen aufgrund des Geschlechtes auszubrechen.
Dabei war schnell klar, dass aktuell vor allem für Männer eine Plattform fehlt, um sich für feministische Anliegen einzusetzen und über kritische Männlichkeit nachzudenken. Den Verein haben wir dann letzten August kurz über knapp um halb elf nachts mit über 20 Anwesenden gegründet. 

Was sind die Ziele des Vereins? Und wer soll angesprochen werden?

Wir wollen in erster Linie Männer für Gleichstellungsthemen sensibilisieren und sie dazu anregen sich einzubringen. Wir wollen uns mit den bestehenden feministischen Bewegungen solidarisieren und unseren Teil beitragen. Zum Beispiel indem wir im Rahmen des Frauenstreiks Hintergrundarbeiten übernehmen.
Wir wollen Diskussionsräume schaffen um über die Rolle von Männern in unserer Gesellschaft nachzudenken und diese kritisch zu hinterfragen. Feminismus ist für uns die Bewegung hin zu einer Welt, in der niemand aufgrund des Geschlechtes oder der sexuellen Orientierung diskriminiert wird.

Haben Sie Aktivitäten geplant?

Ja, aktuell sind wir daran in den grösseren deutschsprachigen Städten der Schweiz regelmässige «Stammtische» zu veranstalten, um eben jene Diskussionen führen zu können. Das Interesse an solchen Veranstaltungen ist grösser, als wir anfänglich gedacht haben. Aber umso schöner, dass zahlreiche Männer, und auch Frauen, die sich bei uns engagieren etwas tun wollen gegen die strukturelle Diskriminierung von Frauen in unserer Gesellschaft. Es kann ja schliesslich nicht sein, dass Frauen weniger häufig vertreten sind in Parlamenten & Kaderpositionen. Frauen kommen in den Medien weniger oft vor und bekommen weniger Lohn für die gleiche Arbeit. Das Thema sexuelle und häusliche Gewalt ist ebenfalls ein ganz düsteres Kapitel unserer heutigen Gesellschaft.  Männer hingegen sind heute krimineller & begehen häufiger Suizid. Das sind Verhältnisse, die so nicht tragbar sind. Für niemanden. Deswegen braucht es das Engagement von Frauen und Männern in der feministischen Bewegung.
Mittelfristig wollen wir auch mit Workshops über toxische Männlichkeit unterwegs sein oder uns bei gemütlichen Filmabenden treffen und austauschen. Etwas, was in der Schweiz ebenfalls noch viel zu wenig wahrgenommen wird, sind Männlichkeitsbilder abseits der vorherrschenden Norm. – Auch da wollen wir aktiv sein.

Welche Feminist_innen sollten unsere Leserinnen und Leser kennen?

Ou. Vermeintlich wichtige Männer gibts schon ganz viele auf dieser Welt. Ich empfehle vor allem den Lesern, aber natürlich auch den Leserinnen und allen die sich nicht in binäre Schubladen einordnen lassen von Herzen mal einige Texte und Bücher von spannenden Frauen zu lesen. Ich mag die Bücher von Margarete Stokowski oder Mary Beard. Und Grundlagenliteratur à la Simone de Beauvoir oder Virginia Woolf schaden sicherlich nie.

www.feministen.ch
www.nilsjocher.ch

Mutter und Unternehmerin

Kathrin Puhan (*1974) ist Unternehmerin und Mutter einer achtjährigen Tochter.

Frau Puhan, Sie haben sich ein Jahr vor der Geburt Ihrer Tochter Ihren festen Job gekündigt, um sich selbstständig zu machen. Haben Sie diesen Schritt im Hinblick auf die Mutterschaft gemacht?

Kathrin Puhan: Ich habe mich im April 2009 selbstständig gemacht, unsere Tochter kam im Oktober 2010 auf die Welt. Nach über 10 Jahren in der Corporate Worldwählte ich den Schritt in die Selbstständigkeit sehr bewusst, da ich beruflich my waygehen wollte. Das heisst: Mir war es wichtig, mit Kundinnen und Kunden gemäss meinen Überzeugungen arbeiten zu können. 

Ausserdem: Mein Partner und ich reisen sehr gerne und ich bin eine begeisterte Konferenz-Gängerin. Dank der Selbstständigkeit bin flexibel und «Herrin meiner Zeit». 
Der Aufbau meiner Firma, der Kontakt zu den Kunden und die Mutterschaft fielen zeitlich zusammen. Diese Zeit habe ich als sehr reich und spannend empfunden. 

Für junge Mütter ist die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Familienleben oft ein Hürdenlauf. War oder ist das bei Ihnen auch der Fall?

Nach der Geburt habe ich mir eine dreimonatige Auszeit genommen, um zu sehen, wie das neue Leben mit dem Baby funktioniert. Mein Mann hat während dieser Zeit meinen Lohnausfall gedeckt. Die Betreuungsarbeiten haben wir sehr gut aufteilen können: Nachts hat er unserer Tochter die Flasche gegeben und ich konnte weiterschlafen. Tagsüber war ich dann dran und den Abend haben wir meist zusammen übernommen.

Den ersten Workshop leitete ich bereits sechs Wochen nach der Geburt und das war super! Nach zehn Wochen ging unserer Tochter für zwei volle Tage in die Kita, nach einem Jahr vier Tage. Das hat alles prima geklappt. Donnerstags kam jeweils ein Babysitter, damit mein Mann und ich ins Restaurant oder ins Kino gehen konnten. Bis heute funktionieren wir so. Unser Rezept heisst partnerschaftliches Modell oder Teamansatz, mit Terminkoordinierungen, Bedürfnisabklärungen und gemeinsamer Zeit.

Wie sähe Kinderbetreuung in einer idealen Welt aus?

Das kann sehr unterschiedlich sein. Zuerst einmal müssten sich die Eltern ihrer Bedürfnisse bewusst werden, um dann entscheiden zu können, was für sie das beste Modell ist.

Meine Vision für die Schweiz: Das Angebot für die Betreuung von null Jahren bis zum Kindergarteneintritt ist bezahlbar, steuerabzugsberechtigt, freiwillig und von hoher Qualität. 

