Neueste Artikel

Feuerschluckerin

Jennifer Studhalter-Gasser (32) ist die einzige Feuerschluckerin der Schweiz. Als Sechsjährige stand die Zirkusfrau erstmals in einer Manege und präsentierte eine Hula-Hoop Nummer, die sie von ihrer Tante – ebenfalls Artistin – gelernt hatte. Die Varieté-Besitzerin ist die neunte Generation der Schweizer Zirkus-Dynastie Gasser. Sie ist verheiratet und hat zwei Töchter im Alter von acht und neun Jahren.

Frau Studhalter-Gasser, wie wird man Feuerschluckerin?

Jennifer Studhalter-Gasser: Ich bin im Zirkus geboren und aufgewachsen. Dadurch, dass ich schon sehr früh bei den Nummern mitwirkte, musste ich fast jedes Jahr eine neue Disziplin erlernen. Eines Tages meinte ein Kollege von mir: Eine Feuershow wäre doch etwas für dich. Du wärst die erste und einzige Frau in der Schweiz, die Feuer schluckt. In einer Woche hatte ich die Basics von ihm gelernt und mich sofort in das Spiel mit dem Feuer verliebt. Doch für die Feinheiten braucht es natürlich viel Übung. Ich habe sicher acht Jahre gebraucht, um die Flamme so lange brennen zu lassen, wie ich das jetzt tue. Es ist eine Frage der Technik und der Atemkontrolle.

Haben Sie sich auch schon verbrannt?

Ja, früher fast täglich. Durch die Verbrennungen lernt man dazu und heute verbrenne ich mich praktisch nicht mehr.

Möchten Ihre Töchter auch Artistinnen werden?

Sie bekommen das Artistenleben mit. Durch meine Auftritte an Corporate-Events und durch unser Weihnachtsvarieté UNIKAT in Suhr, das wir jeweils in den Monaten November und Dezember veranstalten. Während den Proben möchten sie am liebsten mittanzen und auf der Bühne mitmachen. Beruflich möchte die eine Tochter Tierärztin und die andere Tänzerin werden. Doch eine bestandene Lehre oder ein Studium ist allem anderem vorausgesetzt.

Mit ihrem «Feueract» tritt Jennifer Studhalter-Gasser national und international auf. Auch an Firmenevents.

> www.variete-unikat.ch
> www.feuershow-gasser.ch

Die Pendlerin

Franziska von Grünigen arbeitet bei SRF als Radiomoderatorin, TV-Produzentin und OFF-Sprecherin. Neben ihrer Arbeit vor dem Mikrofon und im Regieraum schreibt von Grünigen Kolumnen für diverse Zeitungen. So auch für den Blick am Abend, wo sie unter dem Pseudonym Katja Walder über ihre Erlebnisse als Pendlerin berichtet. Dieser Tage ist ihr neues Buch Der Pendler-Knigge. 99 Gebote für den ÖV. erschienen.

Frau von Grünigen, Sie schreiben nun seit 10 Jahren die Pendler-Kolumne für den Blick am Abend. Inzwischen wissen wohl alle Pendler_innen, dass Sie eine gute Beobachterin sind, und dass alles, was im Zug gesagt oder getan wird, in Ihrer nächsten Kolumne vorkommen könnte. Rennen die Leute aus dem Waggon, sobald Sie die S-Bahn betreten?

Franziska von Grünigen: Bisher zum Glück nicht! Nach wie vor wissen die meisten nicht, dass hinter meinem Gesicht Katja Walder steckt. Ausserdem sind Pendler oftmals so mit sich selbst oder ihren Smartphones beschäftigt, dass sie die Menschen nebenan oder gegenüber gar nicht wahrnehmen. Ab und zu passiert es mir, dass über Katja Walder gesprochen wird: («Hey, das chasch doch nöd so luut verzelle! Was isch, wänn d’Katja Walder im Zug sitzt??» Oder: «Häsch gläse, was die da vom Zug wider gschribe hätt? Das isch doch sicher alles erfunde…!») Diese Momente gehören zu meinen persönlichen Zug-Highlights.

Wie sind Sie zu Ihrem Pseudonym gekommen?

Katja Walders Kolumnistinnen-Karriere hat mit einer Leserkolumne beim Blick am Abend begonnen. Damals konnten Leser_innen eigene Texte einschicken und das Publikum entschied per SMS, wer weiterschreiben durfte oder abgesetzt wurde. Die meisten Texte gefielen mir nicht und so hackte ich meinen Unmut eines Tages in die Tasten. Weil ich es seltsam fand, als SRF-Mitarbeiterin bei einem Ringier-Schreibbattle mitzumachen, habe ich mir dafür ohne lange zu überlegen ein Pseudonym ausgesucht. Der Name sollte möglichst gewöhnlich klingen, ohne «von» und anderen Schnickschnack. «Katja Walder» war eine Blitzidee, innert 2 Sekunden war das Pseudonym geboren. Jegliche Ähnlichkeit mit real existierenden Ringier-CEOs ist übrigens zufällig.

