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Gleichstellen

Prof. Dr. Lucia Lanfranconi (*1983), ist Dozentin und Projektleiterin an der HSLU und selbstständige Expertin/Workshopleiterin für Lohngleichheit und Geschlechtergleichstellung. Aktuell absolviert sie einen Forschungsaufenthalt an der UC Berkeley School of Social Welfare.

Frau Lanfranconi, zusammen mit Ihrer Schwester Romana Lanfranconi und ihrem Team (VOLTAFILM, Luzern) haben Sie den Dokfilm «Gleichstellen – eine Momentaufnahme» produziert. Worum geht es in diesem Projekt? Wer soll damit angesprochen werden?

Lucia Lanfranconi: Das Ziel von www.gleichstellen.ch ist es, die Diskussion über die Gleichstellung von Frau und Mann in der Arbeitswelt zu fördern und Massnahmen zur Verbesserung der Gleichstellung anzuregen. Ansprechen, wollen wir alle: Frauen wie Männer, Arbeitnehmende, wie Arbeitgebende. Denn: Gleichstellung geht uns alle an! Im Film «Gleichstellen – eine Momentaufnahme» zeigen wir daher verschiedene Perspektiven auf das Thema: Eine Angestellte übernimmt nach ihrem Mutterschaftsurlaub eine andere Aufgabe und erhält dafür weniger Lohn. Eine Personalchefin bedauert, dass nur ein einziger Mann in der Pflege ihres Altersheim arbeitet. Ein Arbeitgeber sagt, er wäre bereit, mehr Männern eine Teilzeitarbeit anzubieten, aber die Männer würden nicht danach fragen. Der Einblick in den Alltag von zwei Unternehmen soll unbewusste Mechanismen sichtbar machen und zu Diskussionen zum Abbau von Hindernissen bezüglich Lohngleichheit, Karriere, Elternschaft oder Teilzeitarbeit motivieren.

Wie lässt sich Gleichstellung erreichen? Das Gleichstellungsgesetz scheint nicht wirklich zu greifen. Immer noch sind Männer die Haupternährer von Familien, weil ihre Löhne höher sind als diejenigen der Frauen. Also arbeiten Frauen Teilzeit, oft in «Frauenberufen», die schlecht bezahlt sind. Wie liesse sich dieser Kreislauf unterbrechen?

Das Schweizerische Gleichstellungsgesetz ist zwar im internationalen Vergleich ein relativ «griffiges» Instrument in Bezug auf Klagen gegen Diskriminierung vor dem Gericht. Jedoch wissen wir spätestens seit der Evaluation des Gleichstellungsgesetzes vor mehr als 10 Jahren, dass Klagemöglichkeit zur Durchsetzung des Gleichstellungsgebotes, wie es in Verfassung und Gesetz seit bald 40 resp. mehr als 20 Jahren verankert ist, nicht ausreicht. Es braucht zusätzliche Durchsetzungsmechanismen. Die Selbstkontrolle der Unternehmen im Bereich der Lohngleichheit ist ein erster sehr wichtiger Schritt. Um die Chancengleichheit von Frauen und Männern im Erwerbsleben wirklich zum Durchbruch zu verhelfen (tatsächliche Chancengleichheit bei Verteilung von Aufgaben, Führungspositionen, Möglichkeit zur Teilzeitarbeit, etc.) braucht es weitere verbindliche Massnahmen in Unternehmen (interessierte Unternehmen können sich zum Beispiel hier inspirieren und hier zertifizieren lassen). 
Darüber hinaus braucht die Schweiz bessere familienpolitische Strukturen: Vaterschafts- und Elternurlaub, mehr subventionierte Kita-Plätze etc. Neben diesen Massnahmen, können und müssen auch die Frauen und Männer ihren Beitrag leisten: Je mehr Männer auch ihre Aufgabe in den Familien nachgehen und zum Beispiel Teilzeitarbeit für die Betreuung von Kindern oder betagten Eltern einfordern und je mehr Frauen aktiv höheren Lohn und gute Positionen einfordern umso mehr kann der Wandel gelingen. Daher: Gleichstellung geht uns alle an!

Was denken Sie, warum lassen sich althergebrachte Strukturen nur so langsam verändern?

Das hat verschiedene Gründe: Organisationen wie Unternehmen und z.B. ihre gewachsenen Lohnstrukturen und -systeme sind relativ träge: Sie wandeln sich nur langsam. Sowohl auf der Ebene der ganzen Schweiz, wie auch innerhalb eines einzelnen Unternehmens reicht es nicht aus festzuschreiben, dass man die Gleichstellung von Frauen und Männern erreichen will. Es braucht auf beiden Ebenen weitere Massnahmen und den tatsächlichen Willen, d.h. auch die nötigen Ressourcen, um die Strukturen effektiv zu verändern. Dies braucht generell Zeit! Und: In der Schweiz gibt es einige Hintergründe, warum dieser Wandel besonders langsam voran geht (im Vergleich zum europäischen Umfeld): z.B. späte Einführung des Frauenstimmrechts, was wiederum mit Föderalismus und direkter Demokratie zusammenhängt, starke Stellung vom Arbeitsmarkt und Vetretern/Vertreterinnen der Arbeitgebenden in der Politik, eher wenig Ressourcen und Macht für gleichstellungspolitische Institutionen etc.

Wann ist Gleichstellung erreicht?

Gleichstellung passiert schon in sehr vielen Momenten: So haben mein Mann und ich uns immer Kinderbetreuung und Beruf selbstbestimmt aufgeteilt und leben gerade aktuell das Modell, dass ich Vollzeit arbeite und mein Mann ganz für unsere drei Kinder und das Haushaltes-Management verantwortlich ist. Es ist schön, dass wir das leben können und dass sowohl mir wie auch meinem Mann viele Leute dazu gratulieren! Gleichstellung wäre aber dann vollständig erreicht, wenn uns niemand mehr dazu gratulieren müsste – weil es einfach normal ist, dass ALLE Frauen und Männer ihr Leben nach ihren Wünschen und Potentialen gestalten würden. Gleichstellung wäre also etwa dann erreicht, wenn alle junge Frauen und Männern ihre Berufswahl und die Entscheidung für eine Familie tatsächlich unabhängig von ihrem Geschlecht treffen könnten … Zudem ist für mich Gleichstellung nicht auf das Geschlecht und auch nicht auf das Erwerbsleben begrenzt. Umfassende Gleichberechtigung oder Gleichstellung wäre erreicht, wenn alle Menschen unabhängig ihrer Hautfarbe, dem Einkommen und der Ausbildung ihrer Eltern, ihrer sexuellen Orientierung und ihrer politischen und religiöser Gesinnung und vor allem unabhängig ihres Passes ihre Leben nach ihren Potenzialen und Wünschen gestalten und Leben könnten! 

