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Befreiungsbewegung für alle

Tamara Funiciello, Grossrätin Kanton Bern und Vizepräsidentin SP Schweiz

Frau Funiciello, was hat der Feminismus in der Schweiz bis jetzt erreicht? – Was noch nicht?

Tamara Funiciello: Ganz kurz gesagt: Dank unseren feministischen Vorkämpferinnen haben wir heute weitgehende rechtliche Gleichstellung, zumindest heterosexuelle Frauen. Was uns aber fehlt, ist ökonomische und gesellschaftliche Gleichstellung.

Ein Beispiel: Frauen und Männer arbeiten etwa gleich viele Stunden pro Jahr, Frauen verdienen aber 108 Milliarden weniger – weil ihre Arbeit schlechter bezahlt wird. Zusätzlich leisten Frauen unbezahlte Care Arbeit im Wert von 248 Milliarden Franken – jedes Jahr. Es geht also um Kohle – viel Kohle. Gleichzeitig (und durchaus zusammenhängend) grassiert immer noch übler Sexismus und sexualisierte Gewalt: Wenn du Frauen fragst, welche Schutzmassnahmen sie ergreifen, wenn sie in der Nacht nach Hause laufen, kriegst du eine ganze Liste. Angefangen mit «Dunkle Strassen meiden!» über «Den Schlüssel als mögliche Waffe in die Hand nehmen!» und dergleichen. Wenn du Männer fragst, kriegst du ein irritiertes Schulterzucken, weil sie diese Angst einfach nicht kennen. Da haben wir noch viel Arbeit vor uns.

Aber um es nochmals zu sagen: Wir stehen auf den Schultern der Feministinnen vor uns. Ohne ihre Arbeit wäre es mir zum Beispiel nicht möglich so zu politisieren, wie ich es tue.

Können Männer etwas zum Feminismus beitragen?

Natürlich. Sowohl individuell als auch politisch-gesellschaftlich. Denn: Mein Feminismus ist nicht eine Bewegung «nur» für Frauen. Den Feminismus, den ich vertrete ist eine Befreiungsbewegung für alle. Er bekämpft alle illegitime Machtgefälle – und daher ist er antisexistisch, antirassistisch, antipatriarchal, antikapitalistisch. Er bekämpft Trans- und Homophobie, Rollenbilder und Geschlechterstereotypen, toxische Männlichkeiten, die Ausbeutung unseres Planeten, sowie tiefe Löhne, hohe Arbeitsstunden, niedrige Renten. Für mich ist Feminismus DIE emanzipatorische Bewegung der 21. Jahrhunderts.

Nach wie vor arbeiten viele Frauen ehrenamtlich und stehen nach einer Scheidung oder im Alter mittellos da, wie könnte das geändert werden?

Zwei Massnahmen wären dringend nötig:
Erstens: eine massive Stärkung der AHV gegenüber den Pensionskassen. In der AHV wird unbezahlte Arbeit abgegolten und das System funktioniert solidarisch, deshalb gibt es da praktisch keine geschlechtsspezifischen Rentenunterschiede. Aus den Pensionskassen erhalten Frauen hingegen aus verschiedenen Gründen 60 % weniger Rente, das ist doch skandalös! Deshalb brauchen wir dringend eine Volkspension!
Zweitens brauchen wir eine radikale Verkürzung der Arbeitszeit. Unsere Gesellschaft wird immer produktiver und trotzdem arbeiten wir immer mehr – der Gewinn, der daraus resultiert, streicht das reichste Prozent ein.

Viel schlauer wäre es doch, wenn alle von diesem Profit profitieren würden, indem man bei gleichbleibendem Lohn die Arbeitszeit massiv verkürzt. So kämen wir aus diesem elenden Teufelskreis von «Frauen reduzieren ihr Pensum, Männer nicht» raus, weil dann beide genügend Zeit hätten, sich um Kinder, Haushalt, Betagte, Gesellschaft und Umwelt zu kümmern. 

Welche feminismus-hemmende Faktoren gibt es?

