2019
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Beruf und Familie

Valérie Borioli Sandoz ist Leiterin Gleichstellungspolitik bei TravailSuisse.

Frau Borioli Sandoz, trotz Gleichstellungsgesetz erhalten Frauen in der Schweiz weniger Lohn als Männer für die gleiche Arbeit. Lässt sich das noch ändern bevor wir alle alt und grau sind?

Valérie Borioli Sandoz: Um das Gleichstellungsgesetz tatsächlich wirksam zu machen, wird möglicherweise eine zweite Überarbeitung notwendig sein. Langsamkeit prägt die parlamentarischen Prozesse in unserem Land, daher besteht durchaus die Gefahr, dass wir «alt und grau» sind, bevor jegliche Lohndiskriminierung aufgrund des Geschlechts überwunden ist. Leider sieht das Gleichstellungsgesetz weder Lohnkontrollen in den Unternehmen noch Sanktionen bei mangelnder Lohngleichheit vor, wie das zum Beispiel beim Arbeitsgesetz der Fall ist. Die letzte Revision des Gleichstellungsgesetzes führte die Verpflichtung der Unternehmen ein, Löhne unter geschlechtsspezifischen Gesichtspunkten zu analysieren. Das Problem ist, dass diese Verpflichtung von der Mehrheit des Parlaments auf Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten beschränkt wurde. Deshalb sind 99,1 % der Unternehmen von der Verpflichtung, ihre Selbstanalyse durchzuführen, ausgenommen und somit werden 52 % aller in der Schweiz arbeitenden Menschen von dieser Gesetzesänderung ausgeschlossen sein. 
Es ist höchste Zeit, dass die Zivilgesellschaft, insbesondere die Gewerkschaften, Druck ausüben. Bei der Aushandlung von Tarifverträgen oder Gesamtarbeitsverträgen leisten sie bereits wichtige Arbeit für die Gleichstellung von Mann und Frau. In Zukunft müssen weitere Instrumente entwickelt werden, um Unternehmen, die das Problem einfach ignorieren, in die Pflicht zu nehmen.

Gibt es weitere Bereiche im Berufsleben, in denen die Gleichstellung noch nicht realisiert ist?

Leider ja. In der intensiven Lebensphase einer Familiengründung finden Frauen und Männer unterschiedliche Rahmenbedingungen vor. Frauen, die ein Kind zur Welt bringen, haben Anspruch auf eine durch die Einkommensausfallversicherung bezahlte Abwesenheit, was normal ist, doch der Vater hat zurzeit kein Recht auf einen Vaterschaftsurlaub. Von den Unternehmen wird eine Schwangerschaft aufgrund der zukünftigen Abwesenheit der Mutter oft als Problem wahrgenommen. Nur die Frauen erleiden negative Folgen nach der Geburt eines Kindes: Viel zu oft werden sie entlassen, und das in einer besonders intensiven Phase ihres Lebens. Wenn die Stimmberechtigten zur Initiative von Travail.Suisse, ProFamilia Suisse, alliance F und männer.ch zum 20-tägigen Vaterschaftsurlaub Stellung beziehen können, könnten sich die Dinge ändern. Zum Zeitpunkt der Geburt muss ein gewisses Gleichgewicht zwischen Vater und Mutter hergestellt werden, nur schon, weil ein Kind in den ersten Tagen beide Elternteile braucht. Es ist auch notwendig, Paaren eine bessere Aufteilung der Arbeitsbelastung zu ermöglichen. Dies, indem mehr Teilzeitstellen oder Jobsharing sowohl für Männer als auch für Frauen angeboten werden.

Nach der Familienphase finden viele Frauen keinen passenden Job mehr. Was denken Sie, müsste sich diesbezüglich ändern?