In Zürich-Albisrieden wird bald der schweizweit erste Coworking Space mit Kids Space eröffnet. Mein Mann und ich sind Lead Investors. Wir unterstützen nun ein Angebot, dass ich vor acht Jahren vermisst habe. Die vier Gründerinnen sind übrigens Mütter. Sie werden ihre Kinder im Kids Space betreuen lassen.

Und die ideale Erwerbsarbeit?

Flexibel und ortsunabhängig. Das ist heute bereits möglich. Wir haben die Infrastruktur, die Technologie und das Wissen. Als Selbstständige arbeite ich seit 10 Jahren nach diesem Prinzip. 

Früher habe ich mich in einem Büro eingemietet, heute stehen mir zahlreiche Coworking Spaces zur Verfügung, wo ich arbeiten und meine Sitzungen abhalten kann. Mich um acht Uhr in eine S-Bahn zu quetschen, das gibt es bei mir nicht mehr. 
Ich finde es schlimm, dass sich so viele Menschen jeweils zum gleichen Zeitpunkt ins Büro oder nach Hause bewegen müssen. Meist stecken sie im Stau oder im überfüllten Zug. Mehr Rollmaterial oder Strassen helfen da nichts.

Sondern?

Einzig das Mindset kann hier Abhilfe schaffen. Das Verhalten der Leute.
Initiativen, wie zum Beispiel Work Smart, für flexible Arbeitsmodelle, zeigen konkret auf, wie der neue Weg aussehen kann. Auch ich musste lernen, dass Veränderungen langsam entstehen. Mit dem Brecheisen lässt sich da nichts bewerkstelligen.

Welche Frauen sollten unsere Leserinnen und Leser kennen?

Maria Montessori, Reformpädagogin
Melinda Gates, Philantrophin
Eileen Gray, Designerin

www.youadvance.company

Frauenliebe und Feminismus

Corinne Rufli, Historikerin und Journalistin, erforscht die Geschichte lesbischer Frauen in der Schweiz. Sie ist Autorin des Buches «Seit dieser Nacht war ich wie verzaubert. Frauenliebende Frauen über siebzig erzählen». Mit ihrer erfolgreichen Publikation reist sie durch ganz Europa, organisiert Lesungen und hält Vorträge. Dazu leitet sie das AAKU – Aargauer Kulturmagazin.

«Ich möchte diese schönen und traurigen, unangepassten und unbekannten Geschichten älterer lesbischer Frauen sichtbar machen.»

Frau Rufli, die Geschichten in Ihrem Buch sind Geschichten der Emanzipation. Wie lebten lesbische Frauen in der Nachkriegszeit der Schweiz? 

Corinne Rufli: Die Frauen, die ich in meinem Buch porträtiere, sind lange vor der Frauenbewegung der 1970er-Jahre aufgewachsen. Sie mussten ihren Weg in einer Zeit suchen, in der das bürgerliche Familienideal vorherrschte, und es kaum Platz für alternative Lebenswege gab. Eine Zeit, in der Frauenliebe nicht denkbar war. Die Geschichten zeigen, wie unterschiedlich jede Frau ihre Liebe zu Frauen lebte oder leben konnte. Während einige Frauen schon in jungen Jahren wussten, dass sie Frauen liebten und nie einen Mann heiraten wollten, realisierten andere erst in einer Ehe oder gar nach der Pensionierung, was diese Gefühle, die sie ein Leben lang begleitet hatten, eigentlich bedeuteten. Unter dem Deckmantel des Patriarchats war zwar einiges möglich, dennoch dürfen die Folgen von lebenslanger Unterdrückung und Diskriminierung nicht unterschätzt werden. Diese ältere Generation von lesbischen Frauen wurde von der Gesellschaft unsichtbar gemacht – bis heute. 

Welche Auswirkungen hat diese Unsichtbarmachung? 

Sehr unterschiedliche: Viele Frauen konnten sich ihre Liebe zu Frauen ein Leben lang nicht eingestehen oder hatten grosse Angst, dass sie bekannt wird. Viele mussten ihre Beziehungen oder Gefühle geheim halten, einige heirateten gegen ihren Wunsch, andere zogen sich zurück und lebten sehr isoliert. Dass das krank machen kann, muss wohl nicht gesagt werden. Darum ist es für viele Frauen eine Erlösung, über das eigene Leben sprechen zu können, ohne den «lesbischen» Teil ausklammern zu müssen, oder sogar Bewunderung und Respekt zu bekommen für den gegangenen Lebensweg.
Es ist wichtig, dass man sich irgendwie in der Welt repräsentiert fühlt, dass man sich identifizieren kann mit jemandem. Das merke ich in meinen Gesprächen mit älteren, frauenliebenden Frauen immer wieder oder höre ich bei den vielen öffentlichen Auftritten mit meinem Buch. Ich möchte diese schönen und traurigen, unangepassten und unbekannten Geschichten sichtbar machen, ich kämpfe dafür, dass all diese Geschichten zusammen als Teil der Geschichte der Schweiz anerkannt werden. 

Über die Geschichte lesbischer Frauen in der Schweiz ist sehr wenig bekannt. Können Sie ein paar Meilensteine nennen?

1931 gründeten vier Frauen in Zürich den Damenclub Amicitia. Das war der Anfang der ersten bekannten Organisierung von lesbischen Frauen in der Schweiz. Zerstört wurden diese Emanzipierungsschritte durch die Bedrohung von Nazi-Deutschland und dessen Auswirkungen innerhalb der Schweiz. Wie sich lesbische Frauen während oder nach dem Krieg wieder vernetzten ist bislang nicht bekannt.

1974 wurde die Homosexuelle Frauengruppe (HFG) Zürich gegründet. Diese Frauen wollten ihren eigenen Platz innerhalb der Frauenbewegung und stellten so ihre spezifischen Forderungen. Das gilt als Beginn der feministischen Lesbenbewegung der Schweiz.

2007 trat das Partnerschaftsgesetz in Kraft. Der langjährige Kampf dafür war geprägt von einer erhöhten Sichtbarkeit und Selbstverständlichkeit von lesbischen Frauen in den Medien und Gesellschaft. Das erleichterte vielen Frauen ein Coming Out, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, wie oft (auch ganz junge) Frauen heute noch stigmatisiert werden, wenn sie sich outen. Es gibt noch viel zu tun. 