Welche Frauen sollten unsere Leserinnen und Leser kennen?

Inspiriert hat mich zum Beispiel Silvia Staub Bernasconi und ja, auch meine Mutter Edith Lanfranconi-Laube und meine Schwester Romana Lanfranconi.

> Gleichstellen: www.gleichstellen.ch
> Verein für Chancen-und Lohngleichheit, Schweiz: www.vclg.ch
> Prof. Dr. Lucia Lanfranconi, Hochschule Luzern

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Video: «Gleichstellen» von VOLTAFILM (Vimeo)

Frauenbuchladen

Anne-Marie Pfister (*1948) eröffnete 1974 den ersten Frauenbuchladen der Schweiz in Basel. Sie war Basler Grossrätin und Gründungsmitglied des Literaturhauses Basel.

Frau Pfister, vor 45 Jahren eröffneten Sie den ersten Frauenbuchladen der Schweiz. Wie kam es dazu? 

1968 wurde ich zwanzig und somit volljährig. Trotzdem durfte ich drei Jahre lang nicht abstimmen – das Frauenstimmrecht in der Schweiz wurde erst 1971 eingeführt. Zuvor war ich lange in Paris gewesen und als ich zurückkam wollte ich mich politisch betätigen, doch das war für Frauen nicht möglich. Diese Situation, für mich damals sehr schwierig zu akzeptieren, war die Grundmotivation für den Frauenbuchladen. Hinzu kam meine Vorliebe für Bücher von Autorinnen.

Wie sah das Angebot Ihres Ladens aus? 

Der Laden war anfangs mehr ein politischer Buchladen. Frauenbücher gab es zu dieser Zeit ja noch nicht so viele. Erst 1975 kam mit «Häutungen» von Verena Stefan der grosse Durchbruch der Frauenbücher im deutschsprachigen Raum. 

Mit der Zeit wurde der Buchladen zu einem Orientierungspunkt. Später gründete ich gemeinsam mit anderen Frauen das Frauenzentrum und das Frauenkafi. 

Inhaltlich haben sich die Themen teilweise geändert. In den letzten Jahren sind viele Wander- und Naturbücher erschienen. Als wir jung waren, war Wandern unter jungen Menschen total verpönt. Doch ich habe neue Themen stets in das gesellschaftspolitische Konzept integrieren können.

Wer waren die Kund_innen?

Die Kunden waren stets gemischt, jedoch eher weiblich. Weil Frauen mehr lesen, ich Bücher zu frauenspezifischen Themen führte und bei mir die Kontaktstelle des Frauenzentrums war.

Was hat der Feminismus in der Schweiz bis jetzt erreicht?

Ich finde, der Feminismus in der Schweiz hat viel erreicht: Ich wuchs ohne Frauenstimmrecht auf, ohne neues Eherecht, ohne Gleichstellungsartikel. Wäre ich als junge Frau verheiratet gewesen, hätte ich meinen Mann fragen müssen, ob ich arbeiten darf. Ich hätte seine Einwilligung gebraucht, um ein Bankkonto zu eröffnen. Hätte er nach Zürich ziehen wollen, hätte ich mit ihm gehen müssen. Ich hätte nicht wissen dürfen, was er verdient …
Ich finde, es hat sich unheimlich viel verändert. Ich gehöre noch zur Generation Frauen, die angezeigt werden konnten, wenn sie unverheiratet mit einem Mann zusammenlebten. 

Heute stehen andere Themen an, zum Beispiel, welche Möglichkeiten es gibt, um Lohngleichheit durchzusetzen. 

Welche Autor_innen und welche Bücher sollten unsere Leser_innen kennen?

Ganz wichtig erscheint mir, dass überhaupt gelesen wird, weil Lesen in jeder Hinsicht weiterbringt. Mit jedem Buch ist es möglich, einen Schritt in eine andere Welt zu machen und sich weiterzuentwickeln.

Wenn ich ein Buch nennen sollte, dann das neu erschienene Buch von Eveline Hasler «Tochter des Geldes» über die Schweizer Kommunistin Mentona Moser. Ein Buch, das thematisch Frausein und Politik verbindet.

Fotos: Nil Fisch

Frauen in der Techbranche


Valérie Vuillerat setzt sich seit vielen Jahren für Diversität in der Technologiebranche ein. 

Frau Vuillerat, was hat Sie in Ihrer Jugend für einen IT-Beruf motiviert?

Ich bin quasi mit dem Computer aufgewachsen. Mein Vater war Informatiker und ich habe früh herausgefunden, dass der Computer mein Leben vereinfacht. So zum Beispiel beim Schreiben von Aufsätzen und beim Erstellen von Präsentationen. Obwohl ich mich ganz und gar nicht zu den Gamerinnen zähle, liebte ich es damals Tetris zu spielen. Als das Internet aufkam, war ich fasziniert davon, wie einfach zugänglich Wissen wurde, auch ohne den Gang zur Bibliothek.

In der Schweiz liegt der Frauenanteil in IT-Berufen bei rund 15 Prozent. Woran könnte das liegen?

Studien zeigen, dass fast 40 Prozent der Personen, die eine MINT-Ausbildung abschliessen (MINT = Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik), weiblich sind. Die Frage ist, wo diese Frauen nach ihrer Ausbildung hingehen. Denn in der klassischen Tech-Branche findet man sie nicht in vergleichbarem Ausmass. 

Der Grund für die Neuorientierung dieser Frauen liegt am Berufsbild und an der Unternehmenskultur in IT-Abteilungen, die sehr männlich geprägt sind. Diversität zu rekrutieren ist nicht schwer. Schwieriger ist es, die Frauen im Beruf zu halten. Da liegt viel Potenzial brach.