Wie entstand die Idee, einen Pendler-Knigge herauszugeben?

Die Idee wurde an mich herangetragen: Die «Beobachter-Edition», bekannt für Ratgeber-Klassiker zu Themen wie Recht, Geld, Arbeit und Gesundheit, hat mich angefragt, ob ich einen Pendler-Knigge schreiben würde. Die Idee hat mir sofort gefallen. Schliesslich höre ich seit 10 Jahren täglich, wo dem Pendler und der Pendlerin der Schuh drückt. Besonders gefällt mir, dass der Pendler-Knigge durch seine humorvolle Art, das Augenzwinkern und die tollen Illustrationen von Daniel Müller aus dem Raster der normalerweise eher trockenen, seriösen Ratgeber fällt.

Nennen Sie uns Ihre drei Lieblings-Pendler-Gebote?

Das Nachvollziehbare:
Gebot 57: Du sollst keine Gespräche mit «Ich törfs ja eigentlich niemerem säge, aber…» beginnen.

Das Zeitgemässe:
Gebot 81: Du sollst SMS und Mails nicht während dem Aus- und Einsteigen schreiben.

Das Unerwartete:
Gebot 94: Du sollst keine Joghurtbecher auskratzen.

> SRF, Franziska von Grünigen
> Katja Walter (Wikipedia)
> Blick am Abend, Kolumnen
Der Pendler-Knigge. 99 Gebote für den ÖV (Beobachter-Edition)

Leute wie du und ich

Natalie Imboden (*1970) ist Grossrätin und Co-Präsidentin der Grünen Kanton Bern. Die langjährige Gewerkschaftssekretärin setzt sich für die «kleinen Leute» ein. Zusammen mit dem Mieterverband kämpft sie heute für mehr bezahlbare Wohnungen.

Frau Imboden, als Gewerkschaftssekretärin haben Sie es mit Arbeiterinnen und Arbeiter zu tun, beim Mieterverband mit Mieterinnen und Mieter. Gibt es Unterschiede?

Natalie Imboden: Es ist ähnlich, da es bei der Gewerkschaft und dem Mieterverband darum geht, dass Leute wie du und ich zu ihrem Recht kommen und gute Wohn- und Arbeitsbedingungen haben.

Was sagen Sie zu Lohngleichheit für Frauen?

Es ist wirklich ein Skandal, dass Frauen trotz Gesetz und Verfassung immer noch weniger verdienen als ihre Kollegen. Und dazu kommt noch, dass sie weniger Karrierechancen haben, häufiger Teilzeit arbeiten und damit auch im Alter schlechter abgesichert sind. Es ist ein kollektiver Geldraub an den Frauen und inakzeptabel. Die Mini-Gesetzesrevision, die im Moment im Parlament ist, ist nur ein Tropfen auf den sehr heissen Stein. Da hilft nur ein Frauenstreik, der ja für den 14. Juni 2019 geplant ist. Ich freue mich auf einen kreativen und kraftvollen Tag und hoffe, dass er genügend Druck auf die Politik und Wirtschaft macht.

Und zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie?

Zwar gibt es heute mehr Krippen und Teilzeitstellen. Aber an der traditionellen Verteilung mit Frauen haben Teilzeitjob und Fulltime bei Familienarbeit versus Männer mit Vollzeitjob und Teilzeit Familienarbeit hat sich erstaunlich wenig geändert. Bezahlte und unbezahlte Arbeit muss endlich gerecht aufgeteilt werden!

Was ist Ihre Meinung zum Hitzesommer 2018?

Einerseits war es ein toller Sommer, aber die ausgetrockneten Flüsse, dürren Felder und schmelzenden Gletscher haben eindrücklich gezeigt, dass es allerhöchste Zeit ist, dass wir unserem Planeten mehr Sorge tragen und endlich wirksamen Klimaschutz machen. Die Erde gehört nicht uns und soll auch für unsere Enkelkinder noch bewohnbar sein, und zwar im Norden wie im Süden der Erdkugel!

> www.natalieimboden.ch

Die Verlegerin

Dr. Ellen Ringier ist Präsidentin der Stiftung Elternsein und Herausgeberin des Schweizer Eltern-Magazins «Fritz und Fränzi».

Frau Dr. Ringier, Sie haben das Elternmagazin «Fritz und Fränzi» ins Leben gerufen. Was ist das Ziel des Magazins?