Welche Bücher oder Filme zum Thema empfehlen Sie?

Beiträge zur Lesbengeschichte der Schweiz sind leider selten und werden ohne Finanzierung und mit viel Eigeninitiative oft aus der Community heraus erarbeitet. Ich engagiere mich für die Plattform l-world.ch, sie funktioniert wie Wikipedia, wo wir das Wissen zur Lesbengeschichte der Schweiz sammeln. Alle dürfen und sollen mitschreiben. Zusätzlich bin ich Mitorganisatorin der Lesbenspaziergänge in Zürich, um die Geschichte lesbischer Frauen gemeinsam bei einem Spaziergang zu erfahren, und sich miteinander über die je eigene Geschichte auszutauschen.

  • Ein wichtiger Beitrag zur frühen Organisierung lesbischer Frauen ist von Ilse Kokula und Ulrike Böhmer: «Die Welt gehört uns doch! Zusammenschluss lesbischer Frauen in der Schweiz der 30er Jahre», Zürich 1991.
  • «Häutungen» (1975) von Verena Stefan. Ein feministisches und lesbisches Coming Out, das bis heute sehr berührt.
  • «Katzenball» (2005), Dokumentarfilm von Veronika Minder mit lesbischen Frauen aller Generationen. Ein wunderbares Zeitdokument.

Wen sollten unsere Leser_innen kennen?

  • Caroline Farner (1842 – 1913) erste Allgemeinärztin in Zürich, die mit ihrer Lebenspartnerin Anna Pfrunder um 1900 einem regelrechten «Hexenprozess» ausgesetzt war.
  • Annemarie Schwarzenbach (1908-1942), Historikerin, Schriftstellerin, Fotografin, Reisejournalistin und Morphinistin.
  • Meine Müttergeneration, sprich all die Vorkämpferinnen aus der Lesbenbewegung der 70er/80er-Jahre, die oft bis heute aktiv sind.
  • Meine Grossmüttergeneration: All die sichtbaren und unsichtbaren lesbischen Seniorinnen, die begonnen hatten, Wege für meine Generation zu bereiten.

Foto: Sandra Ardizzone

www.lesbengeschichte.ch

Andere Frauen unterstützen

Simona Scarpaleggia ist Geschäftsführerin der IKEA Schweiz. Sie zählt zu den wenigen Frauen in der Schweiz, die es in eine Unternehmensspitze schafften.

Frau Scarpaleggia, als Sie vor mehr als 30 Jahren ins Berufsleben einstiegen, waren Sie die einzige Frau im Betrieb. Wie haben Sie das überstanden?

Ich musste sehr engagiert und organisiert sein, um eine gute Balance zwischen Familie und Berufsleben zu halten. Zu dieser Zeit realisierte ich, dass Frauen mit sehr vielen (strukturellen) Hürden innerhalb der Unternehmen zu kämpfen hatten, was ich als unfair empfand. Deshalb entschied ich mich, zu handeln, etwas zu tun, um diese Situation zu ändern.

Seit vielen Jahren unterstützen und fördern Sie Frauen in ihrem Berufsleben. Was ist heute anders als früher?

Die Gesellschaft hat sich im Laufe der Zeit stark verändert, doch diese Umwandlung hat die Führungsetagen noch nicht ganz erreicht. Es ist an der Zeit, in den Unternehmen eine solide und faire Förder- und Einstellungspolitik einzuführen. Glücklicherweise ist das allgemeine Bewusstsein für die Situation der Frauen im Berufsleben heute viel höher, und das ist definitiv ein ermutigendes Zeichen.

Noch immer verdienen Frauen weniger für gleiche Arbeit. – Und typische «Frauenberufe», wie zum Beispiel Pflegearbeit, sind unterbezahlt. Wie könnte das geändert werden?

Generell muss Gleichstellung auf diversen Ebenen eingeführt werden: durch mehr Teilzeitstellen, durch Elternurlaub, etc. Der Lohn ist nur ein Teil des Puzzles – jedoch ein sehr wichtiger.

Unternehmen müssen ermutigt werden, ihr Vorgehen bei Personalentscheiden zu ändern. Sie sollten für Männer und Frauen dieselben Einstellungskriterien anwenden – auf allen Stufen. Einfach mehr Frauen einzustellen reicht nicht aus. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit muss durch geeignete Verfahren durchgesetzt werden.

Um diesen Wandel zu erreichen, ist es notwendig, die Prioritäten zu verschieben: Unternehmen und Wirtschaftssysteme müssen neu überdacht und gestaltet werden. Dies erfordert ein starkes Vorbild auf der Führungsebene. Auch die Politik spielt eine wichtige Rolle: Das kürzlich verabschiedete Gesetz über die Pflicht zur Lohnanalyse ist ein Schritt in die richtige Richtung. 


Was raten Sie jungen Frauen, die sich sowohl Karriere als auch Familie wünschen?

Es ist wichtig, dass Frauen lernen, ihre eigene Einstellung zu ändern und die Art und Weise, wie sie ihre Karriere gestalten, überdenken. Erstens müssen wir über das stereotype Denken hinausgehen. (Stereotypen sind nach Jahrhunderten strenger Geschlechtertrennung tief in uns verwurzelt und dominieren immer noch unsere Sicht auf die Regeln der Gesellschaft.) Das Bewusstwerden althergebrachter Einflüsse kann helfen, die Sicht der Dinge zu ändern.

Darüber hinaus ermutige ich Frauen immer, andere Frauen zu unterstützen. Unabhängig davon, ob sie ihre Karriere fortsetzen oder zu Hause bleiben wollen. Durch die gegenseitige Unterstützung – indem wir uns gegenseitig respektieren und den Beitrag des anderen schätzen – schaffen wir ein besseres Umfeld für alle.

Last but not least gibt es den Mythos, der besagt, man müsse vor dem 40. Lebensjahr Karriere gemacht haben. Forget it! Karrieren sind heute viel flexibler als früher und unser Arbeitsleben dauert Jahrzehnte. Diese «Karriere-Frist» hat deshalb ihre Gültigkeit verloren.