Wie könnte das geändert werden?

Um Frauen wirklich zu halten, muss am Mindset, an der Unternehmenskultur gearbeitet werden. Diese wird meistens durch die Unternehmensführung geprägt. Deshalb ist es essenziell, zuerst dort anzusetzen. Solange diejenige die Entscheidungen treffen, die für althergebrachte Strukturen sind, wird sich nichts ändern. Veränderung wird dann möglich, wenn wir mehr Frauen in Führungspositionen bringen und eine Kultur der Inklusion schaffen. Dann wird das Rekrutieren, das Halten und das Fördern von Frauen in der IT einfacher sein als jetzt. Ich habe diese Erfahrung als Chefin der Digitalagentur Ginetta selbst gemacht. Wir hatten schlicht nie Problem, talentierte Frauen zu finden.

Wären Quoten eine Möglichkeit?

Ich würde das sehr begrüssen. Nicht, weil ich Quoten per se cool finde, sondern weil damit in anderen Ländern die Gleichstellung erfolgreich durchgesetzt wurde. In den nordischen Ländern gibt es zum Beispiel kein Gender-Problem mehr in Führungspositionen. Dort sind die Rahmenbedingungen so gut, dass jede Frau arbeiten kann. Temporäre Quoten können uns also helfen, das System schneller zu verändern.

Weshalb sollten Unternehmen weibliche IT-Fachleute einstellen?

Die Belegschaft in der technologischen Entwicklung sollte ähnlich divers sein, wie die Zielgruppe, für welche die Unternehmen ihre Leistungen erbringen. Frauen haben eine andere Sicht auf die Welt als Männer. Deshalb ist es wichtig, gemeinsam Entscheidungen zu treffen und mehr Vielfalt in die Unternehmenswelt zu bringen. Nur so können wir Lösungen entwickeln, die für die ganze Gesellschaft nachhaltig funktionieren. Die IT-Branche ist eine zukunftsweisende Branche. Dort entstehen neue Technologien wie Künstliche Intelligenz oder Blockchain. Gerade im Machine Learning ist es essenziell, dass Systeme nicht nur von Männern lernen. Es kann für uns Frauen sogar sehr gefährlich werden, wenn Künstliche Intelligenz ausschliesslich von Männern gemacht wird. Auch deshalb brauchen wir Diversität.

Aus welchen Gründen entscheiden sich Frauen für eine IT-Stelle? Ist das Klima für Frauen in einem Grossunternehmen oder in kleinen Betrieben angenehmer?

Frauen wollen heute etwas bewirken. Und sie wollen sich weiterentwickeln. Dafür braucht es partizipative Führungskräfte. Chefs die Verantwortung weitergeben, Mitarbeitende unterstützen und fördern. Solche, die auch Fehler zulassen, damit man davon lernen und Erfahrung sammeln kann. Ich denke, es spielt keine Rolle, ob Grossunternehmen oder kleinerer Betrieb. Die Firmenkultur ist entscheidend. Es braucht eine Kultur der Inklusion, sprich Vielfalt soll willkommen sein. Authentizität und Transparenz sind entscheidend.

Wen aus der Techbranche sollten unsere Leser_innen kennen?

  • Xiaoqun Clever, Chief Technology & Data Officer and Group Executive Board Member @Ringier
  • Lea von Bidder, CEO von AVA Women
  • Sandra Tobler, CEO Futurae Technologies AG
  • Ilona Baier, CEO Ginetta AG
  • Cornelia Diethelm, CEO Shifting Society
  • Linda de Winter, Member of Executive Board & Head of Development @Die Post
  • Melanie Kovac, Founder of Master21.academy
  • Marianne Janik, CEO Microsoft Schweiz
  • Anna Jobin, Forscherin an der ETH Zürich
  • Adrienne Fichter, Technologiejournalistin Republik

Valérie Vuillerat und Ihre Geschäftspartnerinnen unterstützen mit Witty Works Techfirmen in der Rekrutierung, dem Halten und Fördern von Techfrauen. witty.works

Feministischer Streik in Basel

Franziska Stier (*1984), ist Mitinitiantin des «Feministischen Streiks Basel».

Frau Stier, am 14. Juni 2019 werden Frauen* in der Schweiz streiken. Erstmals seit 1991.Was soll mit dem Frauen*streiktag erreicht werden?

Franziska Stier:Je intensiver wir diskutieren, desto mehr spüren wir, dass es um tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung geht. Lohngleichheit ist nur der Anfang. Wir wollen diese Welt in ein sicheres Zuhause für alle umbauen. Unsere Forderungen richten sich damit nicht nur an Politik und Wirtschaft, sondern an die gesamte Gesellschaft. Mir persönlich ist die Neuverteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit besonders wichtig. Dazu gehört eine deutliche Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit, damit Frauen* nicht in der Teilzeitfalle hängen bleiben und Männer die Möglichkeit haben, Sorgearbeit zu übernehmen. Aber es geht eben auch darum, Zeit für politische Einmischung und Selbstentwicklung zu haben – ohne schlechtes Gewissen, weil Wäscheberge unerledigt bleiben. Aktuell sorgt die Teilung der Arbeiten für eine Sorgekrise. Notwendige Arbeit wird schlecht oder unbezahlt erledigt – wir Frauen* verlieren deshalb jährlich rund 108 Milliarden Franken. Dieses Geld fehlt nicht nur in unseren Geldbeuteln, sondern auch in unseren Sozialversicherungen. Altersarmut ist damit für viele von uns vorprogrammiert.

Es geht mir also vor allem darum,die Sorge um das Leben und damit auch das Leben der Frauen* ins Zentrum der Gesellschaft zu rücken. Und genau das tun wir bereits, indem wir uns organisieren. Besonders deutlich wurde das am Wochenende des 8. März: Tausende gingen in Genf, Basel und Zürich auf die Strasse, 500 Frauen* versammelten sich einen ganzen Tag in Biel zur Streikkonferenz. Bereits jetzt bleiben Tausende Küchen ungeputzt, weil Frauen und queere Menschen ihre Zeit ins gemeinsame Organisieren investieren, basteln, diskutieren und voneinander lernen. Das zu erleben, stärkt jede Einzelne*.