Ellen Ringier: Wir verfolgen zwei Ziele: Zum einen möchten wir unter dem Stichwort «Elternbildung», den Eltern möglichst viel Wissen zur Bewältigung der zusehends anspruchsvoller werdenden Erziehungsaufgabe vermitteln.
Zum anderen geht es uns auch darum, die Öffentlichkeit zum Thema «Erziehungsaufgabe» zu sensibilisieren, eine Aufgabe, die viel zu wenig geschätzt wird.

Mit Ihrer Stiftung «Elternsein» unterstützen Sie Familien. Weshalb interessiert Sie vor allem das Thema «Familie»?

Ich bin der Auffassung, dass die wichtigsten Eigenschaften eines Menschen, der ja auch Mit-Bürger ist, im Sozialverhalten liegen. Empathie, Rücksichtnahme, Respekt etc. sind Eigenschaften, die man zu Hause in der Familie lernt. Die Funktionstüchtigkeit der Familie ist damit ein zentrales Element mit Bezug auf das Gelingen eines friedlichen Zusammenlebens in einer Gesellschaft.

Woher kommt dieser Wunsch, anderen zu helfen?

Ich bin unendlich dankbar dafür, dass mich der Storch nicht über Syrien abgeworfen hat! Ich könnte mein Glück nicht geniessen, wenn ich andere daran nichts teilhaben lassen könnte …

Sie waren immer eigenständig, haben sich bewusst dafür entschieden Ihre Projekte ohne die finanzielle Hilfe Ihres vermögenden Mannes durchzuziehen. Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?

Was hat man als Enkelin für ein Glück, wenn man einen Grossvater hat, der schon vor 67 Jahren der Meinung war, Töchter beziehungsweise Enkelinnen sollten nicht von einem Mann abhängig sein!
Und: Bin ich eine Feministin, wenn ich von Frauen infolge ihrer Empathiefähigkeit ausgesprochen viel halte?

Was halten Sie von Frauenquoten?

Wenn sich die Männerwelt der Partizipation von Frauen auf allen politischen und wirtschaftlichen Ebenen widersetzen, wird man zum letzten Mittel greifen müssen, der Frauenquote.

Und noch eine Frage zum Schluss: Welche inspirierenden Frauen sollten unsere Leser_innen kennen?

Eleanor Roosvelt, Golda Meir, Indira Ghandi genauso wie Sophie Scholl oder Rosa Luxemburg, alles Frauen mit dem Mut, den Lauf der Geschichte gestalten zu wollen. Heute zolle ich Angela Merkel Respekt für ihre unaufgeregte Hingabe an ihre Aufgabe. Der Kreis der beeindruckenden Frauen von früher und heute ist zu gross, ich muss passen!

©Foto: Dr. Ellen Ringier

> Stiftung Elternsein
> Fritz und Fränzi

Die Filmemacherin

Güzin Kar hat als Regisseurin und Drehbuchautorin diverse Preise gewonnen. Sie schreibt Kolumnen und Bücher – die wochenlang auf den Bestsellerlisten stehen, macht mit bei Fernsehsendungen oder als Podiumsteilnehmerin. Güzin Kar war 2018 Jurypräsidentin des Treatment Awards (Zürich Film Festival). Ihre Serie «Seitentriebe» hat den diesjährigen European Script Award für das innovativste Drehbuch zu einer Serie gewonnen … und weiteres mehr.

Frau Kar, Sie haben die besten Ideen! Tragen Sie ein Notizbuch bei sich, wo Sie aufkommende Einfälle festhalten, damit sie nicht verloren gehen? Und woher kommt Ihre enorme Schaffenskraft. Was ist es, was Sie antreibt?

Güzin Kar: Beim Filmen und Schreiben geht es selten um gute Ideen als vielmehr um deren Umsetzung. Ideen hat man täglich, aber an einer Geschichte dranzubleiben, Phasen der Lust- und Orientierungslosigkeit auszuhalten, erfordert mehr als gute Einfälle. Der Antrieb kommt nicht nur aus den Geschichten selber, sondern auch aus den Arbeitsbedingungen. Ich halte gute Verträge für einen essenziellen Antrieb. Es ist mir wichtig, für meine Arbeit nicht nur mit Worten wertgeschätzt zu werden. Ausserdem achte ich nach Möglichkeit darauf, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die einem keine Energie rauben, sondern unterstützend wirken.

Foto: Barbara Sigg

> www.guzin.ch

Die Kämpferin

Abassia Rahmani verlor mit 16 Jahren wegen einer Erkrankung beide Unterschenkel. Heute, zehn Jahre später, sprintet sie an der Para-Leichtathletik-EM in Berlin um einen Podestplatz. Die Geschichte einer unermüdlichen Kämpferin.