Ich glaube nicht, dass es einzelne Faktoren gibt, die losgelöst voneinander existieren. Vielmehr leben wir in einem System – dem Patriarchat – das sich an Männern orientiert und indem überwiegend Männer dort sind, wo Macht und Geld ist. Das Männliche ist das Normale, das merkt man ja nur schon in unserer Sprache. Das hat einen Einfluss auf all unsere Lebensbereiche: auf die Kultur (wo sowohl Ausführende als auch Inhalt oft Männer sind), auf die Schönheitsindustrie und Religion sowieso, aber auch zum Beispiel auf das Gesundheitswesen etc., etc.

Zusätzlich darf man nicht vergessen, dass der Kapitalismus davon lebt, dass Frauen gratis arbeiten – stellt euch vor, wir müssten die 248 Milliarden unbezahlte Arbeit bezahlen, die die Frauen leisten. Bei einem Bundesbudget von rund 60 Milliarden …

Wenn Frau will, steht alles still. Wenn Frauen ihre unbezahlte Arbeit nicht mehr erledigen würden, dann geht faktisch das System unter. Das nenne ich mal viel Macht.

Wie wäre Ihr Leben verlaufen, wenn Sie ein Mann wären? Wie wäre Ihr heutiger Alltag?

Wenn ich in Sitzungen sitze und mich wieder mal ein alter Dude von oben herab behandelt frage ich mich oft, ob er auch so mit mir reden würde, wenn ich ein Mann wäre – vermutlich nicht. Wenn ich Artikel lese, zu meiner Arbeit und die herabgewürdigt und kleingeredet wird, meine Erfolge dem Zufall zugeschrieben werden … nun, dann weiss ich, dass es auch anders gehen könnte. Auch wenn ich Hassmails kriege, die primär deplatzierte Aussagen zu meinem Aussehen und meinem Liebesleben erhalten, weiss ich, dass meine männlichen Kollegen zwar auch beleidigt werden, aber auf eine andere, weniger sexualisierte Art. Es wäre also wohl vieles einfacher, wenn ich ein Mann wäre.
Aber ich mag den Weg des geringeren Widerstands eh nicht, von dem her – let’s fight!

Ist 2019 das Jahr der Frauen?

2019 ist der Beginn des Feministischen Jahrhundert. Denn ich bin überzeugt: Feminismus für die 99 % oder Barbarei.

Es kann nicht so weitergehen. Ein System, das sich an den Profiten der wenigen orientiert und nicht an den Bedürfnissen aller, kann nicht bestehen. Entweder wir ändern das, oder uns schmilzt die Erde schlicht unter dem Hintern weg.

Wir brauchen eine Umkehr dieser Logik: Wir brauchen ein System, das sich an den Bedürfnissen aller orientiert. 

Welche Feminist_innen sollten unsere Leser_innen kennen?

Das könnte eine endlose Liste werden. Meine Ikone ist natürlich Rosa Luxemburg, die mich mit ihrem Zitat «Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat» inspiriert und geprägt hat.

Aber auch Nancy Fraser, die gerade im Juli das Manifest für ein Feminismus für die 99 % herausgegeben hat – oder Silvia Federici, die schwarze lesbische Autorin Audrey Lorde, die Rapperin Mona Haydar, die Frauenrechtlerin Nasrin Sotoudeh, die beiden Drag Queens Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera (Stonewall was a Riot!), aber auch Ruth Dreifuss, Natascha Wey, Itziar Marañon, Tanja Bauer, Anja Peter, Simona Isler, Manuela Honegger, Jolanda Spiess Hegglin, Lina Gafner, Rahel el Maawi, … ich könnte stundenlang fortfahren.

Letztlich denke ich aber, dass jede Frau (und auch jeder Mann) sich auf die Suche nach ihren eigenen feministischen Vorbildern machen sollte – denn es gibt so viele. Und wir werden immer mehr … also los!

Unteres Foto: Ruth D. Bandana

www.tamarafuniciello.ch

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