Wer soll streiken?

Aus meiner Sicht sollten am 14. Juni alle streiken, die sich als Frauen* oder nonbinäre Menschen verstehen. In erster Linie stellt der Streik den Umgang mit unserer Arbeit und unseren Körpern ins Zentrum. Wenn wir unsere Leben aber anders gestalten wollen, dann hat das auch Folgen auf die Leben der Männer. Sie sind also auch gefordert. Ich wäre froh, wenn beispielsweise Krankenpfleger anbieten, ihre Schichten zu tauschen oder Männer Urlaub nehmen, um Kinder und pflegebedürftige Eltern zu betreuen, damit die Arbeitskollegin oder die Partnerin streiken kann. Die meisten Streiks leben davon, dass Arbeit unerledigt bleibt, aber gerade die Bereiche der Sorge um Menschen müssen erledigt werden. Wenn nicht von uns, dann von anderen.
Solidarische Männer können also einen wichtigen Beitrag zum Frauen*streik leisten, wenn sie bei ihren Schwestern*, Müttern*, Freund*innen, Töchtern*, Enkelinnen und Ehefrauen* nachfragen, was sie brauchen, um am Streik teil zu nehmen.

Viele Männer wünschten sich ebenfalls mehr Gleichstellung, wären gerne Hausmänner, doch die heutigen Gesellschaftsstrukturen lassen das nicht zu. Wie lassen sich solche Strukturen verändern?

Wenn wir diese Welt umbauen, dann ändert das auch die Leben der Männer. Gerade die Forderung nach Reduktion der Erwerbsarbeitszeit kommt allen entgegen, denn sie schafft Raum für eine Neuverteilung von Sorgearbeit. Dazu braucht es aber auch den gemeinsamen Willen. Niemand will Kinder, alte oder kranke Menschen jemandem anvertrauen, der keine Lust oder keine Zeit hat, sich um sie zu kümmern. Dabei ist gerade der Zeitmangel eine Realität der Pflegeangestellten. Wir brauchen also eine Gesellschaft, in der Sorge um andere weder zum Burn-out noch zu Armut führt. Arbeitszeitverkürzung, mehr Personal in Sorgeberufen und gute Löhne wären hier ein Anfang. Aber es braucht auch für alle die Möglichkeit, bezahlte Sorgezeiten zu beziehen, die nicht nur die eigenen Kinder, sondern auch die Alten mitdenkt.Alle Schritte in diese Richtung erscheinen mir als guter Weg.

Wen sollten unsere Leser*innen unbedingt kennen?

Alle sollten unbedingt ihre lokalen Streikkollektive kennenlernen. Ihr werdet so inspiriert sein. Es geht aber auch darum,sich selbst und sein eigenes Leben zu kennen. Redet mit Freund*innen, Schwestern, Müttern*, Grossmüttern*, Töchtern, Tanten… über ihre Leben und ihre Wünsche an diese Gesellschaft. In diesen Worten werden wir 1001 Gründe finden, um zu streiken.

Foto: Nils Fisch

www.frauenstreik2019.ch

Eine Frage der Gerechtigkeit

Cécile Bühlmann, frühere Nationalrätin, engagiert sich seit Jahrzehnten für Frauenrechte.

Frau Bühlmann, was hat der Feminismus in der Schweiz bis jetzt erreicht? – Was noch nicht?  

Cécile Bühlmann:Die rechtliche Gleichstellung haben wir feministischen Politikerinnen in den letzten 3 Jahrzehnten erkämpft. Mit der Umsetzung hapert es aber immer noch. Wir sind noch weit weg von der Lohngleichheit, Frauen leisten immer noch die grosse Mehrheit der unbezahlten Carearbeit und Gewalt gegen Frauen ist leider immer noch weit verbreitet.  

Sie setzen sich seit vielen Jahren für Frauenrechte ein. Was war und ist Ihre Motivation für diese Arbeit?

Es ist eine Frage der Gerechtigkeit: Wieso sollen die eine Hälfte der Menschheit nur aufgrund des Geschlechts so viel weniger Einfluss, Einkommen und Vermögen haben als die andere? 

Gibt es ein Thema, das Sie insbesondere beschäftigt hat?

Der Zugang der Frauen zur Politik und zur Arbeitswelt: da fallen die entscheidenden Würfel, die das Leben aller Menschen beeinflussen und da haben die Frauen bis heute weniger zu sagen als die Männer.  

Wie hat der Feminismus Ihr ganz persönliches Leben geprägt?

Die feministische Frauenbewegung ist die nachhaltigste soziale Bewegung in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts und für mich war sie eine richtige persönliche Befreiungsgeschichte: Ich habe die alten, mir anerzogenen Rollenbilder über Bord geworfen und mein Leben nach meinen eigenen Vorstellungen zu leben begonnen!   

Politisieren Frauen anders als Männer?

Alle Untersuchungen zeigen, dass Frauen tendenziell sozialer, ökologischer und weniger fremdenfeindlich politisieren, schon deshalb braucht es mehr Frauen in der Politik.    

Wann wird die Gleichstellung erreicht sein?

Das werde ich wohl leider nicht mehr erleben, das Patriarchat ist langlebiger und resistenter als ich früher dachte.  

Welche Frauen sollten unsere Leser_innen kennen?

Alle starken, unabhängigen Frauen dieser Welt! Danke Internet wissen wir heute mehr voneinander und können uns vernetzen, das gibt Power!

www.cecile-buehlmann.ch

Frauen in Führungspositionen

Dr. Michèle Etienne vermittelt Frauen in Aufsichtsratsgremien.

Frau Etienne, seit über 10 Jahren setzen Sie sich für mehr Frauen in Führungspositionen ein. Was hat sich in dieser Zeit geändert? Was ist unverändert geblieben?