Wie sind Sie zu der Frau geworden, die Sie heute sind? Hatten Sie starke Frauenfiguren als Inspiration?

Die erste Person, die mich im Alter von 14 Jahren ermächtigte, war meine Grossmutter Teresa. Sie lehrte mich, dass ich erst lernen muss, Dinge selbst zu tun, bevor ich andere Menschen motivieren kann, diese Dinge für mich zu tun. Es ist eine sehr einfache und effektive Lektion und gleichzeitig eines der wichtigsten Prinzipien des Managements. Seitdem ist diese Lektion meine Inspiration und die Wurzel meiner Werte: Willenskraft, Demut und Optimismus. 


Wie hoch sollte der Frauenanteil in einer Firma sein?

Die Stärkung und Einbeziehung von mehr Frauen führt nachweisbar zu besseren Ergebnissen und ist insgesamt sehr vorteilhaft für ein Unternehmen.

Frauen und Männer sollten in einer Firma gleichermaßen vertreten sein. Ich bin überzeugt, dass ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis von 45:55 in beide Richtungen der richtige Weg ist.

Ist das Zukunftsmusik?

IKEA Schweiz zeigt, dass dies schon heute Realität sein kann. Mit der Erreichung eines ausgewogenen Geschlechterverhältnisses haben wir bewiesen, dass es möglich ist, sowohl die Anzahl angestellten Frauen auf allen Hierarchiestufen, als auch deren Löhne, anzugleichen.

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist es erwiesen, dass gemischte Teams bessere Leistungen erbringen und geschlechtergerechte Unternehmen eine konstruktivere Unternehmenskultur leben. Die Reise hat jedoch gerade erst begonnen, und ich freue mich, dass immer mehr Unternehmen dieses Thema auf ihre Agenda gesetzt haben.

Aus dem Englischen übersetzt von Fatima Vidal

> Simona Scarpaleggia auf Wikipedia
> Vereinigung Advance – Women in Swiss Business
> IKEA SCHWEIZ

Pflegearbeit ist überlebenswichtig

Mascha Madörin, Ökonomin, befasst sich seit den 1990er Jahren mit verschiedenen Aspekten der Wirtschaftspolitik und -theorie aus feministischer Sicht, insbesondere mit der politischen Ökonomie der Sorge- und Versorgungswirtschaft, mit Finanzpolitik, geschlechtergerechten Staatsausgaben und Gesundheitsökonomie. 

Frau Madörin, in der Schweiz ist die finanzielle Gleichstellung der Geschlechter nach wie vor nicht erreicht. Wie gross ist die Einkommenslücke? 

Mascha Madörin: Für Löhne und Gehälter, inklusive AHV- und Pensionskassenbeiträge, schätze ich sie auf mindestens 100 Milliarden Franken (100 000 000 000 Franken) für das Jahr 2014. Für Erwerbstätige, die in der Schweiz wohnen. Das ist ungeheuer viel. Es entspricht rund 30 Prozent der gesamten Konsumausgaben privater Haushalte, fast dem Dreifachen sämtlicher staatlicher Bildungsausgaben vom Kindergarten bis zur Universität. 

Dazu kommen noch die ungleichen Einkommen aus selbstständiger Erwerbstätigkeit, diejenigen der Unternehmerinnen und die Renten. 

Arbeiten Frauen weniger als Männer, dass sie Ende Monat so viel weniger Geld auf dem Konto und im Portemonnaie haben?

Frauen und Männer arbeiten im Durchschnitt etwa gleich viel. Frauen verrichten einfach unglaublich viel Arbeit, die nicht entlohnt wird. Und sie verdienen im Schnitt weniger pro Stunde als die Männer.

Viele Frauen in der Schweiz arbeiten Teilzeit. Könnten sie auch Vollzeit arbeiten?

Frauen sitzen ja nicht untätig herum, sondern sie arbeiten unbezahlt sehr viel. Im gesamten Volumen fast doppelt soviel als das Volumen der Erwerbsarbeit. Sie sind bereits Vollzeit tätig. Nur werden sie dafür nicht bezahlt.

Zudem ist in der Schweiz die Vollerwerbstätigkeit beider Eltern ausser Haus nur mit einer riesigen Überlastung aller möglich. Es sei denn, die Familie ist vermögend und kann sich Nannies leisten oder sie verdienen so viel, dass sie sich zwei Halbtagsstellen und die Bezahlung einer Kinderkrippe leisten können. 

Frauen in der Schweiz verdienen weniger als die Männer. Ist das in anderen Ländern auch so?

Das notorische Lohngefälle gibt es mehr oder weniger in allen Ländern. 

Generell tiefes Lohnniveau

Frauen arbeiten vor allem in der Sorge- und Versorgungswirtschaft (in Englisch: Social Provisioning, Care Economy). In dieser Branche ist das Lohnniveau generell tiefer als in anderen Branchen. 
Wenn wir vom Volumen der bezahlten und unbezahlten Arbeit ausgehen, ist das mit Abstand der grösste Arbeitssektor der Schweiz. Und Frauen verrichten fast 85 Prozent ihrer Arbeit in diesem Sektor. 

Gender Pay Gap in gut bezahlten Branchen

Dann gibt es die geschlechterspezifischen Lohnunterschiede (Gender Pay Gap) in der Industrie und verschiedenen Dienstleistungs-Branchen. Frauen werden, unabhängig ihrer Leistung, im Schnitt schlechter bezahlt. Besonders schlimm steht es mit den Löhnen im Finanzsektor, in der IT- und andern Dienstleistungssektoren.

Was würde geschehen, wenn sich die Frauen weigern würden, Gratis-Arbeiten im privaten Rahmen zu übernehmen?

Pflegearbeit ist überlebenswichtig. Man kann chronisch Kranke und Kinder nicht sich selber überlassen. 
Weil diese lebensnotwendige Arbeit zurzeit nicht genügend finanziert wird, muss sie jemand gratis verrichten. Alles andere wäre unmenschlich.

Sollte diese Arbeit bezahlt werden?

Ja, unbedingt. Viel mehr der Betreuungs- und Pflegearbeit zu Hause sollte bezahlt werden. Es gibt verschiedene Varianten, wie das verwirklicht werden könnte. 