Startschuss an der EM 2016: Abassia Rahmani kommt viel zu langsam aus den Blöcken. Doch nach wenigen Metern nimmt sie Tempo auf, überholt eine Sprinterin nach der anderen. Diese Medaille gehört mir!, denkt sie. Federnden Schrittes fliegt sie als Dritte über die Zielgerade. 100 Meter in 14,78 Sekunden. Bronze!

Zwei Jahre später: Abassia Rahmani (26), durchtrainiert, dunkler Teint, lange dunkle Haare, schwarze Augenbrauen über den grossen Augen, mit einem kleinen, silbernen Nasenring und äusserst charmantem Lachen, sitzt vor dem Training in der Kabine der Leichtathletikanlage Deutweg in Winterthur ZH und blickt zurück. Noch vor zehn Jahren habe nichts darauf hingedeutet, dass sie mal an internationalen Wettkämpfen für Menschen mit Handicap um Bestplätze kämpfen würde.

Die Tochter eines Algeriers und einer Schweizerin wuchs in Wila ZH auf, fuhr Snowboard, ritt mit dem Pferd aus, turnte und machte eine kaufmännische Lehre im SBB-Reisebüro. Sie führte das Leben einer ganz normalen Jugendlichen. Bis zu dem Tag, als ein paar – zu Beginn leicht grippeähnliche – Symptome ihr ganzes Leben auf den Kopf stellten.

Eine folgenschwere Diagnose

Meningokokken, lebensbedrohliche Bakterien, lösen bei ihr eine heimtückische Blutvergiftung aus. Die Ärzte versetzen sie ins künstliche Koma. «Die Schmerzen waren zu gross. Mein Kreislauf wäre sonst kollabiert.» Als sie erwacht, sind beide Unterschenkel amputiert – eine lebensrettende Notfallmassnahme. Für die junge Frau beginnt ein langer Weg in ein neues Leben.

Als sie allmählich aus dem Loch herausfindet, das die Krankheit neben all den Zeichen an Beinen, Fingern und Schultern hinterlässt, sagt sie sich: «Entweder gibst du jetzt Gas, oder du lässt es bleiben.»
Die kämpferische Abassia Rahmani entscheidet sich für die Vollgasvariante. Sie gewöhnt sich langsam an ihre Beinprothesen. Erst kann sie nur fünf Minuten lang damit gehen und muss sich gleich wieder setzen. «Wenn du über Monate nur liegst, sind alle Muskeln weg.» Schon den Arm zu heben, ist zu Beginn ein Problem. Schritt für Schritt kämpft sie sich mit Kraft- und Fitnesstraining vom Leben im Rollstuhl zurück in die aufrechte Haltung. Sie fokussiert voll auf ihren Lehrabschluss als kaufmännische Angestellte. «An Leistungssport war damals noch nicht zu denken.»

Zwei Paar Beine zum Wechseln

Heute sind die Beinprothesen ihre besten Freunde. Zwei Paar besitzt sie: eins für den Alltag und eins – die «schönen Beine» – mit verstellbaren Füssen, das ihr sogar erlaubt, hohe Schuhe zu tragen. «Der Unterschied zwischen mir und den meisten anderen ist, dass ich am Morgen nicht meine Schuhe, sondern meine Beine anziehe», sagt sie lachend. Die Prothesen schmerzen auch nicht, wie viele Leute meinen. «Das Gewicht wird an den Knien aufgefangen. Es ist, als würde man in einen Schuh schlüpfen.» Allerdings sei das Rennen mit Alltagsprothesen gewöhnungsbedürftig: «Es fühlt sich an, wie wenn man mit Skischuhen auf den Bus rennt. Es geht zwar, sieht aber nicht sehr elegant aus.»

Im Wartesaal beim Orthopädietechniker entdeckt sie die Ausschreibung für ein Training mit Heinrich Popow: Der deutsche Athlet ist oberschenkelamputiert – und 100-Meter-Sieger der Paralympics 2012 in London. Rahmani meldet sich an. Vor Ort darf sie die federleichten Sprintprothesen aus Karbon testen: «Als ich damit über die Bahn sprintete, war plötzlich die Leichtigkeit von vor der Operation zurück», erzählt sie strahlend.

Statt in die Ferien zu fahren, legt sie ein Jahr lang all ihr Geld zur Seite: 14’000 Franken – die Karbonblades kosten so viel wie ein Kleinwagen. Cheetah heissen sie; das englische Wort bedeutet übersetzt Gepard. Und tatsächlich: Die Federn erinnern an die Hinterbeine der schnellsten Raubkatze der Welt. «Wenn ich damit über die Rennbahn sprinte, kann ich den Kopf komplett abschalten. Ich spüre den Wind im Gesicht und die Geschwindigkeit, das ist für mich pure Freiheit.»