Michèle Etienne: Verändert hat sich ganz klar die öffentliche Aufmerksamkeit und Sensibilität, welche dem Thema Frauen in Führungsfunktionen zu Teil wird. Während heute im öffentlichen Diskurs die Meinung vorherrscht, dass Diversität in Führungsgremien sinnvoll ist, wurden männerdominierte Gremien lange wenig hinterfragt. Im Laufe der Jahre erhöhte sich der Druck und konkrete Forderungen wurden gestellt, wie die Einführung einer Frauenquote. Auch wenn der Frauenanteil in den höchsten Führungsgremien in den letzten Jahren gestiegen ist, kann allerdings noch längst nicht von einer ausgewogenen Vertretung gesprochen werden. Gemessen an der Aufmerksamkeit, welche dem Thema entgegengebracht wird, hat sich zahlenmässig noch zu wenig verändert. 

Welche Gründe gibt es, um Diversität in Verwaltungsräte zu fördern?

Frauen bringen andere Erfahrungshintergründe, Sichtweisen und Führungsstile in ein Gremium ein, und sie wägen Risiken vorsichtiger ab. Dies führt nicht nur zu einer besseren Diskussionskultur und ausgewogeneren Entscheiden, sondern erhöht erwiesenermassen auch die Profitabilität: Zahlreiche Studien untersuchen und belegen diese Korrelation. So sind zum Beispiel laut einer McKinsey-Studie SMI-Unternehmen mit mindestens drei Frauen im Management deutlich profitabler. Die Eigenkapitalrendite und die Gewinnmarge sind in diesen Unternehmen signifikant höher als der Branchendurchschnitt. Frauen sind ein wesentlicher Erfolgsfaktor von Unternehmen; genau so gilt es aber auch auf eine gute Durchmischung betreffend andere Diversitätsdimensionen wie Alter, Herkunft oder Fachkenntnisse zu achten. 

Was denken Sie, weshalb halten sich althergebrachte Strukturen so hartnäckig?

Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Das Gesellschaftsbild, in welchem Frauen primär für die Familie sorgen und keine berufliche Karriere verfolgen, ist in unserer Gesellschaft über Generationen gewachsen und noch immer verankert. Es wäre utopisch zu glauben, dass sich etwas derart Etabliertes in verhältnismässig kurzer Zeit radikal verändert. Die mediale Aufmerksamkeit, welche der Diversität in Führungsgremien entgegengebracht wird, kann für die effektive Anpassung der Strukturen paradoxerweise vielleicht sogar hinderlich sein. Durch den Diskurs entsteht der Eindruck, dass viel geschieht – doch wie eingangs angetönt sind die zahlenmässigen Veränderungen in den Gremien zwar vorhanden, jedoch auf tiefem Niveau. Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, dass an der Spitze der Wettbewerb zunimmt und mit zunehmender Hierarchiestufe auch weniger Positionen zur Besetzung zur Verfügung stehen. Mit der Wahl einer Frau geht ein Platz für einen Mann verloren – und freiwillig wird kaum einer seine Position zur Verfügung stellen. Dieses wettbewerbsorientierte Verhalten, letztlich auch das Kämpfen um den Platz und die Anerkennung fällt nicht allen Frauen gleichermassen einfach. Das ist einer der weiteren Gründe, warum Frauen in Evaluationsprozessen eine Bewerbung nicht in Erwägung ziehen oder anders angesprochen und letztlich auch überzeugt werden müssen.

Was braucht es, damit Frauen in Aufsichtsgremien nicht mehr zur Ausnahme gehören?

Auch wenn wir Frauen das nicht gerne hören, braucht die Anpassung der Strukturen wie oben erwähnt Geduld. Gleichzeitig sind aber nicht nur die traditionellen Rollenbilder Grund für die Untervertretung, sondern auch die fehlende Visibilität der Frauen. Jedem Entscheidungsträger kommen bei einer Vakanz zahlreiche männliche Kandidaten in den Sinn; hingegen ist nur eine Handvoll weiblicher Kandidatinnen einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Wenn diese dann bei einer Anfrage keine Valenzen mehr haben, kann der Eindruck entstehen, dass Frauen kein Interesse an Führungspositionen haben. Hier setzt die Eigenverantwortung aller Frauen an, indem sie aktiv ihre Karriereziele gegenüber Entscheidungsträgern und Multiplikatoren kommunizieren und sich selber visibel machen. Nicht zuletzt bin ich der Meinung, dass Frauen sich gegenseitig noch mehr unterstützen können. Leider erlebe ich es auch, dass Frauen, welche es bis an die Spitze geschafft haben, in erster Linie für sich schauen. 

Hätten Sie einen Zauberstab, was würden Sie sich wünschen?

Mein Wunsch wäre es, mit dem Zauberstab einen Zustand hervorzurufen, in welchem keine Diskussion rund um Geschlechterdiversität und Frauenquoten mehr geführt werden muss. Dies ist der Fall, wenn eine kritische Masse von Frauen in Führungspositionen erreicht ist und das Geschlecht als primäres Unterscheidungsmerkmal in den Hintergrund rückt. In einer Gruppe sind es dann Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Persönlichkeitsmerkmalen, welche sich für eine Position gut oder weniger gut eignen und ins Team passen. Aber auch ohne Zauberstab können wir schon heute dafür sorgen, dass eine genügend hohe Zahl an Frauenkandidaturen in Bewerbungsprozessen vorhanden ist. Damit reduziert sich der sog. «unconscious bias», welcher dazu führt, dass Frauen mit anderen Massstäben evaluiert werden als Männer. Ein konkreter Schritt, der sich ohne jegliche Magie realisieren lässt.

Welche Frauen sollten unsere Leser_innen kennen?

Zwei inspirierende Frauen sind für mich persönlich Nathaly Bachmann und Heike Scholten.

www.innopool.ch

Handeln ist angesagt

Kathrin Amacker ist zurzeit die einzige Frau in der SBB-Konzernleitung. Zuvor war sie, als erste Frau überhaupt, in gleicher Funktion bei der Swisscom tätig. Seit vielen Jahren setzt sie sich ein für Gleichstellung in den Führungsetagen. 

Frau Amacker, in der Schweiz sind Frauen in Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten nach wie vor dünn gesät. Was denken Sie, woran könnte das liegen?