Zum Beispiel?

Die Frage, wie die Zukunft der Care-Wirtschaft aussehen soll, ist eine sehr bedeutende gesellschaftspolitische Frage. Darüber sollten wir uns alle dringend gründlich Gedanken machen – und wir sollten das Thema öffentlich diskutieren.

Eine der Varianten wurde, mindestens teilweise, in skandinavischen Ländern bereits verwirklicht: durch die flächendeckenden Einrichtungen von Kinderbetreuungsplätzen und sehr viel grosszügiger finanzierte Spitexdienste. Die Schweiz ist westeuropäisch gesehen massiv im Rückstand in beiden Bereichen, wie damals mit dem Stimmrecht.

Würden gratis verrichtete Care-Arbeit bezahlt werden, wie viel Geld hätten die Frauen in diesem Fall mehr im Portemonnaie?

Wenn es direkt an Haushalte bezahlt würde: Grob schätzt mindestens 65 Milliarden Franken für Betreuungsarbeit für Kinder und rund 10 Milliarden Franken für die Pflege und Betreuung von Kranken zu Hause. Insgesamt fast so viel wie gegenwärtig das ganze Gesundheitswesen kostet. 

Der monetäre Wert dieser unbezahlten Betreuungsarbeit von Frauen ist etwa 30 Milliarden Franken höher als derjenige der Männer. Mit in die Berechnung einbezogen sind auch die Betreuungsarbeiten für Bekannte oder Verwandte ausserhalb des eigenen Haushaltes (sog. informelle Freiwilligenarbeit). 

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Junge Frauen leisten den grössten Teil der unbezahlten Kinderbetreuungsarbeit und somit auch der Care-Arbeit. Für sie ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein grosses Problem. 
Auch Grossmütter leisten unbezahlte Kinderhütedienste. Im Wert von 5.8 Milliarden Franken. Das sind drei Milliarden Franken mehr als der monetäre Wert der Hütedienste von Grossvätern. 

Trotz diesen riesigen Care-Leistungen von Frauen, die wichtig sind für die ganze Gesellschaft, will der Bundesrat das Pensionsalter der Frauen um ein Jahr hinaufsetzen und demjenigen der Männer angleichen. Um 1.56 Milliarden Ausgaben der AHV zu sparen … Sparen auf Kosten der Frauen ist in der Schweiz nun wirklich überhaupt nicht zu rechtfertigen. 

Was denken Sie, weshalb Frauen die Pflege der Kinder und der Alten und Kranken übernehmen? Genauso gut könnten das doch die Männer tun?

Bestimmt wirken noch die Jahrhunderte patriarchaler Strukturen immer noch spürbar nach. Sie waren in unseren Gegenden sehr stark und ziemlich lange wirksam, wenn wir uns die späte Einführung des Frauenstimmrechts und der späten Änderungen des Ehe- und Scheidungsrechts vor Augen führen. 

Aber seitdem die entsprechenden patriarchalen Familiengesetze weitgehend abgeschafft sind – erst seit 30 Jahren – reproduziert die enorme Geld- und Zeitknappheit von Frauen das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen weiter. Die Gleichstellungsgesetze, die erst in den 1990er Jahren eingeführt wurden (nach dem Frauenstreik!), sind zudem nicht höllisch griffig respektive wurden viel zu wenig politisch umgesetzt. 

Weniger Geld in der Familienkasse

Stellen Sie sich die realen Lebensumstände vor: Ein Elternpaar würde die bezahlte und unbezahlte Arbeit voll teilen. Beim heute herrschende Lohngefälle von 19.5 Prozenten (Bruttolohn pro Stunde) würde dies heissen, dass die Frau, falls sie gleich viel Erwerbseinkommen erzielen muss wie der Mann, fast einen Viertel mehr Stunden erwerbsarbeiten müsste als der Mann. Bei halbe-halbe und einer Normalarbeitszeit von 40 Stunden pro Woche, würde dies für die Frau 5 Stunden mehr Erwerbsarbeit pro Woche heissen. Die Frau müsste mehr als 3 Tage erwerbsarbeiten, der Mann zweieinhalb. Dazu käme noch, dass es zusätzliche Erwerbsarbeit braucht, um die Zusatzkosten des Kindes zu finanzieren. 

Zeit- und Geldknappheit junger Eltern

In den Debatten über Gleichstellung wird oft vergessen, wie viel Mehrarbeit ein Kind mit sich bringt. Zusammengezählt zeigen die Statistiken, dass die Mehrarbeit an unbezahlter Arbeit und bezahlter Arbeit durchschnittlich um 80 Prozent pro Elternpaar zunimmt. Dass es eigentlich noch eine dritte erwachsene Person im Haushalt bräuchte, damit die Arbeitsbelastung so ist, wie für Haushalte ohne Kinder. Es braucht viel mehr Zeit und eben auch mehr Geld. Eltern sind sehr knapp an Zeit, aber beide Eltern haben pro Tag nur 24 Stunden. Es ist sehr naheliegend, dass bei dieser Zeit- und Geldknappheit der Mann mehr zu verdienen versucht als Frauen

Das Resultat dieser strukturellen Ungleichheiten: 

Mütter sind finanziell immer noch stark vom Verdienst der Väter abhängig. Frauen kriegen im Pensionsalter 63 % weniger Rente aus der Pensionskasse als Männer. Bei der AHV bekommen Frauen fast gleich viel AHV-Rente wie Männer, weil da ein Betreuungsbonus mitgerechnet wird.

Kurzum: Je länger ich als Ökonomin zu diesen Fragen arbeite, desto dringlicher scheint mir eine substanzielle wirtschaftspolitische und feministische Debatte über die zukünftige Organisation der Sorge- und Versorgungswirtschaft, dem Frauenwirtschaftssektor par excellence.

www.maschamadoerin.ch

Flexible Arbeitswelt

Claudine Esseiva (*1978) ist Stadträtin in Bern. Sie engagiert sich im Vorstand der Business and Professionel Women (BPW) Switzerland.

Frau Esseiva, im Vergleich zu linken Frauen, werden FDP-Frauen viel seltener in politische Ämter gewählt. Woran könnte das liegen?