Laufen lernen wie ein kleines Kind: Im Jahr 2014 beginnt sie in der Leichtathletik-Vereinigung Winterthur zusammen mit Athletinnen und Athleten ohne Handicap zu trainieren. «Ich fühle mich extrem wohl hier», sagt sie. Anfangs muss sich Rahmani erst mal an die Rennfedern gewöhnen – was technisch sehr anspruchsvoll ist, wie ihr Trainer Georg Pfarrwaller bestätigt: «Sie musste mit den Blades laufen lernen wie ein kleines Kind.»

Mehr Muskeln für härtere Blades

Langsam fasst sie Vertrauen ins Material, kann sich zu härteren Blades vortasten. Der Härtegrad der Blades bemisst sich nach Körpergewicht und Muskelkraft, und je härter die Federn, desto besser die Vorwärtskraft. Das bedeutet: Je stärker Rahmanis Körper, desto härtere Blades kann sie tragen. Deshalb geht sie im Kraftraum stets ans Limit. «Abassia hat sich in den Kopf gesetzt, Profisportlerin zu werden», sagt ihr Trainer, «und wenn sie etwas im Sinn hat, zieht sie es durch.»
Unterdessen trainiert sie sechs Mal pro Woche, insgesamt 12 bis 16 Stunden. Ihr 70-Prozent-Pensum als kaufmännische Angestellte ermöglicht es ihr, um drei Uhr nachmittags Feierabend zu machen.Danach feilt sie auf der Rennbahn oder im Kraftraum an ihrem grossen sportlichen Traum: ein Podestplatz an den Paralympics. Möglich machen das auch ihre Sponsoren.

Und der eiserne Einsatz zahlt sich aus: An den Paralympics in Rio 2016 erlebt sie ihr zweites grosses Highlight mit dem vierten Rang im 200- Meter-Schlusslauf. Und an der WM in London 2017 sprintet sie über 400 Meter erneut auf Rang vier. An beiden Rennen verbessert sie ihre persönlichen Bestzeiten, trotz einer leichten Knieverletzung und der Nervosität, die sie bisher nie ganz abschütteln konnte: «Ich bin in den Stadien mit Tausenden von Zuschauern auf der Tribüne vor jedem Wettkampf leicht nervös. Doch das gibt mir den nötigen Adrenalinkick fürs Rennen.»

Am 20. und 25. August tritt sie zu den Leichtathletik- Europameisterschaften in Berlin an – ihr Saisonhöhepunkt. «Ich bin parat, fit und so stark wie noch nie!», sagt sie selbstbewusst. Beim Spitzenathletik-Meeting in Luzern ist sie kürzlich mit 13,63 Sekunden über 100 Meter ihre persönliche Bestzeit gelaufen. «Mein grösstes Ziel sind allerdings die Paralympics in Tokio 2020. Dort will ich auch aufs Podest.» Sagts und verabschiedet sich fürs Training in den Kraftraum.

Text: Daniela Schweger
Titelfoto: Marcus Hartmann
Zweites Foto: Olivier Pagés
Dieser Text erschien am 29.10. 2018 im Migros-Magazin.

Hebammen im Flüchtlingscamp

Eliane Reust (*1985) und Laura Alemanno (*1987) betreuen schwangere Frauen und junge Mütter, die sich auf der Flucht befinden. In ihrem ersten Einsatz fuhren die Hebammen mit ihrer mobilen Praxis quer durch Serbien, nun befinden sie sich in Athen und arbeiten unter anderem in diversen Flüchtlingscamps rund um die Stadt.

Frau Alemanno, Frau Reust, Sie betreuen schwangere Frauen in Flüchtlingscamps. Was gehört zu Ihren Aufgaben?

Wir arbeiten in zwei verschiedenen Camps ausserhalb von Athen. In Oinofyta bieten wir einmal pro Woche Schwangerschafts- und Wochenbettkontrolle an. In Skaramagas stehen wir den Frauen für Fragerunden zu verschieden Themen zur Verfügung. Die Fragen von Frauen auf der Flucht klingen ähnlich, wie diejenigen von Frauen in der Schweiz: Frauengesundheit kommt zur Sprache, Familienplanung, Zyklus der Frau, Stillen oder Ernährung des Kleinkindes. Tatsächlich können die schwierigen Verhältnisse jedoch nur schon die Beschaffung von Binden oder Babynahrung zum Hürdenlauf machen.

An zwei weiteren Tagen pro Woche haben wir Hebammensprechstunde bei einer lokalen und stationären Organisation hier in Athen. Je nach Nachfrage bieten wir dort auch einen Geburtsvorbereitungskurs an.