Kathrin Amacker:Das ist wohl ein Zusammenspiel verschiedenster Faktoren, die tief in unserer Sozialisierung verwurzelt sind. Der Spielraum von Frauen in der gesellschaftlichen Positionierung ist grundsätzlich kleiner als derjenige von Männern. Selber habe ich das zum Beispiel so erlebt, dass ich mich sowohl für meine drei Kinder als auch für mein 100-Prozent-Arbeitspensum rechtfertigen musste, während mein Mann für seine Pensumsreduktion gelobt wurde. Im Fachjargon spricht man vom «Double Bind»-Dilemma oder von der Zwickmühle der Frauen. Egal, was man tut, es stellt sich immer die Frage: Mache ich es richtig oder falsch?

Wie könnte der Frauenanteil erhöht werden? 

Ich bin kein Fan unendlicher Optimierungsversuche bei äusseren Rahmenbedingungen.

Die bei weitem wichtigste Massnahme ist, Frauen konsequent für Führungspositionen zu nominieren. Dabei darf man durchaus mutig vorgehen: Frauen müssen nicht immer überdurchschnittlich erfolgreich sein nach einer Beförderung, genauso wie Männer das auch nicht sind.

Ich bin zudem dafür, dass die Erhöhung des Frauenanteils in der Wirtschaft verbindlich geregelt wird, wobei die Unternehmen dies selbst tun sollen. Es wäre schade, wenn die Politik da verbindlich eingreifen müsste. Für mich ist klar: Langfristiger Erfolg wird nur durch eine breite Akzeptanz im Unternehmen und eine entsprechende Unternehmenskultur erreicht.

In der SBB-Konzernleitung sind Sie die einzige Frau. Sollte die SBB, als Bundesunternehmen, das Thema Gleichstellung nicht ernster nehmen?

Die SBB nimmt das Thema ernst und engagiert sich im Bereich der Frauenförderung. Bereits 1993 trat das Reglement über die Gleichstellung von Mann und Frau in Kraft, dieses ist seit 2001 auch im Gesamtarbeitsvertrag festgehalten. Die SBB bietet für Frauen spezielle Führungsausbildungen, Mentoring Programme und Netzwerke an. Bei den strategischen Nachfolgeplanungen wird ein besonderes Augenmerk auf die Laufbahnentwicklung von Frauen gelegt.

Die SBB hat sich zum Ziel gesetzt, den Frauenanteil in Führungspositionen bis 2020 deutlich zu steigern und demjenigen in der übrigen Belegschaft anzugleichen. Eine wichtige Entwicklung gibt es im SBB Verwaltungsrat: Vor wenigen Jahren gab es in diesem Gremium eine einzige Frau, heute sind es drei. Das entspricht 33 Prozent.

Nach wie vor verdienen Männer in einigen Berufen mehr als Frauen. Wie kommt es, Ihrer Meinung nach, dass sich solche Strukturen so hartnäckig halten?

Die Statistiken zeigen klar auf, dass beim Vergleich der Löhne von Frauen und Männern unter Berücksichtigung von Ausbildung, Hierarchiestufe, Alter und Erfahrung eine unerklärliche Differenz von 8 – 10 Prozent zu Ungunsten der Frauen verbleibt. Das nennt man Diskriminierung. Seit Einführung des Gleichstellungsgesetzes im Jahr 1996 ist in der Schweiz eine solche Diskriminierung nicht mehr tolerierbar. Statt sich in Diskussionen über Messmethodiken zu verlieren, ist Handeln angesagt. Nach über 20 Jahren gesetzlicher Verpflichtung müsste der Beweis für eine glaubwürdige Selbstregulierung jetzt angetreten sein.

Hätten Sie einen Zauberstab, was würden Sie sich wünschen?

Dass in allen Führungsgremien von Politik, Behörden, Verbänden und Wirtschaft mindestens 30 % Frauen sind. Ganz ohne Quote und mit gleichem Lohn für gleichwertige Arbeit.

Bild: Christine Strub

Kathrin Amacker, SBB-Konzernleitung 

Kathrin Amacker, Wikipedia

Eine zentrale Rolle

Prof. Dr. Regina Wecker (*1944), emeritierte Professorin für Frauen- und Geschlechtergeschichte war eine Pionierin in Sachen Geschlechterforschung in der Schweiz. 1998 erhielt sie den Wissenschaftspreis der Stadt Basel. 2015 den Chancengleichheitspreis beider Basel.

Frau Wecker, Sie sind Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Frauen- und Geschlechterforschung. Was sind die Schwerpunkte dieser Gesellschaft?

Prof. Dr. Regina Wecker: Nein, das bin ich nicht. Die Gesellschaft heisst heute «Schweizerische Gesellschaft für Geschlechterforschung (SGFGF)». Präsidentin ist seit diesem Jahr, Janine Dahinden (Uni Neuenburg), vorher war Andrea Maihofer (Uni Basel) fast 10 Jahre Präsidentin. Ich war Gründungsmitglied (gegr. 1997) und langjährige Präsidentin der Vorgängergesellschaft «Schweizer Gesellschaft für Frauen- und Geschlechterforschung».

Als Ziele wurden an der letzten Sitzung die Dauerbrenner-Themen erneut formuliert: 1. die Institutionalisierung der Gender Studies an Universitäten, in der Forschung und in der angewandten Wissenschaft, 2. Vernetzung aller Kräfte, die in diesem Bereich tätig sind 3. Sichtbarmachung der Gender Studies in der Öffentlichkeit. 

Welche Rolle spielten frühere Frauen im Wirtschaftsleben?

Wenn unter Wirtschaftsleben die Vielfalt der wirtschaftlichen Tätigkeiten zu verstehen ist, dann spielten Frauen eine zentrale Rolle, in der Hauswirtschaft, in der Landwirtschaft, aber auch im Finanzwesen als Geldgeberinnen. Ohne sie funktionierte die Wirtschaft nicht. Nur waren ihre Positionen – so wichtig sie waren – meist nicht mit Entscheidungskompetenzen verbunden.

Und heute? Was hat der Feminismus in der Schweiz bis jetzt erreicht? – Was noch nicht? 

Erreicht wurde die formalrechtliche, gesetzliche Gleichstellung von Frauen und zumindest die intensive Diskussion über alles das, was noch fehlt, nämlich die tatsächliche Gleichstellung in Familie, Beruf und Lohn. 

Ist Erwerbstätigkeit auch ein Machtfaktor?