Claudine Esseiva: Da muss ich widersprechen: Auf den FDP-Listen werden Frauen stets sehr gut gewählt. Die FDP stellte mit Frau Kopp auch die erste Bundesrätin. Die FDP hat aber allgemein weniger Frauen als Mitglieder und somit auch auf den Listen im Vergleich zu den linken Parteien oft weniger Frauen. Das muss die FDP unbedingt ändern. Ich bin daher sehr stolz, dass wir dieses Jahr für die Nationalratswahlen bei der FDP Bern auf der Nationalratsliste einen Frauenanteil von 45 % haben. 

Wie kann die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert werden?

Wir brauchen bessere Infrastruktur, das heisst Tagesschulen und Ferienbetreuung. Diesbezüglich sind wir in vielen Regionen noch nicht so weit, da oft noch das traditionelle Modell gelebt und somit andere Modelle fast keine Chance haben. Dazu kommt, dass erwerbstätige Eltern auch steuerlich immer noch bestraft werden und sich oft ein zweites Einkommen wegen der höheren steuerlichen Belastung und der hohen Fremdbetreuungskosten gar nicht lohnt. Diese falschen Anreize müssen unbedingt abgeschafft werden. 

Und die Wirtschaft ist gefordert, die Arbeitswelt flexibler zu gestalten, damit Frauen und Männer das Familienleben organisieren können.

Was können Männer zur Gleichstellung der Geschlechter beitragen?

Die Männer sind der Schlüssel zur Gleichberechtigung. Ohne Männer wird der gesellschaftliche Wandel nicht geschehen. Darum ist es sehr wichtig, dass wir nicht von «Frauenthemen» reden, sondern von Gesellschaftspolitik. Wenn Männer und Frauen erkennen, dass ein Leben auf Augenhöhe in der Wirtschaft, in der Politik und im Privaten für alle ein Mehrwert ist, dann ist die Gleichberechtigung erreicht.

Nach wie vor arbeiten viele Frauen ehrenamtlich und stehen nach einer Scheidung oder im Alter mittellos da, wie lässt sich das ändern?

Die finanzielle Unabhängigkeit der Frauen ist absolut zentral. Wie immer braucht es zwei, um eine Situation zu verbessern. Frauen müssen ihren Teil der Verantwortung auch übernehmen und sich bewusst sein, dass die Erwerbstätigkeit für sie zentral ist, gerade hinsichtlich der Altersvorsorge. Und auf der anderen Seite muss die Wirtschaft auch begreifen, dass die Welt sich ändert, wir flexible Arbeitsbedingungen brauchen und wir das Potenzial unserer Arbeitskräfte optimal nutzen sollten.  

Ich bin heute der Meinung, dass das Scheidungsrecht auch für Männer nicht fair ist und ich hoffe sehr, dass die Scheidungen den Menschen aufzeigen, dass es eben sowohl für Mütter als auch für Väter wichtig ist, Zeit mit der Familie zu verbringen und auch, dass es für beide wesentlich ist, finanzielle Unabhängigkeit zu wahren.

Welche Feministinnen/Pionierinnen sollten unsere Leserinnen und Leser kennen:

Anne-Marie Schwarzenbach, eine mutige Frau, Schriftstellerin, Journalistin, Reisende
Iris von Roten: die Feministin der Schweiz, mutig, kämpferisch – ein absolutes Vorbild
Carmen Walker Späh, Regierungsrätin Zürich – eine FDP-Frau, die sich für liberale Werte in der Wirtschaft und Gesellschaft einsetzt, Mutter, Grossmutter und Wirtschaftsfrau

www.claudine-esseiva.ch

Individualbesteuerung und Kinderbetreuung

Carolina Müller-Möhl (*1968) ist Investorin und Philanthropin. Sie ist Gründerin und Präsidentin der Müller-Möhl Group und der Müller-Möhl Foundation und hat zahlreiche Ämter inne. Seit Jahren engagiert sie sich für Gleichstellungsthemen.

Frau Müller-Möhl, Sie setzen sich für die Gleichstellung der Geschlechter ein. Was ist Ihre Motivation?

Carolina Müller-Möhl:Ich bin das, was ich auch von jedem anderen erwarte – ob Mann oder Frau: Ich bin gesetzestreu! Deshalb mach ich mich für die Umsetzung des Schweizerischen Bundesgesetzes von 1996 stark. Zudem vertraue ich meinem Verstand: Ich sehe keinen Grund, warum wir Frauen nicht gleichgestellt sein sollten.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist für viele Paare eine grosse Herausforderung. Welche Massnahmen braucht es, um Familien zu unterstützen?

Für viele Elternteile in der Schweiz ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie schwierig. Dies führt zu dem immer noch weitverbreiteten klassischen Lebensmodellentwurf: Der Mann verdient das Geld, die Frau übernimmt die Hausarbeit und Kinderbetreuung; sie fasst danach in vielen Fällen nie wieder Fuss auf dem Arbeitsmarkt, bis zu 40 Jahren. Die Folgen sind weitreichend und zeigen sich erst im Nachhinein: Die Frauen sind gesundheitlichen Risiken ausgesetzt, von Altersarmut bedroht, es gibt weniger Geld in der Familienkasse, weniger Produktivität und Steueraufkommen und es stehen weniger Fachkräfte zur Verfügung. Wie kann man nun jeweils beiden Elternteilen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen? Die OECD hat der Schweiz zum wiederholten Male mit Nachdruck empfohlen: erstens: die Individualbesteuerung, zweitens: adäquate und bezahlbare Kinderbetreuung und drittens: Ganztagesschulen! Ohne diese drei Massnahmen ist in der Schweiz eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie für viele Eltern weiterhin nur mit grossen Abstrichen möglich.

Wieso ist die Steuerfrage bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie relevant?

