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Alles erkämpft

Sylvie Durrer ist Direktorin des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann.

Frau Durrer, Was hat der Feminismus in der Schweiz bisher erreicht? Was noch nicht?

Sylvie Durrer: Die Schweiz verdankt den Feministinnen viel. Denn es waren die Feministinnen, die bis 1971 für das Frauenstimmrecht gekämpft haben. Es waren die Feministinnen, die sich für das neue Eherecht eingesetzt haben, mit dem 1988 der Begriff des männlichen «Familienoberhaupts» abgeschafft wurde. Es waren die Feministinnen, die 1996 das Gleichstellungsgesetz erwirkt haben, das eine Diskriminierung in Bezug auf die Anstellung, Aufgabenzuteilung, Gestaltung der Arbeitsbedingungen, Entlöhnung, Aus- und Weiterbildung, Beförderung und Entlassung untersagt. Ebendieses Gesetz verbietet auch die sexuelle Belästigung. 

Wir verdanken den Feministinnen auch die Anerkennung der unbezahlten Arbeit über Erziehungsgutschriften im Rahmen der AHV-Revision von 1997. Eine weitere wichtige Errungenschaft ist das seit 2000 geltende neue Scheidungsrecht, das eine Scheidung auf gemeinsames Begehren sowie die Aufteilung der Guthaben der zweiten Säule gebracht hat. 2002 wurde der freiwillige Schwangerschaftsabbruch legal und 2004 stellte die Offizialisierung von Gewaltdelikten in Paarbeziehungen einen weiteren Meilenstein dar. Vorher waren Fälle von häuslicher Gewalt Privatsache. Hart erkämpft war auch der 2005 eingeführte Mutterschaftsurlaub. Letztes Jahr ist die Istanbul-Konvention in Kraft getreten und das Parlament hat eine Pflicht zur regelmässigen Lohnanalyse für Unternehmen ab 100 Mitarbeitenden beschlossen. Heute regieren im Bundesrat drei Frauen und vier Männer.

Diese Errungenschaften gründen auf unzähligen wissenschaftlichen Studien, medialen und öffentlichen Diskussionen und – teilweise auch emotionalen -Parlamentsdebatten, vor allem aber auf dem unermüdlichen Einsatz der Feministinnen. 

Wir haben viel erreicht und wir sind auf dem richtigen Weg, aber wir müssen auch wahrhaben, dass Frauen nach wie vor weniger Lohn verdienen als Männer und diese Lohndiskriminierung die Frauen, ihre Familien und unsere Gesellschaft als Ganzes jedes Jahr Milliarden kostet. Dass Machtpositionen viel zu selten von Frauen eingenommen werden. Dass rund alle 2 Wochen häusliche Gewalt tödlich endet. Dass traditionelle Rollenbilder immer noch stark die Studien- und Berufswahl von Mädchen und Buben prägen. Dass Arbeit und Familie auch heute noch schwer zu vereinbaren sind. Dass in der familienergänzenden Kinderbetreuung weiterhin zu wenige Plätze zur Verfügung stehen. Und dass der Anteil der Frauen im Schweizer Parlament seit 2007 stagniert. Bei der Gleichstellung ist nichts einfach so gegeben, alles muss erkämpft werden. Durch die unermüdliche Arbeit von Frauen und Männern. 

Würden typische «Frauenberufe» besser entlohnt, wenn sie typische «Männerberufe» wären?

Verschiedene Studien zeigen tatsächlich, dass als Männerberufe geltende Tätigkeiten besser entlöhnt werden als klassische Frauenberufe, und zwar trotz der Tatsache, dass unsere Verfassung gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit fordert.

Heutzutage sind junge Menschen emanzipiert, doch sobald sie Eltern werden, übernimmt oftmals die Frau die Kinderbetreuung. Wie kommt das? Und was hat das für Folgen?

Die statistische Durchschnittsfamilie sieht heute so aus: Der Mann arbeitet Vollzeit und die Frau arbeitet Teilzeit, häufig ca. 50 Prozent. Junge Paare verfolgen zwar meist das Ideal der Gleichstellung und planen, sich die Kinderbetreuung zu teilen. Doch sobald Kinder da sind, wird alles kompliziert, insbesondere, weil die Betreuungsstrukturen und die Schulzeiten punkto Verfügbarkeit und Kosten hinterherhinken. Wegen der Lohnungleichheit ist es häufig die Frau, die ihren Beschäftigungsgrad reduziert – unter anderem aus finanziellen Überlegungen. In vielen Fällen jedoch trifft das Paar diesen Entscheid nur mit Bedauern und kehrt gezwungenermassen zu traditionellen Mustern zurück. Dieses Modell hat für die Wirtschaft, die Familie und die Gesellschaft insgesamt einen hohen Preis. Denn es bedeutet weniger Fachkräfte für die Unternehmen, weniger Geld im Familienalltag, aber auch viel weniger Geld für die Frauen nach der Pensionierung, insbesondere aus ihrer zweiten Säule. Viele Menschen sind sich des Ausmasses der wirtschaftlichen Folgen mangelnder Gleichstellung gar nicht bewusst.

Was können Männer tun, wenn sie Zeugen von Sexismus, Gewalt oder Ungleichbehandlung werden?

Zeugen können und müssen handeln. Ihre Solidarität mit der ungerecht behandelten Person zeigen. Sich aber auch an den Täter wenden und ihn zurechtweisen. Es ist wichtig, dass die Opfer nicht alleine bleiben. Manchmal reicht wenig, um eine Situation zu verbessern. Zeugen haben Pflichten, aber auch Macht. In diesem Fall kann ein kleiner Dreisatz nützlich sein. Die Situation benennen: Ich habe gehört, was du zu ihr gesagt hast. Dann deutlicher werden: Das ist inakzeptabel und sexistisch. Schlussendlich klar mitteilen, was in Zukunft erwartet wird: Ich möchte sowas in meinem Team, in meinem Haus nicht mehr hören usw. Es ist auch sinnvoll, wenn sich ein zweiter Zeuge dahingehend äussert. Das alles mag selbstverständlich erscheinen – und ist es auch. Aber es ist eben auch wirksam. 

Welche Frauen sollten unsere Leserinnen und Leser kennen?

Es gibt so viele Pionierinnen, die nie als solche erkannt wurden oder in Vergessenheit geraten sind. Ich denke insbesondere an Emilie Kempin-Spiry (1853–1901), die heute noch eine äusserst inspirierende Person ist. Die dreifache Mutter erlangte im Alter von 30 Jahren die Matura, trotz des Widerstands ihrer Familie. 1887 promovierte sie als erste Schweizer Juristin. In ihrem Beruf war sie nie tätig, weil sie nicht über die erforderlichen staatsbürgerlichen Rechte verfügte. Sie ging daher bis vor das Bundesgericht, um das Stimmrecht einzufordern. Vergeblich. Emilie Kempin-Spyri wanderte deshalb mit ihrer Familie nach New York aus, wo sie eine Rechtsschule für Frauen gründete und die Zulassung von Frauen zum Rechtsstudium und zur Advokatur bewirkte. Sie starb 1901 mit 48 Jahren einsam und verarmt in der damaligen Basler Irrenanstalt Friedmatt. Emilie Kempin-Spyri verkörpert Mut und Entschlossenheit und ihr sollte ein gebührender Platz unter den grossen Persönlichkeiten der Schweizer Geschichte und damit auch in den Geschichtsbüchern eingeräumt werden. Emilie Kempin-Spiryverdient Bekanntheit und Anerkennung.

Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann EBG

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