Der erste Rat an Frauen ist, dass sie ihre Erwerbstätigkeit nicht unterbrechen. Mit der Unterstützung ihres Partners sollten Frauen in der Lage sein, ihre berufliche Tätigkeit auch mit Kindern fortzusetzen. Das Aussteigen aus dem Arbeitsprozess führt zu einer unvollständigen beruflichen Biografie, die den Arbeitgebern nicht gefällt, trotz der vielen in dieser «Familienphase» erworbenen Fähigkeiten. Damit beiden Partner, auch mit Kindern, weiterhin möglich ist berufstätig zu sein, ist es unverzichtbar, mehr Kinderbetreuungsplätze bereitzustellen. Wie später auch in der Schule sollte jedes Kind mindestens zwei Tage pro Woche Anspruch auf einen Krippenplatz haben. Das wäre eine echte Dienstleistung des öffentlichen Dienstes. Wie in anderen Ländern bereits vorhanden, muss sich der Staat auch verpflichten, Kinderkrippenplätze zu finanzieren, um die Kosten der Eltern zu senken. Die Schulzeiten müssen angepasst werden, um sicherzustellen, dass die Kinder vor und nach der Schule betreut werden, einschliesslich mittags, damit die Betreuungszeiten mit der beruflichen Tätigkeit der Eltern vereinbar sind. Abschliessend rate ich allen, sich mit Unterstützung seines Arbeitgebers/seiner Arbeitgeberin ein ganzes Leben lang weiterzubilden. Unsere Welt verändert sich so schnell, dass es wichtig ist, «beschäftigungsfähig» zu bleiben.

Welche Massnahmen braucht es von den Arbeitgebenden, damit sich auch Väter vermehrt in der Familie einbringen können?

Zunächst können Unternehmen den 20-tägigen Vaterschaftsurlaub im Rahmen der Volksinitiative unterstützen. Das ist für sie nur von Vorteil, denn der Vaterschaftsurlaub wird durch die Lohnausfallversicherung finanziert, die bereits von Arbeitgebern und Arbeitnehmern bezahlt wird. Dank der Volksinitiative wird jedes KMU ihren Mitarbeitern den gleichen Vaterschaftsurlaub bieten können wie das die grossen Unternehmen bereits tun. KMU können schon heute ihre Unterstützung auf der von männer.ch publizierten Webseite www.100-pro.ch öffentlich ankündigen.
Darüber hinaus sollten Führungskräfte in Unternehmen die familiäre und persönliche Situation jedes einzelnen Mitarbeiters kennen. Sie müssen verstehen, dass Väter ebenso wie Mütter das Recht haben, bei Erkrankungen ihrer Kinder jeweils bis zu drei Tage abwesend zu sein. Das ist ein Elternrecht. Die Art der Arbeitsorganisation, insbesondere die Sitzungen am Ende des Tages, sollte sich an das Familienleben anpassen. Die Unternehmenskultur muss sich weiterentwickeln, um den Bestrebungen der jüngeren Generationen nach einer besseren Aufgabenteilung innerhalb der Familie und einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben gerecht zu werden. Präsentismus sollte nicht mehr belohnt werden und es darf nicht erwarten erwartet werden, dass ein Mitarbeiter eine Aufgabe am Abend oder am Wochenende erledigt. Schon jetzt können Massnahmen ergriffen werden, wie zum Beispiel die Anerkennung eines Rechtes auf Unerreichbarkeit.

Gibt es Frauen, die Sie im Verlauf Ihres Lebens inspiriert haben oder immer noch inspirieren?

Ja, es gibt viele und oft anonym, wie Firmenchefinnen oder Bäuerinnen aus meiner Umgebung, die trotz ihrer schweren und vielfältigen Aufgaben Lächeln und ihre kommunikative Energie bewahren. Im politischen Leben bewundere ich die ehemalige CVP-Nationalrätin und Nationalratspräsidentin Chiara Simoneschi-Cortesi. Politik zu betreiben führt oft zu vielen Opfern, vor allem wenn man eine Frau ist, weil die politische Welt von männlichen Regeln bestimmt wird. Ich bin zutiefst traurig über den jüngsten Beschluss von Ständerätin Géraldine Savary, sich aus dem politischen Leben zurückzuziehen. Die Kämpfe, die diese waadtländische Sozialdemokratin geführt hat, haben von ihrem Engagement und ihren aussergewöhnlichen Fähigkeiten profitiert. Um ihre Rechtschaffenheit und Ethik, könnten sie viele männliche Politiker beneiden. In einem anderen Bereich bewundere ich die indische Aktivistin Vandana Shiva, die für die Zukunft der indischen Bauern, die Ernährungssouveränität und den Schutz der biologischen Vielfalt in all ihren Formen kämpft. Schliesslich inspiriert mich das Denken der englischen Ökonomin Kate Raworth («Die Donut-Ökonomie»). Es ist das eines neuen ökonomischen Paradigmas, das wir brauchen, für eine integrierte, vernetzte, dynamische, saubere und umverteilende Wirtschaft.

Aus dem Französischen übersetzt von Fatima Vidal

Valérie Borioli Sandoz, TravailSuisse

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