In der Erwerbswelt werden die Weichen für die gesellschaftliche Entwicklung gestellt. Oft sind die multinationalen Firmen mächtiger als die nationalen Politiken. Die Teilhabe an diesen Entscheidungen ist ein zentraler Machtfaktor. 

Welche Feminismus-hemmende Faktoren gibt es? 

Macht, Angst vor Machtverlust, Traditionen, Angst vor Veränderung, Faulheit

Nach wie vor arbeiten viele Frauen ehrenamtlich und stehen nach einer Scheidung oder im Alter mittellos da, wie könnte das geändert werden?

Ehrenamtlich? Ich sehe eher, dass sie familiäre Erziehungs- und Betreuungsarbeiten – von Kindern bis zur Elterngeneration – sowie Haus- und Unterstützungsarbeiten übernehmen. Erwerbstätigkeit ist mit diesen Arbeiten immer noch schlecht zu verbinden. Aber das Ergebnis ist tatsächlich, dass sie schlecht abgesichert sind. 

Die Änderungsvorschläge sind so alt wie das Problem: bessere und flexiblere Teilzeitarbeitsmodelle für Männer und Frauen und die Bereitschaft von Männern Teilzeit zu arbeiten und die häusliche Arbeit zu übernehmen. Bessere Kinderbetreuungsmöglichkeiten. 

Welche Frauen/Pionierinnen sollten unsere Leser_innen kennen?

Regina Kägi-Fuchsmann (Schweizer Flüchtlingshelferin im 2. Weltkrieg), Louise Schröder (Bürgermeisterin in Berlin 1947), Alice Kessler-Harris (amerikanische Historikerin im Bereich Frauenlohnarbeit)

Prof. Dr. Regina Wecker, Uni Basel

Sich Gehör verschaffen und sich sichtbar machen

Dr. Esther Girsberger ist Autorin, Moderatorin, Kolumnistin. Sie ermuntert Frauen, sich vermehrt in der Öffentlichkeit zu Wort zu melden.

Frau Girsberger, Sie sind Autorin des Buchs «Abgewählt – Frauen an der Macht leben gefährlich» (2004). Ist das immer noch so?

Esther Girsberger:2004 hat die Statistik gezeigt, dass drei Mal mehr Frauen als Männer abgewählt worden sind. Ich habe die Statistik nicht nachgeführt, aber ganz sicher wäre das Verhältnis nicht mehr so krass. Wobei das wahrscheinlich eher damit zu tun hat, dass man generell kritischer geworden ist gegenüber Exekutivmitgliedern. Nicht zuletzt wegen der zunehmenden Personalisierung gegenüber Personen des öffentlichen Lebens.

Seit mehr als 25 Jahren stehen Sie in der Öffentlichkeit. Was hat sich in dieser Zeit für Frauen geändert?

Es gibt immer noch viel zu wenig Frauen an der Spitze von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Aber immerhin mehr als beispielsweise noch vor 20 Jahren, als ich Tagi-Chefredaktorin war. Damals war ich weit und breit die einzige Frau an der Spitze eines Publikumsmediums. Was dazu führte, dass die wenigen Frauen, die es gab, unter Dauerbeobachtung standen: wie kleidet sie sich, wo hält sie sich auf, was isst und trinkt sie, mit wem zeigt sie sich etc. Mittlerweile werden auch Männer auf Attribute reduziert. Aber immer noch weniger oft als die Frauen. 

Oft hört man von Männern, dass sie für die Frauen mitdenken – und sie deshalb auch ganz unter sich bleiben können. Ist «für Frauen mitdenken» genug?

Das ist Quatsch. Frauen konnten schon immer denken. Bevor sie das Frauenstimmrecht erhielten und bevor sie mindestens so gut ausgebildet waren wie Männer. Wobei ich nichts dagegen habe, wenn Männer ab und zu unter sich bleiben. Das tun wir Frauen ja auch. Denkend.

Welche Frauen aus dem bürgerlichen Lager setzen sich für Frauenanliegen ein? 

Eine ganze Reihe. Glücklicherweise ist es ja längst nicht mehr so, dass der Einsatz für Frauenanliegen rein ideologisch geprägt und damit den sog. Linken vorbehalten ist. Ohne den Einsatz bürgerlicher Frauen auf nationaler Ebene wäre beispielsweise die Aktienrechtsrevision, die Richtwerte für Geschlechter auf Kaderstufe vorschreibt, niemals durchgekommen.

> Webseite von Esther Girsberger: www.esther-girsberger.ch

Rollenerweiterungen von Frauen und Männern

Regina Probst, BS Psychologie, Lehrerin und Genderfachfrau, Bern 

Frau Probst, Sie bezeichnen sich nicht mehr als Feministin, obwohl Sie nach wie vor für die Gleichstellung der Geschlechter sind. Ist das Wort «Feminismus» zu ungenau? Gibt es diverse Feminismen? 

Regina Probst:Frei nach Rilke würde ich es so sehen: «Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen …». 

Das heisst, feministische Anliegen sind in meiner aktuellen Vorstellung immer noch unabdingbarer Teil der erforderlichen Entwicklungen. Es kann gar nicht anders sein, wenn die Postulate der Gleichheit der Menschen und die Menschenrechte gelten sollen. In vielen Ländern bedeutet es sogar immer noch primär, den Frauen Rechte zu geben, Diskriminierungen zu verbieten. Das muss aber stets in Bezug auf das konkrete Anliegen gesehen werden. 

Schauen wir aber auf Länder wie unsere westlichen Demokratien, sind wir doch schon sehr weit, was Rechte und Freiheiten anbelangt und weiter kommen wir nun eigentlich nur noch, wenn nun die «Verschiebungen» im Fokus sind, die beide Geschlechter betreffen: Elternzeit, Führungspositionen teilen, etc. Es sind also nicht mehr vor allem gleiche Freiheiten und Rechte wie Männer im Blick, sondern Rollenerweiterungen von Frauen und Männern. Gleichstellung eben. Der Begriff «Feminismus» untergräbt nun den Prozess fast eher. Nicht für jene, die wissen, wofür er steht, sondern für jene, die das Gleichstellungsanliegen offen annehmen, vor allem junge Menschen, denen aber das ausschliesslich weibliche im Wort nicht passend erscheint. Es ist weniger möglich, all die Menschen damit abzuholen, die heute einsteigen. 