Unser Steuersystem muss geändert werden, weil dieses auf einer Rollenverteilung des letzten Jahrhunderts beruht. Die Anreize sind heute noch falsch gesetzt: Wenn die Frau nach dem zweiten Kind wieder arbeiten geht, frisst in der Regel die Progression diesen Lohn wegen der gemeinsamen Steuerveranlagung und der Kosten für die familienexterne Kinderbetreuung nahezu wieder weg. Was heisst das für die Frauen? Sie arbeiten faktisch umsonst, bzw. «Arbeiten lohnt sich für uns nicht». Dagegen erhebe ich Einspruch: Wir können es uns nicht leisten, weiterhin auf die vielen qualifizierten Frauen im Arbeitsmarkt zu verzichten. Eine Individualbesteuerung würde positive Arbeitsanreize setzen. Eltern, die dann beide arbeiten, haben mehr in der Familienkasse. Dies hat die Müller-Möhl Foundation mit einer neuen fundierten wissenschaftlichen Studie nachgewiesen.

Was empfehlen Sie jungen Frauen, die sich sowohl Karriere als auch Familie wünschen?

Seid mutig! Traut es euch zu und bleibt am Ball. Verabschiedet euch von falschen Idealen, die an euch herangetragen werden! Beruf und Karriere, Familie, gesellschaftliches Engagement und Freizeit unter einen Hut zu bekommen ist anstrengend, aber machbar und es zahlt sich für euch aus! Schafft euch ein Umfeld, das euch unterstützt, mit dem Partner an eurer Seite angefangen.

Können Sie nachvollziehen, wenn gut ausgebildete Mütter absichtlich ihre Karriere beenden und sich ganz der eigenen Kinderbetreuung widmen?

Natürlich kann ich das verstehen. Wir sind eine pluralistische Gesellschaft mit vielen unterschiedlichen Lebensentwürfen. Volkswirtschaftlich müssen wir aber darauf achten, dass wir bei den kostspieligen Bildungsinvestitionen in Frauen und Männer nicht auf den Kosten sitzen bleiben. Dies ist dann der Fall, wenn berufliche Karrieren beendet werden oder kein beruflicher Aufstieg erfolgt und meist nur zu kleinen Pensen gearbeitet wird. Die hohen Ausbildungskosten, die wir alle mit unseren Steuerbeiträgen subventionieren, werden so nicht zurückbezahlt. Kurzum: Müttern, die berufstätig sind und mehr arbeiten wollen, dürfen wir heutzutage keinen Stein in den Weg legen!

> Müller-Möhl Group

> Müller-Möhl Foundation

Gewalt an Frauen*


Anna-Béatrice Schmaltz (*1992) arbeitet bei der feministischen Friedensorganisation cfd. Sie leitet die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen*».

Frau Schmaltz, in der Schweiz wird kaum über Gewalt an Frauen gesprochen. Gibt es sie gar nicht? Oder wird sie bei uns stillschweigend geduldet?

Anna-Béatrice Schmaltz:Über Gewalt zu sprechen, ist gesellschaftlich tabuisiert. Insbesondere wenn es sich dabei um häusliche Gewalt handelt oder um Gewalt durch Menschen, die das Opfer kennt, bleibt das Geschehen im Dunkeln.
Jede fünfte Frau in der Schweiz erfährt mindestens einmal in ihrem Leben häusliche Gewalt und alle zwei Wochen kostet sie einer Frau das Leben. Im Jahr 2018 wurden laut polizeilicher Kriminalstatistik im Rahmen von häuslicher Gewalt 24 Frauen und Mädchen ermordet.
90 % der Betroffenen von häuslicher Gewalt sind Frauen. Zudem gibt es auch ein grosses Dunkelfeld. Das Problem ist also massiv.

Wie verhält es sich mit der sexualisierten Gewalt?

Auch sexualisierte Gewalt ist tabuisiert und kann Teil von häuslicher Gewalt sein. Im Jahr 2018 wurden laut polizeilicher Kriminalstatistik 536 sexuelle Nötigungen und 604 Vergewaltigungen an Frauen angezeigt. 

Sexuelle Gewalt gegen Männer ist ebenfalls stark tabuisiert. Auch das ist ein Problem, das Geschlechterstereotypen zementiert.

Strukturelle Gewalt

Gewalt an Frauen hat aber noch andere Dimensionen als physische und psychische Gewalt. Auch strukturelle Gewalt ist ein gesellschaftliches Problem, das viel zu wenig bekannt und bewusst ist. Frauen erleben strukturelle Gewalt vielfältig. Beispielsweise durch Lohnungleichheit, fehlende Vereinbarkeit von Familie und Beruf und stereotype Abwertung. Frauen sind in starkem Mass auch von Gewalt im digitalen Raum, im Internet, betroffen, wo sie beschimpft und bedroht werden.

Wie kommt es, dass die Täter fast immer männlich sind?

Gewalt hat oft mit toxischen Männlichkeitsvorstellungen zu tun. Männer müssen Dominanz, Macht und Stärke demonstrieren und stets alles im Griff haben. Dies kann zu Gewalt gegen sich selbst aber auch gegen andere führen. Enge und starre Rollenbilder und Geschlechterstereotypen beeinflussen Gewalt an Frauen. Gewalt hat mit Machtausübung zu tun – aber auch mit Überforderung. Die Gründe für die Ausübung von Gewalt sind vielfältig. 

Was hat Ihrer Meinung nach die #metoo-Bewegung bewirkt?

Die #metoo-Bewegung hat dazu beigetragen, dass öfter über Gewalt gegen Frauen gesprochen wird. Betroffene sind gestärkt und fühlen sich weniger allein. Gesamtgesellschaftlich hat sich ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass Gewalt an Frauen, leider viel zu häufig vorkommt und dass Gewalt vielfältige und subtile Formen kennt. Die Bewegung hat auch gezeigt, dass Gewalt an Frauen kein Phänomen der Einzelfälle ist, sondern ein grosses und verbreitetes soziales Problem.

Weshalb, denken Sie, werden Frauenanliegen immer wieder unter den Teppich gekehrt?

Das hat mit patriarchalen Strukturen zu tun. Der Anspruch auf Gleichstellung beinhaltet, dass Männer gewisse Privilegien aufgeben müssen. Es scheint das Bewusstsein zu fehlen, dass Gleichstellung allen nützt. Weiter wird die fehlende Gleichstellung als naturgegeben legitimiert, was extrem problematisch ist. Frauenanliegen werden zudem unter den Teppich gekehrt, weil die politische und wirtschaftliche Macht mehrheitlich noch immer bei Männern liegt. 