Ansonsten betreuen wir die Mütter und ihre Neugeborene in den Appartements, die ihnen von kleineren oder grösseren Organisationen zur Verfügung gestellt werden. Oft fehlt es den Familien an allem und wir können sie mit dem Nötigsten unterstützen, wie zum Beispiel Hygienematerial, Decken oder Kleidung für das Neugeborene. Stillende Mütter, die über keinerlei Mittel verfügen, unterstützen wir auch mal mit Essens-Paketen.

In Athen gibt es unzählige grössere und kleinere Squats, inoffizielle Unterkünfte, in denen viele der geflüchteten Menschen vorübergehend untergebracht worden sind. Wenn es die äusseren Gegebenheiten erlauben, steht der MAMbrella Bus vor diesen Squats und bietet auch dort den Frauen neben Materialausgabe auch Schwangerschafts- und Wochenbettkontrollen an.

Das tönt nach sehr viel Arbeit.

Ja, der Bedarf an Hebammenbetreuung ist sehr gross und die Tage haben für uns zu wenig Stunden.

Bieten Sie in Ihrer mobilen Hebammenpraxis auch Geburtshilfe an?

Nein, das wäre nicht umsetzbar und aufgrund unserer momentan verfügbaren Mittel gefährlich und unprofessionell. Die Kommunikation mit den Schwangeren ist nicht immer einfach. Wir haben in den meisten Fällen keinerlei Dokumente über die Schwangerschaft oder die Gesundheit der Frauen. Oft sind wir dankbar, wenn wir überhaupt Wissen, wann in etwa der errechnete Geburtstermin ist. Deshalb konzentrieren wir uns hauptsächlich auf Schwangerschaftsbetreuung, Geburtsvorbereitung, Wochenbettkontrollen und Stillberatung.

Woher stammen die Frauen, die zu Ihnen kommen? Benötigen Sie für die Verständigung Dolmetscherinnen?

Die meisten Frauen, die wir bisher betreut haben, kommen aus Syrien. Doch wir betreuen auch Frauen aus Afghanistan, Kurdistan, dem Irak, Palästina und Marokko. Die Frauen sprechen in den meisten Fällen ausschliesslich ihre Muttersprache und können, wenn dann, nur wenig Englisch. Durch Zufall haben wir eine junge Kurdin kennengelernt, die unter anderem Arabisch, Farsi und Sorani spricht. Sie ist ebenfalls mit ihrer Familie vor Jahren aus dem Iran geflüchtet und hat in diversen Camps auf der Balkanroute gelebt, bevor sie in Athen angekommen ist. Die junge Frau begleitet uns in die Camps und auf den Hausbesuchen. Ohne Sie wäre unsere Arbeit praktisch unmöglich.

Wie gehen Sie mit dem Erlebten um? Und mit kulturellen Unterschieden?

Ich glaube, wir werden erst zu Hause, in der wohlbehüteten Schweiz realisieren, was wir alles erlebt, gesehen und erfahren haben. Zurzeit sind wir Mittendrin und werden mit Geschichten und Eindrücken überhäuft.
Die kulturellen Unterschiede machen unsere Arbeit jedoch auch spannend. Wir sind gezwungen, über den Tellerrand zu blicken und unsere Ansichten mit denjenigen von Frauen aus anderen Kulturgebieten zu verbinden. Als Hebammen können wir ihnen unser erlerntes Handwerk weitergeben. Was wir über Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett wissen, haben wir an einer Hochschule erlernt. Das Wissen dieser Frauen ist oftmals aus traditionellen Erfahrungen in ihren Herkunftsländern entstanden. Auch wir lernen dazu. Unser Wunsch ist, dass unsere Betreuung einen positiven Einfluss auf ihr Mutter-Werden und Mutter-Sein hat. Diese Arbeit verlangt von uns viel Sensibilität und Offenheit, was zeitweise auch herausfordernd sein kann.

Arbeiten Sie mit anderen Institutionen zusammen? Und wie finanziert sich das Projekt?

Die Startphase finanzierten wir letztes Jahr mit einer Crowdfunding-Aktion. Dank dieser Spenden konnten wir die mobile Hebammenpraxis anschaffen. Nun unterstützen uns unter anderem Grossfirmen wie Farfalla und Ardo. Zwei Kirchgemeinden im Raum Bern und Zürich, die ZHAW und diverse Frauenvereine führen immer wieder Sammelaktionen für MAMbrella durch.
Auch verschiedene Spitäler und eine Arztpraxis in Basel haben uns mit Material für den Einsatz versorgt. Den grössten Teil unserer Sach- und Geldspenden erhalten wir jedoch von Privatpersonen. Wir sind all diesen Menschen unglaublich dankbar für die grosszügige Unterstützung. Zum Beispiel wurde an einem Geburtstagsfest an die Schicksale der Frauen auf der Flucht gedacht. Anstelle eines Geschenks wünschte sich das «Geburtstagskind» eine Spende an unseren Verein. Das Interesse und die Unterstützung all dieser Menschen rührt uns sehr und wir sind sehr froh darum.