Für mich persönlich ist es zudem auch der unschöne Prozess, den ich immer wieder und ganz besonders im Zusammenhang mit einer von mir gegründeten Organisation erlebt habe, nämlich dass Frauen keine besseren Menschen sind. Sie bringen zwar besondere Erfahrungen mit, solange sie explizit anders sozialisiert werden – und das sind durchaus eine Sensibilisierung für Soziales und Kommunikation – doch eben auch deren Schattenseiten: unter anderem Aggression auf die psychische oft intrigante, indirekte Ebene verschoben, mangels Übung an offener Konfliktaustragung. Erlernte Hilflosigkeit, Passivität, bis hin zu sich in dieser einzurichten (alles, was ich als Frau «nicht gut kann», schiebe ich gerne den Männern zu). Das hindert Frauen eben auch, sich selber zu entwickeln, die Komfortzone zu verlassen. Diese Erwartung habe ich vor allem an die Frauen der gebildeten Mittelschicht.

Natürlich müssen Frauen eine Entscheidung mehr im Leben treffen, die sie nicht abschieben können: Kinder. In der Schweiz, wo das immer noch in den privaten Entscheidungsraum gestellt wird, ist es die Weggabelung Nummer eins, um Frauen und Männer immer wieder auf traditionelle Schienen zu bringen. Da gibt es dringenden Handlungsbedarf. 

Aber es ist eben nicht nur das. Psychologisch wälzen wir Menschen gerne unsere persönlichen Schwachstellen auf äussere Bedingungen und schauen nicht so gerne den eigenen Beitrag an. 

«Diverse Feminismen» gibt und gab es natürlich schon immer, beispielsweise analog zu den politischen Ansichten, die eine Person vertritt, wird sie auch die Weltsicht von dort in ihren «Feminismus» einbringen: So ist für FDP-Frauen eher der Fokus auf «Leistung erbringen», als auf Quoten. (Was sich bezüglich Quoten gerade etwas ändert). Oder christlich-bürgerlich orientierte Feministinnen haben ab einem gewissen Punkt eher Mühe mit gesellschaftsliberalen Forderungen und halten moralische Normen höher. Es gäbe noch sehr viele weitere Ausprägungen. Ich akzeptiere alles als «feministisch», solange sich nicht völlig kontraproduktive Konzepte dahinter verbergen. Also wenn es als «feministisch-emanzipativ» gelten soll, sich vom Mann belästigen zu lassen, wie die 99 prominenten französischen Frauen in einem Brief gegen die «Metoo»-Bewegung eingefordert hatten, kann ich nur den Kopf schütteln. Es ist auch ein Affront gegenüber Männern, dass die offenbar nicht anders flirten können sollen und unfähig seien, es zu lernen. Das ist ein sich angeeigneter Begriff für etwas ganz anderes: sich das patriarchale Konzept schönreden. Wobei dieses Konzept nicht persönlich konkrete Männer meint, sondern ein gesellschaftsordnendes System, das zwingend am Auslaufen ist, weil im 21. Jahrhundert nichts an unserem Leben mehr dazu passt. 

Sie analysieren Genderthemen mit Blick auf beiden Geschlechtern. Worum geht es Ihnen dabei? 

Wie schon erwähnt, lässt die Überwindung der patriarchalen Ordnung einer Gesellschaft bis hinunter ins Fundament keinen Stein auf dem Anderen. Es betrifft also zwingend beide Geschlechter. Hinzu kommt, dass nun auch Männerorganisationen Themen über die ungesunden Verhaltensweisen von traditionell erzogenen Männern aufklären, die hohe Selbstmordrate, die geringere Lebenserwartung, die verdeckten Depressionen, die Gewalt. Es brauchte natürlich eine Verschiebung der allgemeinen Normen, um das zu problematisieren, während es vorher einfach «normal» war. Doch mit zunehmender Zivilisierung steigt auch die Sensibilisierung: Beispielsweise Gewalt gehört nicht einfach mehr zur Gesellschaft, also schauen wir überall hin, wo sie ist und wie sie entsteht. Auch Gewalt an sich selber. Es ist völlig sinnlos, Genderthemen nur an einem Geschlecht zu analysieren.

Welche Faktoren hemmen Ihrer Meinung nach die Gleichstellung von Frau und Mann? 

In erster Linie ironisch ausgedrückt einmal die Menschen selber. Wie verändern uns mehrheitlich nicht gerne und auch nicht unsere Gewohnheiten. Gleichstellung anstreben ist anstrengend und hört nie auf. Konservative Menschen meiden das Neue noch mehr, das zeigt die sozialpsychologische Forschung. Demokratische Länder haben das Tempo ihrer Bevölkerung, direktdemokratische Länder wie die Schweiz noch mehr. Das ist erst mal gut und soll so bleiben. Wir müssen uns darauf einstellen können, dass es kleine bis sehr kleine Schritte vorwärts geht und öfter auch einmal einen zurück. Sicher ist die Erweiterung der männlichen Rolle und das Verinnerlichen nun ein längerer Prozess, der auch konkrete Anliegen wie Väterzeit/Elternzeit noch mental stark sabotiert. Vorher gibt es aber keine Durchbrüche, wir müssen ja Mehrheiten haben. 

Was wäre eine ideale Gesellschaft?  

Mir ist es eigentlich schon ideal genug. Wichtig ist, keinerlei Abbau an demokratischen Institutionen zuzulassen. Die Unabhängigkeit der Rechtsprechung vom politischen Entscheidungsraum. Das kann auch die teilweise Einbettung in europäische oder globale Institutionen sein. Natürlich muss der Gleichstellungsprozess weitergehen und auch eine noch stärkere Institutionalisierung von gleichen Chancen ist wichtig, vor allem auch über die Gesellschaftsschichten hinweg. Gleichzeitig sollen die Freiheit und die Leistung des Individuums aber nicht zu sehr in den Hintergrund treten. Selbstbewusstsein entwickelt sich nur aufgrund eigener Leistung. Aber die Rahmenbedingungen dafür müssen fair sein.