Was können wir alle tun gegen Gewalt an Frauen?

Es braucht ein grösseres Bewusstsein für fehlende Gleichstellung und dafür, dass Gewalt uns alle betreffen kann. Weiter braucht es genügend finanzielle Ressourcen für Beratung, Prävention und Schutz. Es ist wichtig, dass Betroffene ernstgenommen werden und professionelle Unterstützung erhalten. Die konkrete und umfassende Umsetzung der Istanbul-Konvention (Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt) ist elementar. Zudem braucht es einen gesellschaftlichen Wandel weg von starren Rollenbildern. 
Wichtig ist auch, dass bereits Kinder lernen die Grenzen des Gegenübers zu respektieren. 

Die feministische Bewegung setzt sich seit langem gegen Gewalt ein. Persönlich kann sich jede und jeder gegen Gewalt einsetzen, in dem sie oder er Zivilcourage zeigt, am 14. Juni 2019 am Frauenstreik teilnimmt oder auch Kampagnen wie die «16 Tage gegen Gewalt an Frauen*» unterstützt.

Abschliessend ist zu sagen: Gleichstellung ist die beste Prävention gegen Gewalt an Frauen.

> cfd Christlicher Friedensdienst

> 16 Tage gegen Gewalt an Frauen*

Rechtliche und gelebte Gleichstellung

Anja Derungs, Mediatorin, leitet die Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich. Sie ist Präsidentin der Schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten (SKG).

Frau Derungs, was genau tut eine Fachstelle für Gleichstellung?

Anja Derungs: Wir setzen uns täglich ein für die rechtliche und gelebte Gleichstellung von Frauen und Männern, von Lesben, Schwulen und Bisexuellen und von intergeschlechtlichen und trans Menschen. Wir informieren, beraten, vermitteln in Konflikten, bieten Weiterbildungen an, machen Projekte und führen eine Bibliothek zu Gleichstellungsthemen.

Aktuelle Plakataktion

Was hat der Feminismus in der Schweiz bis jetzt erreicht? Was noch nicht?

Anja Derungs: Feministinnen und Feministen – aber auch Menschen, die sich nicht als solche bezeichnen – haben viel erreicht. Gerade in Bezug auf die rechtliche Gleichstellung. Doch bei der tatsächlichen Gleichstellung gibt es noch viel zu tun. Zentrale Missstände bestehen noch immer: fehlende Lohngleichheit, Alltagssexismus, Gewalt an Frauen*, nicht anerkannte unbezahlte Arbeit, mehrheitlich von Frauen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Zudem sind Frauen oft von mehrfacher Diskriminierung betroffen, weil sie zusätzlich marginalisierten Gruppen angehören, zum Beispiel am Existenzminimum leben, lesbisch sind, eine körperliche Beeinträchtigung oder eine andere Hautfarbe als weiss haben. 

Auch bezüglich Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung gibt es noch viel zu tun. Die Ehe steht heute immer noch nicht allen Menschen gleichermassen offen. Lesbische Frauen haben im Gegensatz zu heterosexuellen verheirateten Frauen keinen Zugang zur Fortpflanzungsmedizin. Und die Arbeitslosenquote beträgt bei trans Menschen ca. 20 %. Sie liegt damit fast fünfmal höher als bei der Schweizer Gesamtbevölkerung.

Sogenannte Frauenberufe werden schlechter entlöhnt als «Männerberufe». Wie könnte das geändert werden?


Es muss ein Umdenken stattfinden. Die Vorstellungen, Männer seien die Familienernährer und Frauen die Hüterinnen des heimischen Herdes ist über Jahrhunderte gewachsen. Diese Vorstellung prägt auch unsere Sicht auf sogenannte Frauenberufe und Männerberufe. Diese Rollenteilung hat zwar nur in einer kleinen gesellschaftlichen Schicht – dem Bürgertum – jemals der Realität entsprochen, wurde aber als Idealzustand propagiert. Wir müssen aufhören, dies als Naturzustand anzusehen – es ist keiner. 

Wenn Lohnungleichheit einerseits sanktioniert wird und ihr andererseits in Erziehung und Wertvorstellungen die Legitimation entzogen wird – weil vermeintlich «weibliche» Arbeit gleich viel Wert ist wie «männliche» – sind wir auf dem guten Weg. Die Wertigkeit von Berufen ist kein individuelles Problem der Frauen im Sinne, dass die ganz einfach die falschen Berufe wählen, die schlecht bezahlt sind. Es ist umgekehrt: Berufe, die traditionellerweise als Frauenarbeit angesehen werden, werden weniger wertgeschätzt und weniger honoriert.

Noch immer sind Machtpositionen in Wirtschaft und Politik vorwiegend männlich besetzt. Was denken Sie, weshalb halten sich althergebrachte Strukturen so hartnäckig?

Weil die Strukturen so entstanden und gewachsen sind. Der moderne Arbeitsmarkt, die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern und die Rollenbilder und -erwartungen sind zeitgleich entstanden. Diese Strukturen zu verändern bedeutet also auch, unser Denken zu verändern. Es geht nicht bloss um das Verhalten individueller Frauen, im Sinne von: Frauen müssen sich mehr zutrauen und mehr fordern. Es geht auch darum, Privilegien und strukturelle Machtverhältnisse überhaupt erst sichtbar zu machen. Am Ende kommt mehr Freiheit für alle heraus.

Wie gehen Sie mit Kritik und Angriffen auf Ihre Person und die Gleichstellungsarbeit im Allgemeinen um?

Persönliche Angriffe kommen eher selten vor. Dass Gleichstellungsarbeit kritisiert wird, ist Alltag. Veränderungen lösen Widerstand aus. Und: Es gab immer Menschen – Frauen und Männer – die mit dem heutigen gesellschaftlichen Zustand zufrieden waren. Sie fühlen sich als Frau nicht diskriminiert oder als Mann nicht privilegiert. Das kann im Einzelfall ja auch stimmen – aber strukturell, also im Grossen und Ganzen, stimmt es ganz einfach nicht.

> Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich

> EQUALITY.CH – Schweizerische Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten (SKG)