Wie lange bleiben Sie noch in Athen?

Wir werden bis vor Weihnachten fix in Athen bleiben und dann im 2019 immer wieder für Einsätze zurückkehren. Während den letzten Wochen haben wir viele Kontakte mit lokalen Organisationen und Personen die sich hier engagieren hergestellt. Dort werden wir jeweils wieder anknüpfen können, wenn wir vor Ort sind. Ausserdem sind wir mit einigen griechischen und Schweizer Hebammen im Gespräch, die uns in der Arbeit ergänzen und unterstützen könnten, sodass der MAMbrella-Bus auch rollt, wenn wir beide nicht gerade vor Ort sind.

www.mambrella.ch

Die Feministin

Franziska Schutzbach ist Mitglied der Gleichstellungskommission Basel-Stadt. Sie arbeitet als assoziierte Forscherin an der Uni Basel und lehrt an verschiedenen Universitäten.

> Webseite von Franziska Schutzbach

Ausnahmsweise veröffentlichen wir hier kein Interview sondern verlinken auf ein Gespräch von Franziska Schutzbach mit der TagesWoche.

Titelbild: Nick Lobeck

Die Bezirksrichterin

Andrea Waldner-Vontobel (*1982) ist Bezirksrichterin am Bezirksgericht Hinwil. Ausserdem engagiert sie sich in Arbeitsgruppen am Obergericht im Bereich Familienrecht. Die Richterin ist erst kürzlich Mutter eines Sohnes geworden.

Frau Waldner-Vontobel, ist das heutige Familienrecht zeitgemäss?

Andrea Waldner-Vontobel: Familienmodelle ändern sich stets. Während noch vor wenigen Jahren die klassische Familie darin bestand, dass der Vater arbeiten ging und die Mutter für die Kinder sowie den Haushalt zuständig war, bestehen heute zahlreiche verschiedene, vollständig akzeptierte Rollenmodelle: Die klassische Hausfrauen gibt es nach wie vor, aber heute sind auch Hausmänner durchaus am Werk. Typisch für unsere Zeit ist die sogenannte Zuverdiener-Ehe, bei der der eine Elternteil 100 % arbeitet, der andere Teilzeit. Auf Grund der besseren ausserfamiliären Betreuungsmöglichkeiten ist ein höheres Pensum möglich als früher. Daneben nimmt aber auch die Anzahl Eltern zu, welche beide nur Teilzeit arbeiten (dafür in höherem Grade).
Nebst den verschiedenen Arbeitsmodellen, die Einfluss auf das Familienleben haben, ist aber auch die Familienzusammensetzung heute nicht mehr homogen: Es gibt Patchwork-Familien, Regenbogen-Familien und eine stattliche Anzahl Familien, bei denen Vater und Mutter nicht mehr zusammen leben.
All diesen verschiedenen Lebensformen muss das heutige Familienrecht gerecht werden und das ist für den Gesetzgeber nicht einfach. Das Gesetz muss möglichst «schlank» gehalten werden. Entsprechend liefert es auch nicht für jede Konstellation die erhoffte Antwort. Es ist alsdann Sache der Rechtsprechung, dem Einzelfall Rechnung zu tragen.

Das heutige Familienrecht wurde erst kürzlich revidiert: Zum einen wurde die gemeinsame elterliche Sorge als Regelfall eingeführt, zum anderen das Unterhaltsrecht komplett überarbeitet und der sogenannte Betreuungsunterhalt eingeführt. Dass das Familienrecht der Realität naturgemäss etwas hinterher hinkt, ist klar: Zuerst muss sich etwas in der Gesellschaft ändern, bevor sich eine Gesetzesanpassung rechtfertigt, beziehungsweise auch angenommen wird.
Es ist Sache der Gerichte, dieses Familienrecht zeitgemäss umzusetzen und dafür zu sorgen, dass es dem Einzelfall bestmöglich gerecht wird.

Wie ist Vereinbarkeit von Beruf und Familie in diesem Beruf?

Wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für mich persönlich sein wird, werde ich erst nach dem Mutterschaftsurlaub erfahren. Indes bin ich in der privilegierten Lage, mein Pensum auf 50 % reduzieren zu können, ohne, dass sich damit meine Arbeit an und für sich ändern wird. Ich werde in dieser Zeit einfach weniger Fälle und Verhandlungen bestreiten können. Mein Beruf bleibt somit weiterhin abwechslungsreich, spannend und herausfordernd. Das schätze ich sehr.

www.gerichte-zh.ch

Balletttänzerin

Lou Spichtig (21) tanzt, seit sie vier Jahre alt ist. Mit sechs ging sie sechsmal pro Woche ins Balletttraining und mit neun Jahren nahm sie an Wettbewerben teil. Sie hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Zurzeit ist sie beim Queensland Ballet in Australien engagiert.

Frau Spichtig, was bedeutet Ihnen das Balletttanzen?

Das Tanzen gehört zu mir wie ein Körperteil. Es ist meine vierte Sprache und ein grosser Teil meiner Identität. Ich werde oft gefragt, ob mir das Balletttanzen die Kindheit geraubt hat. Ich würde sagen: Ganz im Gegenteil. Ich war immer glücklich! Und es hat mir mein jetziges Leben ermöglicht. Dank dem Tanz habe ich viele Dinge erlebt, Länder kennengelernt und Menschen getroffen, von denen ich mit einem «normalen» Werdegang nur hätte träumen können.

Woraus besteht das Training einer Balletttänzerin?

Wir arbeiten täglich von 10 bis 18 Uhr, montags bis freitags. Der Tag beginnt mit eineinhalb Stunden Ballettunterricht, danach wird in unterschiedlichen Zeitblöcken geprobt, unterbrochen durch einer Stunde Mittagspause. Finden Vorstellungen statt, arbeiten wir meistens bis 23 Uhr mit einer längeren Pause am Nachmittag. Wie viele Stunden jemand zusätzlich in den Beruf investieren möchte – sei es mit Konditionstraining, Krafttraining, Pilates, Yoga, alleine im Studio oder vor dem Computer – ist ihm selbst überlassen.

Wie bringen Sie Grazie und Ausdruck in alle Bewegungen?

Von Kindheit auf üben wir dieselben Schritte. Die Grazie des klassischen Tanzes kommt dabei von alleine zum Ausdruck. Sehr schnell einmal wird sichtbar, wem die Finesse, die der klassische Tanz benötigt, gegeben ist.

Tanzen Sie auch moderne Tanzstile?

Ja, während meiner Ausbildung an der Tanzakademie Zürich wurde viel Aufmerksamkeit auf moderne Tanzlektionen gelegt. Das gab mir eine gute Basis für mein erstes Engagement am Ballett Zürich, wo viele bemerkenswerte moderne und neoklassische Stücke aufgeführt werden. Das Repertoire des Queensland Ballets umfasst vorwiegend klassischer Tanz, aber auch moderne Stücke.

Haben Sie auf der Bühne noch Lampenfieber?

Nein, höchstens ein Kribbeln im Bauch, bevor ich auf die Bühne trete. Als Teenager litt ich stark darunter. Damals war ich kurz davor aufzugeben, weil mir das Tanzen im Rampenlicht so viel Kraft kostete. Erst als ich Mitglied einer Kompanie wurde und nicht mehr ständig im Vordergrund, sondern in der hintersten Reihe der Gruppe stand, kaum sichtbar, lernte ich, entspannt zu tanzen. Heute ist jeder Augenblick auf der Bühne die Belohnung für die Arbeit im Studio.
Wenn jemand, den ich persönlich kenne, im Publikum sitzt, freue ich mich ganz besonders. Dann habe das Gefühl, nur für diese Person zu tanzen!

Eine Tanzkarriere dauert manchmal nur kurz. Ist es als Ballerina möglich, Mutter zu werden? Oder ist mit der Schwangerschaft die Karriere beendet?

Klar ist es möglich! In den meisten Kompanien sind viele Tänzerinnen auch Mütter.
Ein Kinderwunsch bedeutet nicht gleich das Ende einer Karriere, aber eine riesige Umstellung muss es bestimmt sein.

Was ist ihr grösster Wunsch für die Zukunft?

Ich hoffe, später einmal, auf eine erfüllende Karriere zurückblicken zu können. Klar möchte ich grosse Rollen tanzen, aber wichtiger als Ruhm sind für mich die vielen kleinen Momente, die mein Leben als Tänzerin ausmachen und meistens die schönsten sind.
Nach meiner Zeit auf der Bühne will ich mich für die Schweizer Tanzszene einsetzen. Am liebsten würde ich die Direktion der Akademie übernehmen, an der ich ausgebildet wurde. Wichtig dabei ist mir, dass die Schule weiterhin Kinder, die in der Schweiz leben, auf eine Zukunft in der Ballettwelt vorbereitet. Das sicherzustellen ist mir ein Anliegen.

> Lou Spichtig, Queensland Ballet
> Tanzakademie Zürich